Bemerkung des Herrn von Archenholz über den jetzigen Türkenkrieg. Freiburger Zeitung digital. 31. Dezember 1788.
Die Türken sind noch völlig jenes rohe, unkultivierte, Wissenschaften und Künste hassende, alles zerstörende und nichts aufbauende, kurz in jeder Richtung verachtenswürdige Volk, wie man bisher geglaubt hat, und diejenigen, die einen Augenblick daran zweifeln, thun ihnen wahrlich zu viel Ehre an.
Hier ist gar nicht die Rede, wer bey diesem Krieg Recht oder Unrecht hat, noch auf welcher Seite sich de Wunsch eines unbefangenen Politikers neige, sondern bloß von den Türken als Krieger betrachtet. Ich berufe mich auf zwei Männer von vielem Verstand, die mit großen Kenntnissen versehen, und mit der türkischen Sprache bekannt, diese Nazion, so wie sie ist, durch einen langen Aufenthalt in der Nähe haben kennen lernen. Ritter Tott und Dolney, zween Volksbeobachter der ersten Klasse; zeigen uns durch zahllose Thatsachen die Türken in ihrer eigenthümlichen Gestalt.
Der jetzige Krieg beweist nichts, gar nichts zu ihrem Vortheil. Ist ihr Vorrücken mit einer Ordnung geschehen, so war es, weil sich kein Heer demselben widersetzte, und Pläne, von Europäern entworfen, dabey befolgt wurden. Es ist bekannt, daß einer derselben das Ohr des Großvezirs hat.
Wenn das Wort Kriegskunst kein leerer Schall ohne Bedeutung ist; so muß es jedem einleuchten, daß diese so schwere mit den sublimesten Wissenschaften verbundene Kunst, worinnen noch die meisten europäischen Nazionen trotz ihrer Bemühungen zurück sind, nicht das Los unwissender Kriegsbefehlshaber barbarischer Horden seyn könne. Sie kennen so wenig die ersten Elemente derselben, daß sie vielmehr glauben, durch ihren Muth, die ihnen mangelnde Kunst, die sie verachten, vollkommen zu ersetzen. – Man entweiht den Namen der Tapferkeit, wenn man sie den Türken beylegt.
Sie sind, so wie fast alle barbarischen Nazionen und wilde Völkerschaften, bey ihren kriegerischen Kämpfen wüthend. Was sie aber vor allen anderen Völkern im Krieg auszeichnet, und ihr Reich groß gemacht hat, sind die ihnen eigenen fanatischen Begriffe. Der Gedanke, daß derjenige Muselmann, der im Streit wider die Ungläubigen fällt, sogleich in Muhameds wohllustatmendes Paradies versetzt werde, wo die schönen Houris auf ihn warten, muß natürlich den Entschluß erzeugen, den Tod im Treffen zu finden.
Hieraus ist die Wuth der Türken bey ihrem Angriff, dessen Nachdruck und Dauer erklärbar, wie sie die Palisaden mit den Zähnen anpacken, und an den Kanonen wie Rasende nagen. Was vermag die blosse Tapferkeit der braven Deutschen und Ungarn gegen eine solche Schwärmerey, die nicht die zufällige Stimmung eines Haufens, sondern Grundsatz zahlloser Heere ist?
Die Taktik allein muß hier entscheiden. Sie lehrt künstliche Stellungen, Bewegungen, Läger und Märsche; sie lehrt die ungeheuren Chaos ähnlichen Massen von Menschen, Pferden, Geschütz und Wagen zur Ordnung umzuschaffen; sie lehrt die hohe Disziplin, wovon bey allen Heeren geredet wird, die aber im Alterthum nur von den Römern (die Griechen, so sehr sie auch die Taktik verstanden, sind doch in der Disziplin nicht als Muster zu betrachten) und in der neueren Zeit von den Preußen und den brittischen Seetruppen vorzüglich ausgeübt wurde; sie lehrt mannigfältige Mittel, durch welche Armeen gegen doppelt und dreyfach stärkere mit Vortheil fechten können; sie lehrt jene Heerkörper formiren, bey deren Angriff der größte Theil der feindlichen Schaaren unthätig bleiben muß, wo der Flügel einer Armee mit Gewalt durch den Choc zum Weichen gebracht, auf den ruhigen Mittelpunkt geworfen wird, und hier alles wie ein Strom mit fortreißt, wodurch denn alle Vortheile von Übermacht und Wuth vernichtet werden, und der Sieg gleichsam erzwungen wird; sie lehrt zahllose Mittel, dem Feind die Subsistenz zu erschweren, ihn wider Willen zu Stellungen zu nöthigen, wo er, zwischen Strömen, Wäldern, Hohlwegen und Morästen eingesperrt, von Flüssen und Bedürfnissen abgeschnitten wird. Kurz, sie lehrt, sich unaufhörliche Hilfsmittel zu verschaffen, alle sich ereignende Kriegshindernisse zu überwinden, und dem Feind ohne Unterlaß neue zu erzeugen. – Viele griechische und römische Feldherren verstanden diese Kunst in einem hohen Grad; daher ihre Siege über die streitbaren Völker der Vorwelt, die an Kriegsmuthe ihren Schaaren gleich, an körperlicher Stärke oder Anzahl aber ihnen so sehr überlegen waren. Im mittleren Zeitalter wußte man zwar auf Schlachtfeldern zu morden, aber die Taktik kannte man so wenig, wie alle anderen Künste. Mit diesen zugleich stieg sie aus dem Schutt empor, große Heerführer studierten sie, und übten sie glücklich aus. Friedrichs und Ferdinands Feldzüge liefern dazu den größten Kommentar.
