Berlin, 26.August. (1914) Dem Hilfsverein der deutschen Juden kam die Nachricht von einem blutigen Militärpogrom in Wilna zu, der sich dort am 23. d. M. abgespielt hat. Dem Gouverneur von Wilna wurde es bekannt, daß die dortigen Juden beschlossen hatten, eine österreichischfreundliche Haltung einzunehmen. Er inszenierte zur Strafe einen Militärpogrom. Alle Grausamkeiten von Kischinew und Bialostok fanden getreueste Nachahmung. Die jüdische Bevölkerung errichtete Barrikaden in den Straßen und hielt sich, mit Bomben und Mausergewehren bewaffnet, sehr tapfer. Es gelang, das Militär zu zwingen, den Pogrom einzustellen.
Greuel des belgischen Franktireurkrieges. Behördliche Organisation. – Entmenschte Weiber. – Pulvergefüllte Zigaretten. – Der heilsame Schrecken. (Telegramm des k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau.) Berlin, 26. August. Der Kriegsberichterstatter der „B.Z. am Mittag“ schreibt über den Kampf gegen die Franktireurs: Der Franktireurkrieg Belgiens ist die Schöpfung einer wohldurchdachten behördlichen Organisation. Ich sah selbst, wie man den Bürgermeister der zerstörten Stadt Clermont einbrachte, wo Weiber wie Bestien nachts über Schlafende und Verwundete herfielen und sie in nicht wiederzugebender Weise marterten, bis sie der Tod erlöste. Belgier erzählten mir, der erwähnte Bürgermeister habe trotz inständigsten Abratens des Ortspfarrers die Bevölkerung zum Überfall auf die deutschen Soldaten aufgefordert und sie mit Munition versehen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Verteilung von Waffen und Munition an die Zivilbevölkerung systematisch durchgeführt, der Mut der Bürger und die Wut gegen Deutschland künstlich durch lügnerische Nachrichten aufgestachelt wurden, es wurden Nachrichten ausgesprengt, die Russen seien schon in Breslau eingedrungen und im Zumarsch auf Berlin, die Engländer hätten den größten Teil der deutschen Flotte zerstört und seien an der Ostseeküste gelandet, im Ober – Elsaß hätten die Franzosen unter begeisterter Mithilfe der Elsässer einen großen Sieg errungen.
Derartig behördlich verbreitete Gerüchte mußten das leicht erregbare belgische Volk aufreizen. In wenigen Tagen, wähnte man, werde es mit Hilfe der Franzosen gelingen, die Deutschen aus Belgien hinauszuwerfen. Um diesen Überfällen ein Ende zu setzen, gab es nur ein Mittel, nämlich mit unnachsichtiger Strenge einzugreifen und Beispiele aufzustellen, welche durch ihren Schrecken für das ganze Land eine Warnung bilden sollten. Die prompte Justiz, sowie auch die der Provinz Lüttich auferlegte erhöhte Kriegskontribution, wirken ausgezeichnet. Ich glaube, daß, vereinzelte Fälle ausgenommen, der Franktireurkrieg zu Ende ist. In Namur wurden viele Hundert Pakete Zigaretten beschlagnahmt, unter den Tabak war Pulver gemengt, damit sich die Soldaten beim Rauchen die Augen verbrennen. Das belgische Heer hielt sich im allgemeinen tapfer. Die Panik und die Flucht der englischen Truppen waren durch unsere strategische und taktische Führung, welche der der Gegner überlegen ist, begründet, unter den fortgeworfenen Ausrüstungsgegenständen bemerkte ich auch einigemal Hosen und erfuhr, daß einzelne Soldaten im Tornister Zivilkleidung mitnahmen, um sich, wenn es schief ginge, leicht in Zivilisten verwandeln zu können.
