Archiv für 10. April 2010

Mißbrauch der Mißbraucher

Im Wettbewerb der Mißbrauchsopfer von irgendwas sind nun auch die ostdeutschen Mißbrauchten mit überwältigender Teilnehmerzahl vom Start gespurtet, ein Massenlauf um die zu erwartenden Entschädigungen, und die Begeisterten, die nach Eröffnung des Rennens um die phantasievollsten Geschichten immer noch eintrudeln, um einen Happen zu schnappen, sei es an Aufmerksamkeit, der Gelegenheit, greinend in eine Kamera zu schluchzen, oder am Ende den erwarteten Mammon einzuheimsen, hinterlassen beim staunenden Beobachter den Eindruck höchster Konzentration und unbedingten Siegeswillens.

Aber, so steht die Frage im Raum, werden sie den Vorsprung ihrer westdeutschen Kollegen noch wettmachen können, die mit mehr als einer Nasenlänge Vorsprung gestartet sind?  Wird sich auch hier wieder das Wort Michael Gorbatschows bewahrheiten, wer zu spät kommt, den bestraft der leere Geldbeutel?

Fast zwanzig Jahre ist es nun schon her, daß das letzte Rennen um den großen Denunziantenpreis im Osten Deutschlands stattfand, wo seinerzeit der Nachbar des Nachbarn Verkommenheit in den sogenannten Stasiakten aufzuspüren suchte und die Gründe, für sein verpfuschtes Leben.  Worauf er dann Zettel in die umliegenden Postkästen verteilte, über die Stasispitzelei. Fast zwanzig Jahre ist es her, daß sozialistische Lehrerpersönlichkeiten, die bis dahin brav die Lehren von Marx, Engels und Lenin in die feurigen Herzen ihrer Schutzbefohlen pflanzten, mutig ihre Direktoren stürzten, um nun endlich Wahrhaftigkeit und das Licht der Erkenntnis zu verbreiten, in ihren Schulklassen. Fast zwanzig Jahre ist es her, daß zuvor geachtete Menschen plötzlich zu Parias abgestempelt wurden, von denen, die vorgaben, sie zu schätzen und zu verehren, und kaum hätte der Blogbetreiber es sich träumen lassen, einen solchen Aufbruch zu erleben, jetzt kommt die Wahrheit ans Licht, aus den engen Gassen und Häuserschluchten, es ist, als wäre der Faust durchs Land gegangen. Oder zumindestens Barack Obama, der schwarze Lichtbringer.

Doch kann das schon alles sein, diese entsetzlichen Vorwürfe von ehemals Jugendlichen, die in der DDR keinen verständnisvollen Klaps auf den Hintern bekamen und die Aufmunterung, „geh Spielen Kleiner und treib es nicht wieder so toll“, wie das heute im menschlicheren Rechtssystem üblich ist, wo der Richter dem Beklagten sofort das noch blutige  Messer wieder aushändigt, weil dessen Fehlen sonst seine kindliche Seele tief verletzen könnte?

Ich sage nein. Waren wir doch alle Opfer, die in diesem unmenschlichen System aufgewachsen sind, das uns zwang, morgens aufzustehen, um zur Schule zu eilen oder an unseren Kampfplatz für den Frieden. Das uns mit politisch korrektem Fernsehen langweilte und noch langweiligeren Zeitungen und das uns nötigte, ein Leben innerhalb der gesellschaftlichen Normen  zu leben, weil es sich eben nicht schickte, Diebstähle zu begehen, zu rauben, Brand zu stiften, zu schlagen, zu vergewaltigen, weil das dem Staate vorbehalten war, oder nicht den Sozialismus aufzubauen, weil es für die Verweigerung daran keinen Monatslohn gab. Wo, so frage ich, bleibt der Runde Tisch für die vom Sozialismus und der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, die sich jetzt DIE LINKE nennt, und den nächsten Mißbraucherstaat anstrebt, Mißbrauchten? Haben wir nicht alle eine Entschädigung verdient? Und wenn ja, wer sammelt die Beiträge dafür bei uns ein?

Kinderarbeit in der DDR


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