Die Krügerdepesche

Kaiser Wilhelm war schon ein Depp, schreiben die Nachschlagewerke. Da droht er den mordgierigen Chinesen, mit einer Hunnenrede, die das Gesandtenviertel in der Hauptstadt stürmen und Diplomaten umbringen, was uns heute nur mit den Schultern zucken läßt, wer weiß, ob die nicht wegen Herzfehlern sowieso bald gestorben wären, dort gratuliert er einem eigenständigen Staat zur Abwehr einer ausländischen Aggression. Was für ein Trottel, fürwahr. Die deutschen Zeitungen damals sahen das aber anders, doch wer liest die schon, wenn wir heute die Weisheit mit Löffeln gefressen haben? 1896. Aus der FREIEN PRESSE:

Wien, 3. Januar. Wir müssen warten, bis die  Schildkröte den Kopf ganz herausstreckt , dann werden wir zuschlagen.“ So soll sich der Präsident der Transvaal-Republik geäußert haben, als man ihm über die drohenden Vorbereitungen der „Uitlanders“ und über die Möglichkeit auswärtigen Zuzugs Bericht erstattete. Die Boers (Buren)  haben sich an seine Worte gehalten und im rechten Moment tüchtig zugeschlagen. Der Freibeuterzug, den Dr. Jamieson mit kecker Verachtung des Völkerrechts und in blinder Unterschätzung der Schlagfertigkeit der Boers unternommen, hat ein klägliches Ende gefunden. Die von ihm geführten Söldner der südafrikanischen Gesellschaft, die sich wahrscheinlich einbildeten, sie könnten mit den Boers ebenso leicht fertig werden wie mit den Matabeles, wurden bei dem ersten Zusammenstoß überwunden und größtenteils gefangen. Der englische Colonial-Minister Chamberlain ersuchte, unmittelbar nachdem er die Nachricht von dem Gefechte bei Krügersdorp erhalten, den Präsidenten  Krüger, die Gefangenen und Verwundeten möchten gnädig behandelt werden. Die Bitte ist keineswegs überflüssig, denn die Teilnehmer an dem bewaffneten Einfall schützt keine völkerrechtliche Satzung und sie haben keinen Anspruch auf die Schonung, welche Kriegsgefangenen gebührt. Im Namen der Humanität muß man wünschen, daß in Prätoria der Bitte Chamberlain´s entsprochen wird. Vielleicht gebietet es auch die politische Klugheit, den Soldaten Jamieson´s gegenüber, die ja wohl größtenteils englische Untertanen sind und eine englische Fahne mit sich führten, nicht das unerbittliche Kriegsrecht, sondern Milde walten zu lassen.

Die Bewegung in der Bevölkerung von Johannesburg wird durch die Niederlage, welche die zu ihrer Unterstützung herbeigeeilte Freischaar erlitten, stark abgeschwächt werden. Nachdem sich gezeigt hat, daß die Boers nicht gewillt sind, vor einem Haufen von Flibustiern zurückzuweichen, sondern daß sie ihre Unabhängigkeit und ihr Vaterland zu verteidigen wissen, werden die „Uitlanders“ wohl darauf verzichten, ihre Ansprüche mit bewaffneter Hand durchzusetzen. Umsomehr, als sie keineswegs unter sich einig sind, vielmehr die Deutschen unter ihnen sich schon vor dem Treffen bei Krügersdorp entschieden gegen eine gewaltsame Auflehnung erklärten. Der Erfolg auf dem Schlachtfelde hat eine merkwürdig überzeugende Kraft, er wird auch auf die Engländer und Amerikaner in Johannesburg nicht ohne Wirkung bleiben. Die unruhigen Elemente dort sind meist Goldgräber, und wenn sich auch viele wüste Gesellen unter ihnen befinden mögen, so dürften sie in der Mehrzahl kaum noch Lust haben, sich dem sicheren Blei der Boers auszusetzen, die ihnen moralisch weit überlegen sind und soeben einen neuen Beweis dafür gegeben haben, daß man sie nicht ungestraft herausfordert.

Weiteres Blutvergießen im Transvaal zu verhüten ist nun die Aufgabe der englischen Regierung, daß sie Jamieson verleugnet und ihm den Befehl zur Umkehr gesendet hat – einen Befehl, um den sich der Freund und Vertraute des Premierministers der Capkolonie einfach nicht kümmerte. Das englische Cabinet muß dafür Sorge tragen, daß kein neuer „Raid“ von englischem Gebiete und gegen die südafrikanische Republik erfolge. Ihn zu verhindern, wird energisches, rasches Handeln erforderlich nötig sein, denn es heißt, die Chartered Compagny wolle neue Streitkräfte mobilisieren und sie habe eine Abteilung Kaffern aufgeboten, welche bereits in Transvaal eingebrochen sei. Es sieht dieser Gesellschaft, die den letzten Matabele-Krieg aus schnöder Geldgier anzettelte und durch ihre Truppen Gräuel verüben ließ, die selbst in England einen Schrei der Entrüstung hervorriefen, ganz ähnlich, daß sie mordlustige Schwarze gegen Weiße in das Feld schicken will. Sache der englischen Regierung ist es, dieser Abscheulichkeit, überhaupt allen ferneren Anschlägen der Compagny gegen die Boersrepublik ein Ziel zu setzen. … Die  Boers, denen der Oranje – Freistaat Hilfe zu leisten bereit ist, wären den Streitkräften der beutelustigen Gesellschaft wohl gewachsen, aber auf England darf die Schmach nicht fallen, Friedensbruch und Landraub zu patronisieren.

