Frühstückslektüre

Todesanzeigen vom 26.Oktober 1936. Interessant, weil sie auch die Zeit beschreiben, in der die Menschen lebten. Die Eine stirbt nach der Geburt ihres Kindes, beim Anderen liest man von der Angst, unvorbereitet abzutreten und den Eltern des 16jährigen ist es wichtig zu schreiben, dass der Sohn wenigstens Hitlerjunge war, wenn er auch sonst noch nichts im Leben erreichen konnte.

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8 Responses to “Frühstückslektüre”


  1. 1 june0306 28. Juni 2009 um 04:21

    Viel wichtiger nebst all den anderen Anmerkungen finde ich die Tatsache, dass in der ersten Anzeige, in welcher einer Ehefrau gedacht wird, diese offensichtlich nach der Ehelichung über keinen eigenen Namen mehr verfügt. Sie wird erwähnt unter dem Namen ihres Ehemannes und das, Gott sei Dank, haben wir hinter uns.

  2. 2 Karl Eduard 28. Juni 2009 um 04:25

    Ja, ist mir auch aufgefallen. Zumindest wird ihr Name noch erwähnt.

  3. 3 Friederich 28. Juni 2009 um 07:01

    … und das, Gott sei Dank, haben wir hinter uns.

    Das hat schon seine Richtigkeit. Man hat damals noch nicht so individualistisch gedacht, sondern eher in Haushaltungen. Es gab die Familie Anton Schäkel, und in erster Linie war man Angehöriger dieser Haushaltung, die Anton Schäkel begründet hatte, erst in zweiter Linie Individuum. Nach dem Krieg wurde diese Sichtweise vollig zerstört, mit dem Ergebnis der Atomisierung der Gesellschaft und Abwertung bzw. Zerstörung der Familie, wie wir sie heute haben. Nichts also, wofür man Gott danken sollte.

  4. 4 vakna 28. Juni 2009 um 07:20

    Das mit dem Namen ist mir auch aufgefallen.

    @Friedrich:

    Für mich sagt es aus, daß die Frau nach außen quasi Besitz des Mannes wurde (daß sie nach innen mehr Macht hat, ist ja hinlänglich bekannt). Das mag für die Reproduktion des Volkes gut gewesen sein, für das Umfeld war es das nicht immer.
    Klar hat es dem Zeitgeist entsprochen, aber aus diesem Denken der Unterordnung „unter das Große und Ganze“ entsprang zu genau dieser Zeit auch ziemlich unheilvolles.

  5. 5 Friederich 28. Juni 2009 um 07:28

    … aber aus diesem Denken der Unterordnung “unter das Große und Ganze” entsprang zu genau dieser Zeit auch ziemlich unheilvolles.

    Es geht hier um zwei grundverschiedene Dinge: Das eine ist die Einordnung in eine Familie, das andere die Unterordnung unter ein Staatswesen, das sich auf einmal in seiner Bedeutung über die Familienstruktur stellte. Das darf man nicht in einen Topf werfen, denn Staat und Familie sind konkurrierende Systeme. Deshalb versuchen diktatorische Staaten ja, die Familienstrukturen zu schwächen, dies erleichtert die Beherrschung des Individuums.

  6. 6 vakna 28. Juni 2009 um 08:05

    Eben nicht Grundverschieden. Staat und Familie existieren ja nicht in zwei Welten.

    Familie ist der Kern, auf den man sich beziehen kann, wo man herkommt, der einen unterstützt.
    Der Staat sollte den Rahmen bilden, ein Zusammenleben der Familien möglich machen. Das gleitet dann gerne mal ab und der Staat soll/will Familie ersetzen. Immer wenn das passiert, ist Unheil im anzug.

    Das Selbstverständnis von Familie bildet sich auch im Staat ab.
    Bei den Nazis der fürsorgende Staat, dem man sich unterordnen muß und für den man im Extrenfall draufgeht.
    In der BRD der Staat dem man sich eigentlich unterordnen sollte, aber nur, wenns keine Umstände macht. Zum abmelken ist er dann immer noch gut genug und ein Opfer ist schon, einen Tag auf Zigaretten zu verzichten.

  7. 7 Karl Eduard 28. Juni 2009 um 09:05

    Und komischerweise halten die Alten Ehen oft viermal so lang, wie die in neuerer Zeit. Das mag wohl etwas damit zu tun haben, dass DAS jetzt zum Glück vorüber ist und man sich nicht mehr anstrengen muss in der Partnerschaft. Schwierigkeiten? Dann lassen wir uns eben scheiden. Der Gatte versorgt und auch der Staat. Zurück bleibt die wunderbare Oberflächlichkeit des Seins, in der ein Bürgermeister den Schutz von Sex mit Ameisen und Fruchtfliegen für besonders fördernswert hält. 😀

  8. 8 netzwerkrecherche 29. Juni 2009 um 07:49

    Zwischen Individualialismus und Kosmopolitismus findet man in der schönen Zukunft keine Abstufungen mehr. Das entspricht dem Herrschaftskonzept der Moderne, in welcher der von allen herkömmlichen Bindungen befreite Mensch von der Psychomacht leichter zu normieren und zu konditionieren ist, ohne daß konkurrierende Gemeinschaftsgebilde im Wege stehen.

    In Aldoys Huxleys schöner neuer Welt, die er 1932 formulierte, sind es auch die Familien, die als „egoistische Clans“ dem friedlichen Menschenzoo im Wege stehen, weswegen die Menschen künstlich erzeugt werden und die unfruchtbaren Menschen ihren Trieben bei wilden Sexpartys freien Lauf lassen sollen.

    Die Gender-Mainstreamer sollten sich ansonsten nicht aufregen – ist doch prima, wenn Frauen Männernamen tragen und Männer Frauennamen: „Man sollte da nicht so festgelegt sein und das Kind schon durch seinen Namen auf seine Rolle vorbereiten… Wo bleibt denn da die individuelle Freiheit?“

    @Friederich
    Eine berechtigte Anmerkung: Ist der Staat nicht ursprünglich das notwendig gewordene Ordnungsgefüge des Volkes gewesen, das sich in Stämme, Regionen, Dorfgemeinschaften, Sippen, Familien und Personen aufgliederte? Es scheint, als wäre der Staat der Zivilisation Apparat und Selbstzweck, der nicht mehr die Freiheit und das Überleben seiner Glieder sichert, sondern allein vorhanden ist zur Organisation transnationaler Wirtschaftsabwicklungen und zur eigenen, momentanen Machtabsicherung, weswegen die Auflösung seiner ihn ursprünglich tragenden Glieder billigend oder fördernd in Kauf genommen wird.


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