Anmerkung des Übersetzers: Offensichtlich läuft es mit dem Krieg gegen die Türken gerade nicht so gut.
100 Jahre früher
Archenholz war der Herausgeber der Minerva, einer für die Geschichte der französischen Revolution unabdingbaren Zeitschrift und Quelle.
Glücklicherweise sind die wichtigsten frühen Jahrgänge von der Uni Bielefeld digitalisiert worden.(*) Mit einem funktionierenden Index, was bei den alten Zeitschriften, die in den Nazischriftzeichen gesetzt sind, bekannterweise mühsam händisch gemacht werden muss.
Wer also irgendetwas Authentisches(!!!) aus der Zeit um 1800 in Deutsch lesen will, kommt um die Minerva nicht herum.
http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/minerva/minerva.htm
Für den, der Französisch lesen kann, sei die dem sicher bekannte Bibliotheque National Seite empfohlen. An dem Umgang mit der eigenen Geschichte in den USA und in Frankreich sieht man den Rückstand, der in Deutschland herrscht – auch bedingt durch die Fraktur und die Tatsache, dass nur noch sehr wenige alte Handschriften lesen können, DAS ist in den anderen Ländern einfacher.
(*) früher musste man die Antiquariate abklappern.
Ähem, ich habe mal den Index getestet… Es ist nicht unbedingt gesagt, dass er findet, was man sucht.
Man teste :
Titelschlagwort “Napoleon”
Einzuschränken auf “Minerva”
Treffer Nummer 4 wählen :
Ivernois, F. d’ :
Uebersicht der ersten sechs Monate von Bonaparte’s Regierung.
1800 , 4.Bd. , S. 193 – 236
Volltext anzeigen lassen und man landet bei :
“Beiträge über die Kennzeichen der Holzpflanzen aus den Knospen von D. Rössig.”
Ein solcher Index ist natürlich für die Katz…
Zum Text noch :
Die Türken sind noch völlig jenes rohe, unkultivierte, Wissenschaften und Künste hassende, alles zerstörende und nichts aufbauende, kurz in jeder Richtung verachtenswürdige Volk, wie man bisher geglaubt hat, und diejenigen, die einen Augenblick daran zweifeln, thun ihnen wahrlich zu viel Ehre an.
Daran hat sich bis zum heutigen Tage nichts geändert. Allerdings wusste man früher auch, was es mit dem kranken Mann am Bosporus auf sich hat und mit dem Mohammedanismus.
In einer anderen Ausgabe war von der Errettung einer hochgeborenen Jungfrau vorm Fallbeil zu lesen. Ihr Vergehen war, mit ihrem Vater korrespondiert zu haben. Die Royalisten, denen solche Rettungstat gelang und die die Jungfrau vorm sicherten Tode bewahrten, empfingen den Beifall der enttäuschten Volksmenge.
Hinrichtungen waren immer ein Spektakel.
Eine der köstlichsten Schilderung (ja, ich bin inkorrekt und müsste mich schrecklich aufregen
) stammt von Giacomo Casanova, der der Hinrichtung Damiens und gleichzeitig der vor ihm stehenden Dame beiwohnte.
http://gutenberg.spiegel.de/index.php?id=5&xid=281&kapitel=3
Histoire de ma Vie ist immer noch eine der wichtigsten Quellen zum europäischen Kulturleben des 18. Jahrhunderts. Wer die Chance hat und französisch lessen kann, soll die Édition intégrale kaufen, die bei Plon, Paris 1960 erschien.
In dem Casanova Text :
Ich hatte kein Fenster, aber ich wußte, daß in Paris, wie überall, für Geld alles zu haben ist. Nach dem Essen schützte ich ein Geschäft vor und entfernte mich. Ich warf mich in den ersten Fiaker, der mir begegnete, und war eine Viertelstunde später Besitzer eines schönen Fensters im Zwischenstock, das ich für drei Louis mietete. Ich bezahlte voraus und ließ mir eine Quittung geben, worin ein Abstandsgeld von sechshundert Franken festgesetzt war.
Zwischenstock war der jeweilige Dienstbotentrakt mit wesentlich niedriger Deckenhöhe als in dem “herrschaftlichen” Trakt. Bei den damaligen Heiztechniken bedeuten hohe Zimmer auch gute Luft.
3 Louis d’Or sind 20,1 Gramm 22 Karat Gold mit einer Kaufkraft von ca 750 bis 1.000 Euro. (Probleme beschrieb ich einmal)
1 Louis waren 24 Franken.
Die 600 Franken Abstandsgeld waren die Entschädigung für Nichteinhalten des Vertrages, z.B. Doppelvermietung.