Vogtherr, Abgeordneter, Reichstag 62. Sitzung, Dienstag, den 14. Mai 1912 … Wir wissen ja auch, daß schon vor wenigen Wochen, im Kriege Italiens gegen die Türkei vor Tripolis Luftschiffe als Waffe benutzt worden sind. Das italienische Blatt „Agenzia Stefani meldete am 1. Mai aus Tripolis:
„Heute früh sind die lenkbaren Luftschiffe P2 und P3 zu Rekognoszierungszwecken aufgestiegen. Sobald sich die beiden Luftschiffe über dem feindlichem Lager befanden, wurde seitens des Feindes ein lebhaftes Gewehrfeuer gegen sie eröffnet ohne jedoch den geringsten Schaden zu machen. Gegen 10 Uhr vormittags befand sich P2 über dem feindlichen Lager von Azizia, das mit großem Erfolge bombardiert worden ist. Vom Luftschiffe aus wurden etwa 30 Bomben auf das Lager herabgeworfen. Zu gleicher Zeit ließ auch das Luftschiff „P3″ ungefähr ein Dutzend Bomben auf das Lager von Sibi ben Aden herabfallen, die außer panischem Schrecken großen materiellen Schaden verursachten.“
Meine Herren, dieses Beispiel ist der erste Anfang zur Weiterentwicklung der Luftschiffahrt zu einer neuen kriegerischen Waffe.
Da erscheint als notwendige Forderung ein ferneres. Meine Herren, zu der Zeit, als die ersten Versuche mit der Luftschiffahrt erfolgreich waren, haben wir in weiten Kreisen draußen im Lande und in anderen Ländern geglaubt, hier ein neues Kulturmittel zu besitzen, ein Mittel, das dem Verkehr der Völker und der Menschen dienen solle. Aber sehr bald erschienen, namentlich von unserer Seite, die warnenden Rufe, daß sich auch der Militarismus dieses Mittels sehr bald bemächtigen und bedienen werde. Gegenüber der Anwendung aber in solch unmenschlicher Weise, wie es uns das Beispiel vor Tripolis gezeigt hat, müssen wir immer dringender fordern, daß, bevor diese Seuche der gewaltsamen Menschenvernichtung überhandnimmt, internationale Abmachungen getroffen werden, die die Benutzung der Luftschiffe zu solchen Zwecken unmöglich machen. (Sehr richtig. Bei den Sozialdemokraten.)
Ja, meine Herren, das ist auch durchaus nichts Neues; als ich an den Herrn Staatssekretär diese Bitte richtete, erklärte er: ja warum sollen wir denn gerade anfangen, wir wollen warten, bis die anderen das tun, wir brauchen dazu nicht die Initiative zu ergreifen! Ich erklärte ihm darauf, daß gerade jetzt der Zeitpunkt gegeben ist, gerade jetzt, wo in Deutschland, Frankreich, England die Ausbildung der Flieger und der Fliegertruppen beginnt, gerade jetzt, wo sich die sogenannten Kulturländer rüsten, eine neue Waffe zu schaffen – (Glocke des Präsidenten.)
Präsident: Meine Herren, ich bitte um etwas Ruhe.
Vogtherr, Abgeordneter: – - daß gerade in diesem Augenblick der Zeitpunkt gekommen ist, durch internationale Abmachungen Grenzen der Menschlichkeit zu ziehen, die sonst leicht überschritten werden.
Wir wissen ja, daß bereits im Jahre 1899 auf dem Haager Kongreß beschlossen worden ist, das Werfen von Geschossen und Explosivstoffen aus Luftballons zu verbieten. Alle auf dem Haager Kongreß vertreten gewesenen Staaten haben diese internationalen Abmachungen zugestimmt. Damals kannte man nur Luftballons. Im Jahre 1907, als der darauffolgende Haager Kongreß stattfand, wurde beschlossen, bis zum nächsten Haager Kongreß, also bis 1915, dieses Verbot zu verlängern „mit Ausdehnung“, wie man sich damals ausdrückte, „auf andere neue Einrichtungen ähnlicher art“. Aber, meine Herren, welches waren nun die Staaten, die sich in menschlicher, vernünftiger und kulturfreundlicher Weise zu diesem Beschluß zusammenfanden? Für dieses Verbot stimmten alle Staaten mit Ausnahme von Deutschland, Frankreich, Spanien, Rußland, Montenegro, Rumänien, Persien und Argentinien. Sieben Staaten enthielten sich der Abstimmung und für das Verbot im Jahre 1907 waren unter anderen: Italien, (Heiterkeit rechts und im Zentrum) dasselbe Italien, das jetzt durch einen seiner Fliegeroffiziere die ersten Bomben im Luftkriege hat werfen lassen. (Erneute Heiterkeit rechts und im Zentrum.) Darauf werden Sie mir vielleicht einwenden: man sähe also, daß diese internationalen Abmachungen nichts nützen. (Sehr richtig. Im Zentrum.)
- Ich glaube Ihnen gern, Herr Erzberger, daß Sie sich mit Vorliebe hinter einen derartigen Einwand verschanzen. Aber ich bin doch der Meinung: wir haben internationale Abmachungen schon genug getroffen, die auch gehalten werden, und auf deren Einhaltung wir schon mit Erfolg gedrungen haben. (Zuruf: Mit den Waffen!)
- wenn Sie meinen, daß wir das Massenmorden aus der Luft nicht verhindern sollen – das scheint ja Ihre (zum Zentrum) Absicht zu sein, dann beglückwünsche ich sie zu ihrem Christentum., (Sehr gut. Bei den Sozialdemokraten.) dann beglückwünsche ich Sie dazu, daß Sie diese Strömung unterstützen. Als Kommissar des Staatssekretärs müssen sie, Herr Erzberger, ja natürlich seine Einwendung unterstützen. (Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Dann stehen Sie auf demselben Standpunkt, daß man jetzt und immer weiter die Dinge laufen lassen soll, wie sie wollen, um auch die Luftfahrzeuge zu einer derartigen menschenmörderischen, massenmörderischen Waffe zu gestalten. …
Bild: „Maulhelden“
„Wenn es heute zum Krieg kommen sollte, werden die Deutschen vor der Menge unserer Luftgeschwader die Sonne nicht sehen.“ „Nun, dann werden wir im Schatten nach Paris marschieren.“ Simplizissimus.

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