Das Auge ist in Gefahr

Wie eng der nationale und der internationale Sozialismus sich ähneln, zeigt folgender Artikel. Nur, daß der internationale Sozialismus, der es auch auf mindestens 50 Millionen Tote gebracht hat, als das Gute, Wahre und Schöne propagiert wird, das es immer mal wieder zu wagen gilt, von denen, die Intellektuelle in unserem Lande geheissen werden, obwohl sie doch nur Demokratie- und Freiheitsfeinde sind.

Schönheit der Arbeit kämpft für Betriebshygiene.

Arbeiter KolchosbäuerinDie Devise, „Schönheit der Arbeit“, ohne die alles sozialistische Streben unserer Weltanschauung nur guter Wille bliebe, hat zu einem Erfolg geführt, der sich vor drei Jahren, als der Kampf um einen menschenwürdigen Arbeitsplatz seinen Anfang nahm, gewiß keiner der Kämpfer hätte träumen lassen: Der Reichsparteitag der Ehre brachte den Erlaß vom „Musterbetrieb“! Alles Trommeln hätte den Mitarbeitern des von Dr. Ley im Rahmen der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ geschaffenen Amtes nichts genützt, hätte nicht der Glaube des Führers unser ganzes Volk in seinen Bann geschlagen und unerhörte Willensleistungen ausgelöst. Die Arbeitsräume der einzelnen Betriebszweige gewannen ein neues Gesicht, in modernen Betrieben freilich rascher als in verbauten „Knochenmühlen“ der wildesten Gründerzeit und Gemeinschafts-, Wasch- und Umkleideräume, Grünflächen, Sportplätze, ja regelrechte kleine „Erholungsparks“ entstanden in manchen Betrieben. Ein Wetteifer setzte ein, der nunmehr seine Krönung im Streben nach der Auszeichnung „Musterbetrieb“ finden soll.

Die Betriebsverbesserungen, die eine Schonung des Augenlichts erreichen wollen, haben wie die übrigen Verbesserungen, gewiss auch zu mancherlei Betriebserfindungen geführt, die oft von den Kameraden an den Maschinen selbst kamen. Ein Zeichen, wie „Schönheit der Arbeit“ eine Sache der Gefolgschaft geworden ist!

So hat ein Nürnberger Betrieb in den oberen Teilen der Fensterrahmen besondere Fensterscheiben einsetzen lassen, durch diese Scheiben werden die ultravioletten, die Augen schädigenden Strahlen des Tageslichts und ebenso die Wärmestrahlen absorbiert. Auf diese Weise werden die steil herabfallenden Strahlen der Sommersonne regelrecht gefiltert, während die falsch – also durch die unteren Scheiben –  einfallenden Winterstrahlen nicht behindert werden. Der Quälgeist der Blendwirkung ist auf diese sehr einfache Weise ausgetrieben, ohne dass der Raum etwa durch durchgehende Verwendung der präparierten Scheiben ein „totes“ Licht bekommen hätte. Aber auch die staubfangenden Sonnenschutzgardinen fallen weg.

Diese Neuerung erfand ein Kamerad an der Werkbank. Gewiß wäre er im früheren System nicht auf den Gedanken gekommen, denn es lohnte sich nicht , für Betriebsverschönerungen den Kopf anzustrengen, im Klassenkampf … !

Schönheit der Arbeit ist ja erst im neuen Reich aus den Wunschträumen der Menschenfreunde in die Wirklichkeit marschiert! Man kümmerte sich damals auch nicht sonderlich um eine dem Auge wohltuende künstliche Beleuchtung des Arbeitsraumes oder um die Verwendung farbiger statt grell-weißer Geschäftspapiere, Karteikarten, Formulare usw. Das Auge litt, und mit ihm litt die Konstitution und somit auch die seelische Haltung des Arbeitenden. Was lag daran?`Es lohnte sich nicht im Klassenkampf …!

Wenn aber die Taylorsystematiker solche Verbesserungen einführten, so galten sie ja nicht der inneren Haltung und der Sache des Volkes, sondern der zu erreichenden „Maximalleistung“. In der Ausführung mochte solch ein betriebshygienisch einwandfreier grüner Lampenschirm richtig sein, im Prinzip war er falsch. Denn er diente der nackten materialistischen Zweckmäßigkeit eines werkes zu dem der Schaffende keine innere Bindung hatte, nicht aber der beseelten Zweckmäßigkeit, die zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte die wahre Schönheit ausgemacht hat.

Wir sind noch nicht am Ende. Noch gibt es halbdüstre Winkel und vergitterte Fensterchen in Fabriken. Noch gibt es Quälereien für das Auge des Schaffenden. Aber sie sind selten geworden. Sehr selten. Es lohnt sich nicht mehr, unkameradschaftlich und nachlässig zu sein in dem großen Werk, das unser aller Kraft speist und das Deutschland heißt.

RUHRPOST, 16. Januar 1937

13 Responses to “Das Auge ist in Gefahr”


  1. 1 pippin 19. August 2009 um 09:21

    Apropos: ich habe bis zum heutigen Tag einige Teller „Hutschenreuther gelb“ mit dem Siegel „Modell des Amtes Schönheit der Arbeit“ in Gebrauch. Spülmaschinenfest und unverwüstlich.

