Das Aufeinandertreffen von Monitor und Merrimack, zwei völlig unterschiedlich gepanzerte Schiffe im amerikanischen Bürgerkrieg dürfte bekannt sein. Das Gefecht endete unentschieden. Anschliessend experimentierten die Flotten mit Panzerungen herum. Weniger bekannt, zumindest in Deutschland, ist die Seeschlacht von Lissa 1866, in der eine überlegene italienische Panzerschiffflotte auf eine gemischte österreichische traf. Die Österreicher siegten. Es liest sich wie eine antike Seeschlacht, denn die Geschütze waren noch die üblichen, die wurden mit Panzerungen nicht fertig, also wurde gerammt.
(Orginal-Korrespondenz.) Pola, 23. Juli 1866 Der Telegraph benimmt heutzutage, das ganze Vergnügen, interessante Neuigkeiten schreiben zu können, und in den Hauptsachen wird jeder Brief von den Depeschen überholt, doch will ich mich davon nicht abhalten lassen, Ihnen einige Details über die hier so ereignisreichen letzten Tage zu geben, die aber so massenhaft, so konfus über uns hereinbrachen, daß an ein geordnetes Ganzes jetzt noch gar nicht zu denken ist. Daß Tegethoff von hier auslief am 20. d. Nachmittag, die feindliche Flotte in weit überlegener Stärke traf, sie angriff, eine große Panzerfregatte in den Grund rannte, eine andere in die Luft sprengte, die Bravour des Linienschiffs “Kaiser”, die Namen der Gefallenen und Verwundeten, die Flucht der Italiener, die Entsetzung Lissa`s, die Hartnäckigkeit der Verteidigung von Seite der Besatzungstruppen ec. ec. wird Ihnen aus Telegrammen bekannt sein, und nur die jetzt von der ruhmgekrönten Eskadre hier verbreiteten und viel erzählten Einzelheiten will ich hinzufügen.
Die Italiener griffen Lissa mit ihrer ganzen Seemacht an, hatten eine bedeutende Anzahl Landungstruppen unter Kommando eines Obersten an Bord und versuchten, auf eine nicht sehr zu ihren Gunsten sprechende Art, mit Aufbietung aller Kräfte sich in Besitz dieses Eilandes zu setzen. Lissa ist gut, aber nicht so stark befestigt, daß es einer solchen Flotte, wenn dieselbe von muthvollen, verständigen, unternehmenden und ihrer Sache gewissen Kommandanten geführt worden wäre, hätte so lange – 3 Tage – erfolgreich Widerstand leisten können. Wenn sich auch Lissa seiner Formation nach sehr gut zur Verteidigung eignet, so bieten die vielen Buchten und Häfen dem Feinde Gelegenheit, eine Ausschiffung auf verschiedenen Punkten zu bewirken und unter dem Schutze und der Mitwirkung einer so starken Flotte einen Erfolg erzielen zu können. Es muß daher die Bravour unserer Küstenartillerie, welche die Werke Lissas besetzt hatte, sowie die hervorragenden ausgezeichneten Leistungen des Marine-Infanteriebataillons unter Kommando des thatkräftigen, energischen, intelligenten und ausgezeichneten Majors Kratky anerkannt werden. …
Die Italiener vor Lissa, durch ihre Avisodampfer vom Herannahen der österreichischen Flotte verständigt, ließen von der Aktion gegen Lissa ab, gingen in Schlachtlinie formiert, derselben entgegen. Tegethoff, über den sich Persano geringschätzend geäussert haben soll, und der jetzt eines besseren belehrt worden ist, ging direkt auf die Italiener los, seine Flotte im Angriffswinkel formiert. An der Spitze der ersten Division das Admiralsschiff “Erzherzog Ferdinand Max”, und die anderen sechs Panzerfregatten; bei der zweiten Division als Führerlinienschiff “Kaiser” mit den Holzfregatten “Schwarzenberg” und “Novara” an den Flügeln; die dritte Division bildeten die Kanonenboote und Dampfer. Die Italiener manövrierten mit der Absicht, die österreichische Flotte vollkommen zu umzingeln und die Holz- von den Panzerschiffen abzuschneiden; was aber Tegethoff durchblickte, direkt auf eine Panzerfregatte losrannte, dann noch eine zweite und dritte rammte, ohne jedoch besonderen Erfolg zu erziehlen. Endlich bei der vierten großen Panzerfregatte “Rè d`Italia” erreichte er das brilliante Resultat, daß dieses