Die allgemeine Stimmung in Europa ist ohnedies nichts weniger als freundlich für England. Ein charakteristisches Zeugnis dafür bildet die Glückwunschdepesche, welcher der deutsche Kaiser heute an den Präsidenten Krüger sendete

( Ich spreche Ihnen Meinen aufrichtigen Glückwunsch aus daß es Ihnen ohne an die Hilfe befreundeter Mächte zu appellieren mit Ihrem Volke gelungen ist in eigener Tatkraft gegenüber den bewaffneten Scharen welche als Friedensstörer in Ihr Land eingebrochen sind den Frieden wiederherzustellen und die Unabhängigkeit des Landes gegen Angriffe von außen zu wahren. )

Die Tatsache allein spricht beredt genug, noch deutlicher  der Wortlaut des Telegramms. Wilhelm II. drückt seine Freude darüber aus, daß es dem Volke von Transvaal gelang, den bewaffneten Schaaren gegenüber, welche als Friedensstörer in das Land eingebrochen, den Frieden wiederherzustellen und die Unabhängigkeit des Landes nach außen zu wahren. Der deutsche Kaiser hat mit diesen Worten die Gefühle des ganzen deutschen Volkes ausgesprochen. In Bezug auf Transvaal gibt es in Deutschland keine Meinungsverschiedenheit, alle Parteien, alle Kreise der Bevölkerung haben ihre Sympathie für die Boers bekannt und das schärfste Verdammungsurteil über den unerhörten Friedensbruch gefällt. …

Wien, 4. Januar. Die publicistische Erörterung der Depesche des deutschen Kaisers an den Präsidenten Krüger dauert fort. Von den deutschen Blättern wird hervorgehoben, daß es sich dabei nicht bloß um einen impulsiven Akt des Kaisers, sondern um einen Staatsakt handle, welcher das Ergebnis eingehender Beratungen mit dem Reichskanzler und dem Staatssekretär des Auswärtigen gewesen. Die englischen Blätter ergehen sich in ganz maßlosen, stellenweise recht ungebührlichen Äußerungen gegen diesen Schritt des deutschen Kaisers, wobei officiöserseits nicht unterlassen wird, das angeblich britische Oberhoheitsrecht über Transvaal in scharfer, ja drohender Weise zu betonen. Deutscherseits wird demgegenüber der betreffende Paragraph der 1884er  englisch – transvaalischen Convention dahin interpretiert, daß Großbritannien ein eigentliches souveränes Recht auf die Boers-Republik nicht zustehe. Was die bis dahin jetzt vorliegenden französischen Blätterstimmen anbelangt, so stellen sie sich auf die Seite der deutschen Auffassung. …

9 Responses to “Die Krügerdepesche”


  1. 1 Prosemit 28. Juli 2010 um 13:30

    Die Geschichte mündet in eine bekannte Tragödie und

    in die Schaffung der ersten Concentration Camps. In dem Zusammenhang ist der Band 66 Des Staatsarchives interessant, das Aktenstücke zum Burenkrieg bringt. Ich zitiere einige :

    Die britische Taktik der verbrannten Erde :

    Nr. 1 2639. Orangefreistaat und südafrikanische Republik.

    — Die Präsidenten des Orangefreistaates und
    der Südafrikanischen Republik an den englischen
    Obergeneral. Beschwerden über Zerstörung von
    Farmen.
    Bloemfontein, 3rd February, 1900.

    We learn from many sides that the British troops, contrary to the
    recognised usages of war, are guilty of the destruction by burning and blowing up with dynamite of farm houses, of the devastation of farms and the goods therein, whereby unprotected wonien and children are often deprived of food and cover. || This happens not only in the places where barbarians are encouraged by British officers, but even in the Cape Colony and in this State, where white brigands come out from the theatre of war with the evident Intention of carrying out a general devastation, without any reason recognised by the customs of ar, and without in any way furthering the Operations. || We wish earnestly to protest against such acts.
    President, South African Republic

    Die englische Armee zerstört die Lebensgrundlagen der Farmerfamilien, zerstört Brunnen und Lebensmittelvörräte der Zivilbevölkerung

    Nr. 12654. südafrikanische republik. — Derselbe an Denselben.
    Protest gegen die englische Kriegführung.
    Warmbaths, 17th October, 1900.
    [Extract.] 1]