  2. 2 Karl Eduard 19. August 2009 um 09:28

    So etwas gab es? Ist ja faszinierend.

  3. 3 pippin 19. August 2009 um 10:13

    Die Teller stammen aus den dreißiger Jahren. Da gab es offenbar tatsächlich ein „Amt für Schönheit der Arbeit“, jedenfalls steht es so auf der Unterseite.

  4. 4 Karl Eduard 19. August 2009 um 10:24

    Faszinierend finde ich, dass die ihr Siegel auf die Teller gedrückt haben.

  5. 5 pippin 19. August 2009 um 10:26

    Hab ich doch gleich mal fotografiert:

  6. 6 Karl Eduard 19. August 2009 um 11:03

    Danke. Dann waren die Tellerdesigns also Auftragswerke der Regierung. Vielleicht von einem Wettbewerb.

  7. 7 Friederich 19. August 2009 um 13:03

    Ist das Photo verzerrt oder der Teller asymmetrisch?

    Gilt es als rechtswidriges »Zeigen von Zeichen verfassungswidriger Organisationen«, wenn man den Teller in die Spülmaschine räumt und dabei die sonst vom Tisch verdeckte Unterseite sichtbar wird? Wie ist die Rechtslage bei Glastischen?

    Kann man, wenn man das Siegel wegflext, für evtl. entstehende Schäden am Geschirr Fördergelder für den »Kampf gegen rechts« beantragen?

    Bekommt man aus obengenannten Fördermitteln neues Plastikgeschirr, wenn man den Teller einem Polterabend zuführt?

  8. 8 pippin 19. August 2009 um 14:05

    @Friederich:

    Ist das Photo verzerrt oder der Teller asymmetrisch?

    Das kommt wegen der Perspektive. Hab ich bloß auf die Schnelle geknipst.

  9. 9 pippin 19. August 2009 um 14:10

    Hier verkauft jemand solche Teller. Politisch korrekt mit durchgestrichenem Hakenkreuz:
    http://www.dhd24.com/azl/index.php?anz_id=32592546

  10. 10 Kurt Speck 20. August 2009 um 00:14

    Gruß aus der Sommernacht mit 20 Grad Celsius 🙂
    Schön finde ich die Formulierungen. „Der Quälgeist der Blendwirkung“ ist einfach herrlich! Für mich kommt dann gleich Kundi aus dem Hygienemuseum um die Ecke, auch wenn der erst 25 Jahre später erfunden wurde.

    Und das Amt für Schönheit der Arbeit ist für mich ein weiterer Beweis für den Sozialismus. Ich sage nur Überbau, Wasserkopf.
    Und um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, daß die bejubelten Verbesserungen auch nur der Produktivitätssteigerung dienen, wird dann der damals sehr berühmte Taylorismus fertiggemacht. Herrliches kleines Stück sozialistischer Propaganda.

    Der Taylorismus (Fordismus) wurde im späteren Sozialismus, zu DDR-Zeiten, offiziell nicht mehr verteufelt. Er wurde einfach in den historischen Kontext eingeordnet und als eine wissenschaftliche Methode an den Lehrstühlen für Arbeitswissenschaften mit vermittelt und für überwunden erklärt. Und er hat ja die Produktion von Industriegütern revolutioniert und gleichzeitig einer Menge „dummer“ Bauern die Gelegenheit gegeben, ihren Lebensunterhalt mit Industriearbeit zu verdienen, statt daß sie sich auf schlechten Böden ein kurzes Leben krummschufften mußten. Was dann wiederum die Entwicklung der Produktivkräfte in der Landwirtschaft befeuerte. Denn es musste die Landflucht durch höheren Maschineneinsatz ausgeglichen werden. Das hat sich dann auch finanziell gelohnt, denn eine Maschine konnte eben billiger arbeiten, als z.B. ein Drescher usw.usf.
    Selbstverständlich rede ich hier vom Ursprungsland des Taylorismus, welches bei allen Sozialisten Deutschlands verhasst war.
    Ja, ich mag Wirtschaftsgeschichte. Interessant ist auch die Kriegswirtschaft des Deutschen Reichs im zweiten Weltkrieg, mit ihren Wehrwirtschaftsführern und der Staatswirtschaft und wie sich auch da das Versagen eines nichtfreien Marktes zeigte.

    So, jetzt hats nur noch 19 Grad Celsius. Der Quälgeist der Hochtemperaturnacht scheint sein übles Wirken beschränken zu wollen. Gute Nacht!

  11. 11 Karl Eduard 20. August 2009 um 02:35

    Die haben damals in einer dem Normalbürger verständlichen Sprache geschrieben, da musste keiner Zeitredakteur ein, um einen Zeitungstext zu begreifen.

  12. 12 oswald 18. September 2009 um 06:45

    Infos zum Porzellan des „Amtes für Schönheit…“

    ww.gastroporzantik.de

  13. 13 pippin 18. September 2009 um 07:47

    @oswald:

    Oh, vielen Dank!


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