Prachtschiff mit über 700 Mann Equipage in weniger als 5 Minuten gesunken und mit Mann und Maus verloren war. – Das mutvolle geschickte Manöver des Kommandanten des “Erzherzog Max”, Linienschiffkapitän Bar. Sternegg, bei Gelegenheit dieses Ingrundbohrens, kann von allen Offizieren der Eskadre nicht genug gelobt werden; am Schlachttag selbst nicht unbedeutend erkrankt, ließ er sich dennoch nicht abbhalten, das Kommando zu führen und leitete von den Fockwanten aus die Bewegungen des Schiffes, um sie von dort aus besser zu übersehen. Das schnelle Sinken des imposanten feindlichen Schiffes, das Geschrei der Ertrinkenden war ein großartiges schreckliches Schauspiel. Die italienischen Ausschiffungs- oder Marinetruppen feuerten noch in den letzten Momenten und dieses Kleingewehrfeuer verwundete mehrere unserer Offiziere und Mannschaft. Viele Augenzeugen versichern, bei Gelegenheit des Sinkens gesehen zu haben, daß ein italienischer Matrose in Todesangst zur Flaggleine eilte und die Flagge zu streichen versuchte, doch soll er von einem Offizier, der ihn wegstieß daran verhindert worden sein, welcher im Moment des Versinkens mit dem Rufe: “Eviva lÌtalia” in den Wellen verschwand. – Durch das Niederrennen dieses feindlichen Schiffes war die Linie durchbrochen, die österreichische Flotte drang dichtgedrängt durch, die Absicht des Feindes war auf diese Weise vereitelt und es entspann sich jetzt ein furchtbarer Kampf von Schiff gegen Schiff und bei der Überlegenheit der Italiener kam es häufig vor, daß ein österreichisches von zwei bis drei feindlichen gleichzeitig angegriffen wurde. – Wo sich ein Holzschiff von uns – auf welche die Italiener besonders scharf losgingen, weil sich ohne viel Gefahr fürs eigene Panzerschiff und Leben billig Resultate erzielen lassen – in Gefahr befand, eilte Tegethoff mit seinen Panzern herbei und stieb die Italiener auseinander. Linienschiff “Kaiser”, welches die Italiener wahrscheinlich für das Flaggschiff hielten, … wurde von fünf feindlichen Panzerfregatten zum Opfer ausersehen. Der so fürchterlich geschilderte, sich aber harmlos benehmende “Affondatore”, dessen Kommandant sich seiner Kraft nicht bewußt zu sein schien, feuerte seine 300-Pfünder und Granaten gegen den hartbedrängten “Kaiser”, welche in den Batterien und auf Deck verheerend wüteten, doch gelang es dem mutvollen, ausgezeichneten Kommandanten, Linienschiffskapitän Petz, durch ein entschiedenes heldenmütiges Manöver sich von seinen Verfolgern und Bedrängern zu befreien. Er rannte mit ganzer Kraft gegen das ihm den Weg verlegende Panzerschiff, welches jedoch schnell zur Seite wich, gab gleichzeitig konzentrierte Breitseiten den ihn umgebenden Panzerfregatten und machte sich dadurch frei. Natürliche Folge dieses ebenso kühnen als gefährlichen Manövers war der Verlust des eigenen Bugspriets, Beschädigung des eigenen Vorderstevens. Auch fiel durch diesen fürchterlichen Anprall der Fockmast auf Deck, ohne jedoch Schaden an Menschenleben zur Folge zu haben, da Schiffslieutenant Gröller, diese Katastrophe vorausgesehen, die Bemannung der vorderen Sektionen der Deckbatterie rechtzeitig nach hinten beordert. Am Linienschiff wurde der Schiffsfähnrich Proch, ein sehr intelligenter junger Offizier, in der Kreuzmarse von einer Flintenkugel in den Kopf getroffen und stürzte leblos aufs Deck. Eine auf Deck geplatzte Granate riß den Obersteuermann und vier andere Steuerleute am Steuerrade in Stücke, ohne aber letzteres zu beschädigen. Ebenso verheerend wirkten einige in den Batterien geplatzte Hohlgeschosse, und ein Schuß im Steuer hätte, wenn er etwas mehr eingedrungen wäre, für dieses Schiff sehr verhängnisvoll werden können.
Die Größe und furchtbare Wirkung der feindlichen Geschosse kann man am besten an einigen Kanonenrohren am “Kaiser” ermessen, welche am Kopfe von einem solchen Geschosse getroffen, vollkommen in Stücke zerstoben.
