Was der Uropa noch wusste

Artikel aus der COBURGER ZEITUNG vom 9. März 1932. Am 13. desselben Monats finden die Reichstagswahlen statt und als Kandidaten für das Amt des Reichspräsidenten präsentieren sich unter anderem: Ernst Thälmann, Adolf Hitler und Paul von Hindenburg.

Hitlers „Novemberverbrecher“: Die nationalsozialistische Agitation operiert auch mit der Behauptung, daß Hindenburg der Kandidat der „Novemberverbrecher“ (also der Kommunisten und Sozialisten) geworden sei. Das ist so dumm, daß man Zeit vergeuden würde, wollte man versuchen, es zu widerlegen. Daß Hindenburg nicht „der Kandidat Chrispiens“ ist und nie werden wird, bedarf keines weiteren Wortes. Wie aber steht es mit Hitler und den „Novemberverbrechern“? Nach Angaben seines Zentralorgans, des „Völkischen Beobachters“, gehörten von den 11 000 Handarbeitern der Berliner SA viele Tausende einstmals der Kommunistischen Partei an. Selbst wenn das wahrscheinlich auch übertrieben ist, so ist doch allgemein bekannt, daß nicht nur in Berlin, sondern im ganzen Reiche sich die SA zum erheblichen Theile aus früheren Kommunisten zusammensetzt. Die Nationalsozialisten rühmen sich ja auch bei jeder Gelegenheit, daß sie so und so viele Arbeiter bereits dem Marxismus abgerungen hätten. Wollte man kindisch werden, so könnte man daher behaupten, daß Herr Hitler „der Kandidat Thälmanns“ wäre, wobei sich vielleicht bald zeigen wird, daß diese Behauptung sachlich sehr berechtigt ist. Denn es ist eine offene Frage, 

wieviele Nationalsozialisten nach der Wahl und der schweren Enttäuschung durch Hitler den Weg zur Kommunistischen Partei finden werden. Schluß daher mit der ebenso dummen wie infamen „Novemberverbrecher“ – Kanditatur! Treffliches hierzu veröffentlicht jetzt einer der maßgebenden Führer der „Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener“, der von den Französen einst nach der Hölle von Avignon verschleppte Fritz Ibrügger. Er schreibt in der rechtsstehenden „Berliner Börsenzeitung“: „Mir sind Menschen bekannt, die noch vor Jahren einen Albert Leo Schlageter glatt verleugneten, heute aber als Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei mir mangelnde nationale Gesinnung vorwerfen. Aber damit nicht genug. Man läuft heute sogar Gefahr, von solchen Menschen beschimpft zu werden, die noch vor wenigen Jahren in der Kommunistischen Partei eine Rolle spielten, die vielleicht noch vor nicht langer Zeit zum Kreise der „Novemberverbrecher von 1918″ gezählt wurden und inzwischen gleichfalls bei der Nationalsozialistischen Partei gelandet sind. Als verantwortungsbewusster Deutscher lehne ich solchen Irrsinn ab. Auf jede Gefahr und alle Konsequenzen hin.“

3 Responses to “Was der Uropa noch wusste”


  1. 1 Prosemit 10. März 2010 um 07:03

    Für viele Zeitgenossen des dritten Reiches war zu Anfang an völlig klar, dass der Nazionalsozialismus „links“ stand. Die Gesetzgebung der ersten Jahre waren in der Auffassung des grössten teils der Bevölkerung (zumindest des denkenden teils) „sozialistische“ oder „kommunistische“ Gesetze.

    Und man wartete tatsächlich lange auf den Putsch von „rechts“ gegen Hitler oder zumindest einen mäßigenden Einfluss der rechten Kreise.

  2. 2 Karl Eduard 10. März 2010 um 07:20

    Ja. Aber so wird es nicht gelehrt. Da ist der Faschismus eine kleinbürgerliche Bewegung, die dem Großkapital zu unumschränkter Macht verhelfen soll.

  3. 3 antifo 11. März 2010 um 00:32

    OT:

    Bismarck und die Märzrevolution 1848
    http://wp.me/pzNay-6L

    Was der Ururopa noch wußte 😉


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