Mißbrauch der Mißbraucher

Im Wettbewerb der Mißbrauchsopfer von irgendwas sind nun auch die ostdeutschen Mißbrauchten mit überwältigender Teilnehmerzahl vom Start gespurtet, ein Massenlauf um die zu erwartenden Entschädigungen, und die Begeisterten, die nach Eröffnung des Rennens um die phantasievollsten Geschichten immer noch eintrudeln, um einen Happen zu schnappen, sei es an Aufmerksamkeit, der Gelegenheit, greinend in eine Kamera zu schluchzen, oder am Ende den erwarteten Mammon einzuheimsen, hinterlassen beim staunenden Beobachter den Eindruck höchster Konzentration und unbedingten Siegeswillens.

Aber, so steht die Frage im Raum, werden sie den Vorsprung ihrer westdeutschen Kollegen noch wettmachen können, die mit mehr als einer Nasenlänge Vorsprung gestartet sind?  Wird sich auch hier wieder das Wort Michael Gorbatschows bewahrheiten, wer zu spät kommt, den bestraft der leere Geldbeutel?

Fast zwanzig Jahre ist es nun schon her, daß das letzte Rennen um den großen Denunziantenpreis im Osten Deutschlands stattfand, wo seinerzeit der Nachbar des Nachbarn Verkommenheit in den sogenannten Stasiakten aufzuspüren suchte und die Gründe, für sein verpfuschtes Leben.  Worauf er dann Zettel in die umliegenden Postkästen verteilte, über die Stasispitzelei. Fast zwanzig Jahre ist es her, daß sozialistische Lehrerpersönlichkeiten, die bis dahin brav die Lehren von Marx, Engels und Lenin in die feurigen Herzen ihrer Schutzbefohlen pflanzten, mutig ihre Direktoren stürzten, um nun endlich Wahrhaftigkeit und das Licht der Erkenntnis zu verbreiten, in ihren Schulklassen. Fast zwanzig Jahre ist es her, daß zuvor geachtete Menschen plötzlich zu Parias abgestempelt wurden, von denen, die vorgaben, sie zu schätzen und zu verehren, und kaum hätte der Blogbetreiber es sich träumen lassen, einen solchen Aufbruch zu erleben, jetzt kommt die Wahrheit ans Licht, aus den engen Gassen und Häuserschluchten, es ist, als wäre der Faust durchs Land gegangen. Oder zumindestens Barack Obama, der schwarze Lichtbringer.

Doch kann das schon alles sein, diese entsetzlichen Vorwürfe von ehemals Jugendlichen, die in der DDR keinen verständnisvollen Klaps auf den Hintern bekamen und die Aufmunterung, „geh Spielen Kleiner und treib es nicht wieder so toll“, wie das heute im menschlicheren Rechtssystem üblich ist, wo der Richter dem Beklagten sofort das noch blutige  Messer wieder aushändigt, weil dessen Fehlen sonst seine kindliche Seele tief verletzen könnte?

Ich sage nein. Waren wir doch alle Opfer, die in diesem unmenschlichen System aufgewachsen sind, das uns zwang, morgens aufzustehen, um zur Schule zu eilen oder an unseren Kampfplatz für den Frieden. Das uns mit politisch korrektem Fernsehen langweilte und noch langweiligeren Zeitungen und das uns nötigte, ein Leben innerhalb der gesellschaftlichen Normen  zu leben, weil es sich eben nicht schickte, Diebstähle zu begehen, zu rauben, Brand zu stiften, zu schlagen, zu vergewaltigen, weil das dem Staate vorbehalten war, oder nicht den Sozialismus aufzubauen, weil es für die Verweigerung daran keinen Monatslohn gab. Wo, so frage ich, bleibt der Runde Tisch für die vom Sozialismus und der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, die sich jetzt DIE LINKE nennt, und den nächsten Mißbraucherstaat anstrebt, Mißbrauchten? Haben wir nicht alle eine Entschädigung verdient? Und wenn ja, wer sammelt die Beiträge dafür bei uns ein?