England und Aegypten. Erklärung des Kriegszustandes und die Landung englischer Kolonialtruppen. Der ägyptische Ministerrat hat den Kriegszustand gegen Deutschland erklärt und Ägypten unter das Protektorat Englands gestellt. So lautete eine kurze Meldung aus Kairo vom 11. August. Dann wurde berichtet, daß die Engländer Äegypten ganz als britisches Territorium behandeln und den diplomatischen Vertretungen Deutschlands und Oesterreich – Ungarns den Verkehr mit ihren Regierungen untersagt hat. Es ist also das von dem Bankbeamten Baring, dem nachmaligen Lord Cromer, begonnene Werk gekrönt. England hat sich eine Kriegsentschädigung verschafft, deren Wert nicht zu ermessen ist, und dies nicht nur in materieller Hinsicht, sondern auch in politischer. Aber es wird der Boa constrictor nicht leicht werden, ihre Beute zu verdauen. Schon wird gemeldet, daß am 13. d. in Alexandrien mehrere Dampfer eintrafen, welche 10.000 Mann englischer Kolonialtruppen landeten, die zur Verstärkung der Garnision in Aegypten dienen sollen, da eine beunruhigende Aufstandsbewegung ausgebrochen ist. Aus dem Datum des Eintreffens dieser Truppensendung läßt sich der Beweis ableiten, daß noch zur Zeit der Verhandlungen Deutschlands mit Englands zwecks Erhaltung des Friedens England sich auf den Krieg vorzubereiten begann. Eildampfer legen nämlich den Weg von Bombay bis Alexandrien bei sehr forcierter Fahrt in zwölf Tagen zurück; die Hilfstruppen für Aegypten haben sich daher am 01. August in Bombay eingeschifft. Da aber sicherlich in Bombay keine 10.000 Mann garnisioniert waren, und die mit Rücksicht auf die Erregung der indischen Bevölkerung nötigen Truppenverschiebungen auch mehrere Tage in Anspruch nahmen, so wurde der Befehl zur Absendung der Verstärkungen wahrscheinlich schon am 29. Juli erteilt. DIE KLEINE ZEITUNG.
Die Amerikaner verlangen die Wahrheit. Die deutsch – amerikanische Handelskammer von Neuyork hat den folgenden Brief, der für sich selber spricht, an Präsident Wilson nach Washington gesandt:
„Herr Präsident! Das Kabel nach Deutschland ist durchschnitten und die drahtlosen Stationen in Sanville, N. J., und Tuckerton, N. J. befinden sich unter Kontrolle von Zensoren. Andererseits werden die englischen und französischen Kabel offen betrieben und stehen unter keiner wie immer gearteten Zensur. Nach bestem Glauben und Wissen werden Instruktionen und Nachrichten über Bewegungen deutscher Schiffe von hier nach England und Frankreich über diese Kabel gemeldet und sodann drahtlos englischen, französischen und russischen Kriegsschiffen mitgeteilt. Gleichzeitig werden diese Kabel offen verwendet, um in den Vereinigten Staaten und von hier nach anderen Teilen der Welt, Gerüchte, Berichte und Übertreibungen zu verbreiten, welche die öffentliche Meinung gegen Deutschland beeinflussen und geeignet sind, es in den Augen der Welt zu demütigen. Deutschland ist wehrlos dagegen weil es tatsächlich „incommonicando“ ist. Sind diese Tatsachen nicht Verletzungen der von den Vereinigten Staaten erklärten Neutralität und sollten diese Kabel nicht auch unter strenge Zensur gestellt werden? Bitte schenken Sie dieser Angelegenheit Ihre baldige Aufmerksamkeit.“
Gleichzeitig hat die Handelskammer sich mit der nach dem Goldschmidtschen System erbauten Radio – Station in Tuckerton, N. J., der mit einer Hochfrequenzmaschine und ihrem 850 Fuß hohen Turm größten des Landes, in Verbindung gesetzt, um den Versuch zu machen, wenigstens auf drahtlosem Wege einige ungefärbte Berichte über die Kämpfe in Belgien und an der russischen Grenze herüberzubekommen. COBURGER ZEITUNG. 27. AUGUST 1914.
Bild: Belgische Barbareien: Der gefangene „Bürgermeister“ einer eroberten belgischen Stadt auf dem Transport nach Deutschland, der durch das Aufziehen einer Flagge des Roten Kreuzes einen deutschen Stabsarzt in sein Haus lockte und dort ermordete. Leipziger Presse Bureau.

Letzte Kommentare