Der alte Großvater und sein Enkel

Ein Märchen

Onkel WilhelmEs war einmal ein steinalter Mann, schon über 60 Jahre, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Sein ganzes Leben hatte er hart gearbeitet und die Kinder wohl ernähret, bekleidet, sie auf die Schule geschickt und ihnen hin und wieder auch ein Wägelchen finanziert oder zum Hausbau unter die Arme gegriffen, da sie selber mit dem Gelde nicht recht umzugehen wussten, die Kinder. Nun verzehrte er seine karge Rente, die die Artzrechnungen auffrassen aber noch immer wollte er nicht in ein Pflegeheim, der Egoist.

Wenn er nun bei Tische bei den Kindern sass, die ihn mildtätig aufgenommen hatten, obwohl sie sprachen, der alte Zausel frißt uns die Zukunft weg, in seiner Gier,   und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Was wirklich widerlich war!

Sein Sohn und dessen Frau, junge, flexible und moderne  Menschen, ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Raumteiler an ein gesondertes Tischchen setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein Plastegeschirr und noch dazu nicht einmal was er mochte, sondern Pommes und all das Fastfood, was sie auch verzehrten; da sah er betrübt nach dem Tisch, dachte an seine verstorbene Frau, die die leckersten Eintöpfe zu kochen im Stande war  und die Augen wurden ihm naß. Und seine Frau und der Sohn sprachen leise über Sterbehilfe und Notwehr aber was der Alte nicht hören sollte, das hörte er gerade.

Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und Essen verschmierte den teuren Teppich, auf den die Haudfrau so stolz war. Diese  schalt, er würde durch seine Gier und Unverschämtheit den Weg der Jugend verderben und nicht nur den Teppich, und der Alte sagte nichts und seufzte nur.

Da liess sie ihm ein Essen auf Rädern kommen, den Einheitsbrei für Bedürftige, für ein paar Euro, aus deren Alufolien mußte er nun essen und dazu auf einer alten Decke sitzen, die benutzt wurde, um den Kofferraum zu schonen.

Wie sie da so sitzen, so mischt der kleine Enkel von vier Jahren auf dem Boden mit kleinen Gewürzstreuern herum. „Was machst du da ?“ fragte der Vater. „Ich mische ein Giftlein“, antwortete das Kind, „das sollen Vater und Mutter einnehmen, wenn ich groß bin.“ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an fingen endlich an zu weinen, holten also fort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

3 Responses to “Der alte Großvater und sein Enkel”


  1. 1 Robin Renitent 18. Juli 2009 um 20:28

    Das Ende ist schön, aber auch irgendwie unvorstellbar. Soviel Einsicht ist heute kaum jemandem zuzutrauen.

    Es bleibt dabei. Einer kann 10 Kinder groß ziehen, aber 10 Kinder können sich nicht um einen Alten kümmern.

  2. 2 Blond 18. Juli 2009 um 20:33

    un‘ wenn se nich‘ jestorb’n sin‘ … –
    ach Quark – ‚tuerlich sin‘ se tot –
    weil wejen det Jift, wat det Joer anjeruehrt hat :
    Det is‘ bestimmt in’ne Luft jejang’n – bei den Chemie-Kenntniss’n der heut’jen Pisa-Jroess’n !?

  3. 3 Karl Eduard 19. Juli 2009 um 03:44

    Deswegen ist es ja ein Märchen. Ein Seemannsgarn würde beginnen mit „nun aber mal ohne Scheiss…“


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