Kinderarbeit in der DDR

9 Responses to “Mißbrauch der Mißbraucher”


  1. 1 ostseestadion 10. April 2010 um 05:49

    Ein sowohl hochwichtiges als auch sensibles Thema. Welchem in den Massenmedien gebührend Aufmerksamkeit gebührt. Soviel ist sicher. Zumal sich dann Nebensächlichkeiten trefflich in den Hintergrund rücken lassen. Es sind eh nur 85 % dagegen.
    http://www.bild.de/BILD/politik/2010/04/10/guantanamo-bundesinnenminister/thomas-de-maiziere-haeftlinge-nach-hamburg.html

  2. 2 Karl Eduard 10. April 2010 um 06:19

    Ich finde, in Hamburg sind sie gut aufgehoben. Nur befürchte ich, dort werden sie dann nicht bleiben.

  3. 3 Robin Renitent 10. April 2010 um 08:50

    Auch ich bin ein Mißbrauchsopfer. 12 Jahre lang haben mich Lehrer erpresst Schularbeiten zu machen. Mit Noten haben sie mich erpresst.

    Und wie das so ist, und nachgewiesen ist, wissenschaftlich mein ich, bin ich jetzt Mißbraucher und zwinge meine Kinder zu ähnlichen Erniedrigungen.

    Fürchterlich!

  4. 4 Karl Eduard 10. April 2010 um 09:24

    Ja, die seelischen Qualen vor kommenden Prüfungsarbeiten oder Leistungskontrollen sind gar nicht wiedergutzumachen.

  5. 5 PPQ 10. April 2010 um 09:44

    langsam geht dem thema aber auch die puste aus. mixa hat sine opfer nichtmal sexuell missbraucht, und die ddr war sowieso schon als missbrauchsstandort nummer 1 in deutschland bekannt. meine prognose: in zwei wochen missbraucht es medial kein bisschen mehr

  6. 6 Karl Eduard 10. April 2010 um 10:33

    Ja, aber bis das beim letzten Provinzblatt angekommen ist.

  7. 7 pippin 10. April 2010 um 11:38

    @PPQ:

    meine prognose: in zwei wochen missbraucht es medial kein bisschen mehr

    Meine Prognose: Dafür gibt es dann wieder mehr „Klimamerwärmung“.

    Lt. Paperball existieren zur Zeit gerade mal 25 Presseartikel in denen das Wort Klimaerwärmung vorkommt.

    http://www.paperball.de/suche/s/?lang=de&q=Klimaerw%C3%A4rmung&x=0&y=0

    „Klimawandel“ dagegen 463 Mal.

    http://www.paperball.de/suche/s/?lang=de&q=Klimawandel&x=20&y=14

    Das wird sich aber in den nächsten Wochen, wenn es nämlich wärmer wird, voraussichtlich zugunsten von „Klimaerwärmung“ ändern.

  8. 8 vitzliputzli 11. April 2010 um 02:04

    nein, nein, in der FAZ werden aktuell weitere Opfer eines küsters von gelnhausen gesucht. der wurde zwar vor zig- jahren bereits entlassen und verurteilt, aber da ist sicher noch was drin.

    ich befürchte, wir werden für 80 millionen bundesbürger knäste brauchen. abzüglich unserer millionen zuwanderungsbereicherer. von denen wir allerdings wiederum guantanamos und piraten sicher wiederum werden abziehen dürfen.

    es gibt noch viel zu entschuldigen und notfalls gehen wir ein paar jahrhunderte zurück 🙂

  9. 9 Prosemit 11. April 2010 um 06:56

    Vieles, was die frühere Kindeserziehung ausmachte, wäre heute Missbrauch.

    Interessante Frage, wie es gerade eine missbrauchte Generation es schaffte, Deutschland wieder aufzubane, während es eine behütete und geschützte Generation es nicht schafft. Deutschland zu erhalten.


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