Das Linienschiff soll es auch gewesen sein, welches mit wohlgezielten Granaten die große Panzerfregatte in Brand steckte, die während des Gefechtes mit fürchterlicher Explosion in die Luft ging. Der Name dieses Schiffes ist bis jetzt noch nicht sichergestellt. Die Vermutungen schwanken zwischen “Principe di Cariagnano”, “Ré di Portogalo” und “Castelfidardo”. Es war eines der größten feindlichen Panzerschiffe. Vom Ré dé Italia” haben sich bei 17 Mann durch Schwimmen und mit Hilfe von Holztrümmern auf Lissa gerettet, auch diese wissen nicht anzugeben, welches das in die Luft gesprengte Schiff war, doch soll es das Flaggschiff des Admirals Vacca gewesen sein. Als der “Ré d´Italia” sank, rangen hunderte von Leuten schwimmend mit dem Tode und stießen jämmerliche Bitten um Rettung aus. Trotz der Hitze des Gefechtes befahl Tegethoff, alle Boote des “Erzherzog Max” ins Wasser zu werfen, damit sich diese Unglücklichen retten konnten, doch wurde er an diesem edlen Werke durch den neuerlichen Angriff einer anderen Panzerfregatte verhindert, welche über diese herumschwimmenden eigenen Leute weg ihm zu leibe ging. Der Kampf war ein erbitterter und es trat der Fall ein, daß sich unsere mit den feindlichen Schiffen so nahe Bord an Bord lagen, daß die Wischer und Setzer der Kanonen nicht mehr gehandhabt werden konnten und unsere Matrosen die noch unvollendete blinde Ladung in die feindlichen Stückpforten abfeuerten. Das Schließen der gepanzerten Stückpforten und ein schleuniges Abfallen der feindlichen Schiffe war das Resultat einer solchen Begegnung. … Die Haltung der Mannschaft, der ausgezeichnete Mut und gute Geist derselben, besonders der Venetianer, kann von den Offizieren nicht genug gelobt werden und Beispiel von Heldenmut werden auf jedem Schiffe erzählt. Diese Flotte in so kurzer Zeit so vortrefflich einexerziert zu haben, ist ein nicht hoch genug anzuerkennender Verdienst der sich jetzt so brilliant bewährten Kommandanten und Offiziere. Daß eine von Tegethoff geführte, längere Zeit schon von ihm befehligte Flotte von heldenmütigen Geist beseelt werden muß, ist die natürliche Folge seines magischen Einflusses auf jeden Einzelnen und mehr als Alles wirkt sein Beispiel. Anstatt sich in den gepanzerten Turm einer Panzerfregatte zurückzuziehen und von dort aus – wie es die Italiener taten – seine Flotte zu kommandieren, stand er mit seinem Stabe während des ganzen Gefechts am Kassaret des “Erzherzog Max”, von wo er Alles übersah, überall rechtzeitig hineilte und so die Flotte zu Sieg und Ruhm führte. Daß bei diesem Durcheinanderfahren, diesem Gewirre von Schiffen kein Zusammenstoß der eigenen Schiffe erfolgte, spricht ebenso, wie die vielfach erfolgten Versuche, des “Affondatore” zu rammen, für die Tüchtigkeit im Manövrieren jedes einzelnen Kommandanten. Die Bravour, mit der jedes einzelne Schiff ins Feuer geführt wurde, daß sich alle Schiffe, die kleinen Kanonenboote, ja selbst die Raddampfer an dem Kampfe gegen die Panzerfregatten beteiligten – während die italienischen Holzschiffe sich in respektvoller Entfernung hielten, stempelt jeden einzelnen der Kommandanten zum Helden.
Sehr tief empfindet die Marine den Verlust der zwei vorzüglichen Kommandanten, Linienschiffs – Kapitän Moll und Klint. Ersterer kommandierte die Panzerfregatte “Drache”, eine feindliche Kugel, eine der ersten, die herüberflogen, riß ihm den Kopf ab, ebenso platzte eine Granate gleich bei Beginn des Gefechts auf der Brücke der “Novara” und tötete den Kommandant Linienschiffs – kapitän Klint und dessen herumfliegende Knochensplitter verwundeten die nebenstehenden Kadetten schwer. Moll soll einige Tage vor dem Gefechte scherzweise einem seiner Kameraden gesagt haben. “ich bin der 13. Schiffskapitän, Nr. 13 ist das Präsignal meines Schiffes, es sollte mich wundern, wenn diese Unglückszahl sich nicht an mir bewähren sollte, wenn wir ins Gefecht gehen. Er war einer der ersten, die fielen. …
. Quelle .
Ungarisches Kalenderblatt zu Baron von Tegetthoff
Damals konnte man noch als Kriegsberichterstatter von miltärischen Manövern und Siegen schwärmen. Heute weicht das korrekterweise dem moralisierenden Zeigefinger, dass dahinter sich menschliches Leid verbirgt. Nun auch damals wußte Leserschaft und Schreiber, daß es menschliches Leid gab, wahrscheinlich detaillierter und bewußter, da tagtäglich damit konfrontiert, als heute. Mit der Entfernung des Einzelnen vom Tod wächst die (scheinbare) Betroffenheit und das Entsetzen, wenn er irgendwo wieder einmal sichtbar wird.