Lügenabwehrstelle eingerichtet

Unglaubliches findet man in den Archiven. Während 100 000 Berliner Arbeiter im Juli 1932 den griechischen Weg gehen, nämlich so lange zu demonstrieren, bis die Speisekammer voll ist, die Arbeitslosigkeit beseitigt und der imperialistische Krieg gegen die Sowjetunion abgewehrt wurde, die, wie wir wissen, der Hort der überlebenden fortschrittlichen Menschen der Welt ist, richtet die KPD eine Lügenabwehrstelle ein, in der klassenbewußte Arbeiter und Arbeiterinnen all die Lügner  zur Anzeige bringen sollen, die Lügen über die Kommunistische Partei verbreiten oder von denen sie meinen, sie würden Lügen über die kommunistische Partei verbreiten. Es war eben nicht alles schlecht. In der Weimarer Republik.

7 Antworten zu „Lügenabwehrstelle eingerichtet“


  1. 1 Prosemit 5. Juli 2011 um 13:35

    Diese Lügenabwehrstelle war dringed nötig. 1932 war das Jahr des Holodomor in der Ukraine. Es gab – genau ist diese Zahl schlichtweg nicht errechenbar – ca 12 bis 14 Millionen Tote, davon im Winter 32/rr mindestens 8 Millionen. Der Abgleich der Bevölkerungslisten würde über 14 Millionen Tote ergeben, aber es ist praktisch alles vernichtet worden, was als Belege dient (*). Und wer nur vom Hunger sprach wurde in der Regel erschossen.

    Dafür waren die Lügen blühend.

    Im Sommer 1933 bereiste der französische Linkspolitiker Edouard Herriot den Westen der Sowjetunion, um die in den Westen durchgesickerte Nachricht von einer immer weiter um sich greifenden Hungersnot im Land auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Er hielt dabei fest: „Ich habe die Ukraine durchquert und kann nur bestätigen, dass ich sie wie einen Garten mit vollen Erträgen erlebt habe.“

    Singende Arbeiter auf den Feldern und volle Läden, Überfluß wohin man sah. Man mußte den Überfluß sehen, sonst drohte der Genickschuß.

    DIESE Lügen sollten verhindert werden. 1932.

    Danke, Karl-Eduard für den Fund!

    (*) Übrigens hat sich Väterchen gegenüber Churchill selber mit 10 Millionen Toten gebrüstet.

  2. 2 Karl Eduard 5. Juli 2011 um 13:42

    Danke für die Ergänzung.

  3. 3 Prosemit 5. Juli 2011 um 13:46

    Übrigens betätigt sich die Presse heute völlig freiwillig als Lügenabwehrstelle.

    Unglaublich, aber wahr :

    Bund hat mit Griechenland schon Millionen verdient

    Clemens Schömann-Finck weiß es genau und schreibt im Focus :

    http://www.focus.de/finanzen/news/staatsverschuldung/notkredite-bund-hat-mit-griechenland-schon-millionen-verdient_aid_615398.html

  4. 4 Karl Eduard 5. Juli 2011 um 13:56

    Ja, da können wir so richtig die Sau rauslassen.

  5. 5 Beipflichter 5. Juli 2011 um 14:16

    Heute gibt es eine Lügenabwehrstelle der FDJ. Sie wird von einem Hosenanzug geleitet. Denn das weiss doch jeder, die Wahrheit ist “alternativlos”.
    Diese “Abwehrstelle” ist so kompetent, dass sie noch viel mehr als Lügen abwehren kann, z. B. CO2, Atome, griechische Staattsbankrotte, und, und, und.

  6. 6 Die Anmerkung 5. Juli 2011 um 16:47

    Naja, die Lügenabwehrstellen gab es bei der NSDAP seit Sommer 1932 allerdings auch. So sensationell ist der Fund dann doch nicht.

    Spaßig allerdings, wenn man bedenkt, wer da jetzt in der Alexanderstr. sitzt und daß sie eine solche Stelle vielleicht wieder ausschreiben sollten.

  7. 7 Karl Eduard 5. Juli 2011 um 18:08

    @Die Anmerkung

    Das macht mich jetzt betroffen usw., da ging es mir wohl wie dem Wendenachgeborenen, der erstaunt entdeckt, daß es in der DDR auch schon Geldautomaten gab und ich hätte ihm mürrisch antworten müssen, ja, das ist doch bekannt, wärst Du früher geboren, hättest Du das wissen können, Du Pfeife.


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