Archiv für 12. März 2009

Wiedergeboren in Passau

Die Zeitung NEUES WIENER TAGBLATT  ist am 26.07.1934 voll vom nationalsozialistischen Putschversuch in Österreich. Bundeskanzler Dollfuß wurde ermordet. Ermordet wurde auch der Stadthauptmann von Insbruck.

attentat

Ausserdem vermeldet die Zeitung, dass es in den USA eine Hitzekatastrophe gibt. Nahezu 800 Menschen wären in Folge dessen gestorben. Davon hat Missouri 205 und Illinois 150 Opfer zu beklagen. 45 Grad ist es dort und ich vermute, Celsius sind gemeint. Derweil wintert es zeitgleich in Colorado. Auf dem Mount Evanes fanden Kletterer 4 Zentimeter Schnee. In Ankara sandstürmte es so, dass der Verkehr von Eseln, Schafen, Ziegen und der wenigen Automobile für eine Viertelstunde lahmgelegt war. “Kurz darauf wurde die Stadt von wolkenbruchartigem Regen heimgesucht.” Eine Diskussion über das Klima wurde nicht geführt.

Der Schwedenkönig wäre fast von einem rasch fahrenden Auto getötet worden, als er bei einem Tennisturnier weilte. Der österreichische Tennisspieler Matejka riss ihn von der Strasse zurück. Offenbar waren gekrönte Häupter damals nur so unterwegs und der Drang, sie umzubringen, um in die Schlagzeilen zu kommen, schwach verbreitet. Ob anschliessend hinterbänklernde Abgeordnete einen Vorschlag, Geschwindigkeiten von Autos bei Tennisturnieren zu begrenzen, eingebracht haben, ist nicht überliefert.

Eine Himalajaexpedition unter Führung Willy Merkels ist  bis auf den letzten Mann umgekommen und die Damenkonfektion im Hause Gerngroß setzt die radikale Räumung ihres Sommerlagers in Mänteln, Kleidern und Blusen fort. Also nichts wie hin! Unter der Rubrik (Lebensmüde): Der 78 Graveur Leopold Krämer, Dorfmühlengasse 16, hat sich mit Leuchtgas getötet. Auch hin!

Unterdessen wollen die Flottenmächte USA, England und Japan eine Konferenz veranstalten. Japan sagt aber, wenn es um politische Fragen wie die Rolle Japans in China geht, würde man erst gar nicht teilnehmen. Das wäre nämlich nicht zielführend. Die USA und England sind einverstanden, die Konferenz abzuhalten, ohne politische Fragen zu berühren, trifft man sich eben zum Tee.

Jüdische Rundschau

Am 15.Mai 1934 erscheint die JÜDISCHE RUNDSCHAU für 25 Reichspfennige. Tatsächlich! Laut Zeitungszeugen wird  sie erst mit den Pogromen 1938 eingestellt. Grossen Raum nimmt die Berichterstattung über die Palästinafrage ein. Im britischen Unterhaus wird über die Palästina-Anleihe diskutiert. Wie es ausschaut, zahlt Palästina Kriegsreparationen an England. Eine erste Anleihe hat sich positiv auf die Rückzahlungen ausgewirkt. Ansonsten gibt es für die Periode April bis September 1934 nur 5600 Arbeitseinwandererzertifikate für Palästina und pro Jahr werden gerade etwas über 20 000 Juden neu aufgenommen, womit die Frage beantwortet wäre, warum nicht mehr Juden nach Palästina geflohen sind. Abgesehen von der Herausdrängung aus dem öffentlichen Leben ist das Leben der Juden relativ normal, obwohl es immer wieder scharfe Angriffe in der deutschen Presse gibt. Deshalb befasst sich die JÜDISCHE RUNDSCHAU auch mit Richtigstellungen von Vorwürfen, wie dem Ritualmord, und zitiert nationalsozialistische Zeitungen, wie den STÜRMER, um sich dann mit den Artikeln auseinanderzusetzen. Vorm Landgericht Berlin lehnt der Kläger, ein Nationalsozialist, den jüdischen Richter wegen Befangenheit ab. Der Ablehnung wird stattgegeben. In Afghanistan wird die Bewegungsfreiheit der Juden eingeschränkt, Kabul darf nur mit Genehmigung verlassen werden. Die JÜDISCHE RUNDSCHAU zitiert auch Artikel, die den Eindruck erwecken, die Reinhaltung des deutschen Blutes sei eine Zurückhaltungsfrage der Deutschen. Also alles nicht so gemeint. Ihr paart Euch mit Euresgleichen, wir paaren uns mit Unseresgleichen. Wer also heute schreibt, die Entwicklung in die Gaskammern hätte man doch voraussehen können, als kluger Jude, ist ein übler Hohlkopf. Schlimmeres wird aus Polen vermeldet:

polen

Her mit der Erderwärmung!

Jetzt hab ich aber langsam die Faxen dicke! Freiheit für Grönland! Weg mit dem Packeis! Und Bikinimädchen auf die Strassen.

Unser brauner Fernsehfunk

Und schau an, das Fernsehen zeigte nicht nur unpolitische Sendungen. Ist das nicht völlig überraschend? Wo unser heutiges Fernsehen doch von Unpolitik und Unterhaltung nur so strotzt? Naja, das Fernsehen stand damals natürlich im Dienste nur einer Partei, während unser Öffentlich-Rechtliches im Dienste vieler Parteien steht, was die Sendungen wesentlich ausgelogener macht. Aber immerhin, wir sind eine Demokratie, in der das Fernsehen absichtsvoll Schauermärchen über den Staat der Juden erzählt, das macht den Unterschied aus. Demokratische Fernsehanstalten dürfen das, sie haben ja aus der Vergangenheit des Reichsenders Paul Dingsbums gelernt. Eine Lüge muss nur verlogen genug sein und ausdauernd wiederholt werden, dann schluckt sie auch der kleine Fernsehkieker, wie Pittiplatsch, der Liebe, so treffend formulierte.

Rule, Britannia!

Britannia, rule the waves. Britons never shall be slaves. Nun, das war einmal. Fakten und Fiktionen wies dankenswerterweise darauf hin. Während die Truppen Ihrer Majestät die Insel am Hindukusch verteidigen, ist der Igel schon da, auf der Insel, und ruft fröhlich, “willkommen zurück, Mörder!” England ist eben schon weiter.

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