Kleider machen Kinder

Im Zeitungszeugen ist es jetzt Juni 1938. Zeit also, sich auf den Sommer vorzubereiten und den Sprösslingen etwas Luftiges zu gönnen. Ein schwerer Fall für die Pixi-Buch-Kommission übrigens, diese Anzeige. Kein einziges colorierte Kind dabei, auch keines mit Kopftuch. Und wir erinnern uns, Deutschland 1938 ist schwer rassistisch, das beruhigt uns dann wieder. Es dauert dann noch ein paar Jahre, bis die schwarzen Armeen unter Führung von Pillipa Ebene Deutschland von den Nationalsozialisten befreien, seither lächeln schwarze Kinder uns von Plakaten an, auch in Gegenden, die noch nie einen Schwarzen sahen, bis zu dem Tag, an dem  Günther Wallraff beschließt, als schlechtgeschminkter Undercoverreporter in Juweliergeschäften aufzutauchen.

Nette Sommerkleidung für das Kind 1938

DIE BERLINER MORGENPOST schreibt passend dazu einen sehr euphorischen Bericht über die ersten Kraft durch Freude – Urlauber nach Tirol. Auszug:

“Hier möchte ich ein ganzes Jahr bleiben” rief eine Saarländerin begeistert aus, als sie nach langer Fahrt endlich ihr Bestimmungsziel erreicht hatte und von dem Anblick der Tiroler Berge überwältigt war. Dieser erste Eindruck einer Frau, die sonst das ganze Jahr schwer arbeiten muß, wurde dann im Laufe des Urlaubs von jedem Teilnehmer bestätigt. Sie hatte das ausgesprochen, was all die vielen anderen empfanden. …

Da wußte sie noch nicht, daß die Tiroler Berge bald für die Eroberungspläne eines großen Volksschauspielers mißbraucht werden sollten, wie auch die KdF-Schiffe, die von Anfang an als Truppentransporter geplant waren, lernen wir heute in der Schule. Lassen wir uns das eine Lehre sein, wenn wir vor den Bergen stehen und sie bewundern. In ihrer abscheulichen Schönheit.

13 Antworten zu „Kleider machen Kinder“


  1. 1 Prosemit 26. Oktober 2009 um 05:34

    Ein Bild mit Geschichte. Die eine ist “Wertheim”. 1938.

    Die andere ist eine Zeit, in der Buben wie Buben aussahen und Mädel wie Mädel. Mit Zöpfen. Die Mädchen durften mit Puppen spielen und die Buben Soldat spielen.

    Ich weiss, dass jetzt bei einigen Lesern der kalte Schauer den Rücken herunterläuft. Leser, die keine Spielzeugpanzer mehr im Kinderzimmer kannten. Leser, die als Kind kein Gewehr in der Hand hatten. Darf ich überhaupt politisch korrektv anmerken, dass es Demokratien gibt (man darf Israel dazu zählen, ja?) in denen Kinder noch Waffen kennenlernen. Aus gutem Grund. Auch in anderen Ländern ist es nicht tabu. Jungen dürfen dort noch Räuber und Gendarm spielen, Indianer und Cowboy und Soldat und sie müssen nicht stricken und häkeln lernen und mit Puppen spielen.

  2. 2 Karl Eduard 26. Oktober 2009 um 05:50

    Ich weiß gar nicht, wie die Preise einzuschätzen sind. Ob die moderat waren oder billig. 1,50 RM hört sich wenig an, im Vergleich zu Europreisen.

  3. 3 Prosemit 26. Oktober 2009 um 06:28

    Karl Eduard 26. Oktober 2009 um 05:50

    Ich weiß gar nicht, wie die Preise einzuschätzen sind. Ob die moderat waren oder billig. 1,50 RM hört sich wenig an, im Vergleich zu Europreisen.

    Ein Hobby von mir. Es ist schwer, richtige “Umrechnungsrelationen” für allte Preise zu finden. Es gibt genügend Literatur darüber. Den besten Zugang hat man über die Arbeitsstunden, die man brauchte, um ein Stück xyz zu kaufen. ABer selbst da sind genügend Haken, da die Relationen, die man für Wohnung, Versicherungen, Altersvorsorge usw. ausgab völlig anders war.

    Die beste Quelle :

    Statistisches Handbuch von Deutschland 1928-1944, hg. vom Länderrat des Amerikanischen Besatzungsgebiets, München 1949

    Danach betrug der Brutto Wochenlohn 1938 für den Industriearbeiter ca. 38 RM.

  4. 5 Prosemit 26. Oktober 2009 um 06:44

    In den USA gibt es dazu viel Literatur. Lesenswert für den Interessierten:

    Grey House Publishing – The Value of a Dollar 1860-2009
    Fourth Edition

    Und eine nett gemachte Seite :

    Beispiel 1:

    George Washington was paid a salary of $25,000 a year from 1789 to 1797 as the first president of the United States. The current salary of the president has recently been doubled to $400,000, to go with a $50,000 expense account, a generous pension and several other benefits. Has the remuneration improved?

    Making a comparison using the CPI for 1790 shows that $25,000 corresponds to over $608,000 today, so the recent raise means current presidents have an equal command over consumer goods as the Father of the Country.

    When comparing Washington’s salary to an unskilled worker, or the measure of average income, GDP per capita, then the comparable numbers are $11.5 and $25 million. Granted that would not put him in the ranks of the top 25 executives today that make over $200 million. It would, however, be many times more than any elected official in this country is paid today. Finally, to show the “economic power” of his wage, we see that his salary as a share of GDP would rank him equivalent to $1.9 billion.

    Und Beispiel 2

    The Erie Canal was built between 1817 and 1825, for a price of $7 million. This waterway is regarded as one of the most important investments in the nineteenth century as it opened the Midwest to trade and migration. How does its cost compare to what its cost would be today?

    Using the GDP deflator for 1825 shows that it would be $168 million, not more than the cost today of a few miles of Interstate highway. Using the unskilled wage measure the cost is $1.7 billion, a bit more, by GDP per capita the cost is close to $4.4 billion and as a fraction of GDP it comes in close to $124 billion. As a comparison the current budget of the U.S. Department of transportation is $60 billion.

    Because of the volatility of prices in that period, if we had chosen 1817 instead of 1825, the GDP deflator computations would have been about 25% less and the other three variables are different by similar magnitudes as well. This is a good example of how “approximate” these comparisons are.

    Hier das Weitere :

    http://www.measuringworth.com/uscompare/

  5. 6 Prosemit 26. Oktober 2009 um 17:10

    Ein Beispiel für das Problem der Preisvergleiche :

    Seite 467

    Preise von 1938 (Lebensmittel)

    1 kg Reis 49,7 RPf
    1 kg Schweinefleich (Bauchfleisch) 163,0 RPf
    1 Ei 12 Rpf
    1 L Bier im Ausschank in einfachen Gaststätten 75,4 RPf.
    50 kg Braunkohlenbrikett 151,4 RPf

    ———————————

    Stundenlohn Betriebshandwerker chemische Industrie 106,3 RPf
    Stundenlohn Facharbeiter Glasindustrie 82,3 RPf
    Stundenlohn gelernte und angelernte Arbeiterinnen Bekleidungsindustrie 50 RPf

  6. 7 vitzliputzli 26. Oktober 2009 um 18:32

    1,5 std für 1 bier arbeiten?

    oh weh …

    obwohl, manche billigfriseusen bekommen ja heute auch nur 3-4 euro/std.

    was wiederum gerade für 1-1,3 bier reicht. :-(

  7. 8 Prosemit 26. Oktober 2009 um 18:49

    1 Liter Bier …

    aber das Problem ist klar. Mir Preisrelationen kommt man selten weit. 13 Eier für 50 Kilo Braunkohlenbrikett oder 2 Stunden arbeiten für 1 Kilo Schweinebauch.

  8. 9 Karl Eduard 27. Oktober 2009 um 02:31

    Schönen dank, daß Du Dir die Arbeit gemacht hast. Und Quellen kenst du. Quellen!

  9. 10 Ostseestadion 27. Oktober 2009 um 04:37

    Damals durfte man das noch? Das aussprechen was viele andere
    auch empfanden?

  10. 11 Karl Eduard 27. Oktober 2009 um 05:04

    “Hier möchte ich das ganze Jahr bleiben” ?

    Sicher doch.

  11. 12 Prosemit 27. Oktober 2009 um 06:00

    Quellen.

    Statistische Jahrbücher sind keine staubtrockenen Quellen, auch wenn so so aussehen. Man kann hinter den Zahlen ganze Geschichten lesen und natürlich Geschichte.

    So wird verständlicher, dass der Eierdieb wirklich ein Dieb war und die Bäuerin. die mit dem Korb Eier zwei Stunden zum Markt ging, etwas zu verkaufen hatte, was etwas “wert” war.

    Es wird auch klar bei den Preisen für den Schweinbauch, dass das Schweinfilet ein Luxusessen für die Reichen war. Mehr noch, ein Essen für die, die schon mit Kalorien überversorgt waren. Der Arbeiter musste seine Fettkalorien aus dem Schweinbauch kochen.

    Geschichte kann man nur aus zeitgenössischen Quellen heraus verstehen.

  12. 13 netzwerkrecherche 27. Oktober 2009 um 10:18

    Die Lebensmittelpreise waren früher relativ viel höher als heute. Mußte der Industriearbeiter 1938 vielleicht die Hälfte seines Einkommens für Grundnahrungsmittel ausgeben, so kommt der heute auch mit 10 bis 20% über die Runden. Dafür sind heute Dienstleistungen viel teurer. Oder anderes Beispiel: War früher der Hauptkostenpunkt beim Hausbau das Material, so sind es heute die Handwerker.


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