    Excellency, |1 I regret to note that the barbarous actions
    of your Excellency’s troops, such as the blowing up and destruction of private dwellings and the removal of all food from the families of the fighting burghers against which I have already been obliged to protest, have not only met with your Excellency’s approval, but are done on your Excellency’s special Instructions. This spirit of revenge against burghers who are merely doing their duty according to law, may be regarded as civilised warfare l)y your Excellency, but certainly not by
    me. I feel obliged to bring to your Excellency’s notice the fact that I have resolved to carry on the war in the same liumane manner as hitherto, but should I be compelled })y your Excellency’s action to take reprisals, tben the responsibility thereof will rest with yonr Excellency.
    (Signed) Lonis Botlia,
    Commandant-General of the South
    African Republic.

    In den englischen Konzentrationslagern starben 27.000 Burenfrauen und 24.000 Kinder. Man liess sie verhungern.

  2. 2 Prosemit 28. Juli 2010 um 13:31

    Eine Seite zu diesem Völkermord zu Beginn des 20. Jahrhunderts :

    http://www.boer.co.za/boerwar/hellkamp.htm

  3. 3 Karl Eduard 28. Juli 2010 um 13:42

    Ich bin jetzt mehrmals über den Burenkrieg gestolpert und war einfach nur neugierig, wieso der eigentlich geführt wurde. Und diese ganzen alten Zeitungen sind wirklich ein Schatz.

  4. 4 Prosemit 28. Juli 2010 um 13:49

    Karl Eduard 28. Juli 2010 um 13:42

    Ich bin jetzt mehrmals über den Burenkrieg gestolpert und war einfach nur neugierig, wieso der eigentlich geführt wurde. Und diese ganzen alten Zeitungen sind wirklich ein Schatz.

    Wenn man Geschichte aus der damaligen Zeit betrachtet, wird vieles plötzlich verständlich. Das, was die heutige Zeit über Geschichte lernt, ist in vielen Fällen verfälscht bis zum Nicht-mehr-Wiedererkennen, wobei die heutige Jugend sicherlich nichts über die Burenkriege lernt.

    Der damalige Deutsche wußte, dass englische Interessen mit größter Brutalität durchgesetzt wurden. Wer sich über Bomber Harris wundert, weiß nicht, dass die Vernichtung der Lebensgrundlagen der Zivilbevölkerung bereits damals gängige Kriegstaktische Mittel waren. Haager Landkriegsordnung von 1899 hin oder her.

  5. 5 Prosemit 28. Juli 2010 um 14:08

    Ich will keine falschen Zahlen in die Welt setzen und korrigiere mich.

    Nach dem Denkmal des Boeren Kriegs Memorial wurden 26370 Frauen und Kinder in den Konzentrationslagern getötet.

    http://www.galenfrysinger.com/south_africa_boer_war_memorial.htm

  6. 6 Geonaut 28. Juli 2010 um 18:22

    Mark Twain hat kurz vor 1900 auch Südafrika bereist und einen Bericht geschrieben (Titel ist mir entfallen).

    Er analysierte darin auch den Jamieson Raid, setzte die Zahl der ca. 700 Angreifer ins Verhältnis zu den ca. 300 Buren, die sie besiegten, nahm dann die Zahl der waffenfähigen Buren in den beiden Reubliken und kam auf 300 000 Mann, die das Empire brauchen würde, um einen Krieg zu gewinnen.

    Man, was haben alle gelacht, dieser Mark Twain, ein köstlicher Scherzbold.

    gebraucht haben sie dann 450 000 Mann, da lachte keiner mehr.

    Geonaut

  7. 7 Prosemit 28. Juli 2010 um 18:43

    Es ist Mark Twains „Following the equator“ (Reise um die Welt)

  8. 8 Geonaut 28. Juli 2010 um 19:28

    Prosemit

    Danke für den Buchtitel. Mein Gedächtnis lässt nach.
    Danke auch für den link zu den concentration camps.

    Scheußlicher als ich dachte.
    Ich habe als junger Mensch sehr viele Bücher über diese Zeit gelesen, und mir ist nur in Erinnerung geblieben, daß die Buren an Seuchen gestorben sind, weil sie sich nicht wuschen (sie waren ja kulturell im 17.JH. stehen geblieben) Und das ging in der Steppe gut, aber eben nicht im Lager.

    Das muss wohl ein englischer Autor gewesen sein.

    Denn die armen Würmchen auf den Fotos sehen ja nach Biafra aus, oder sollte ich sagen: Bergen-Belsen?

    Wie auch immer, es war Vökermord, allein schon wegen der Zahl von 27 000, d.h. über 20 % der Frauen und Kinder der Burenrepubliken.

    Alle waren damals pro burisch,(Afrikaner hießen die eigentlich) übrigens auch Lenin.

  9. 9 Orkan 29. Juli 2010 um 22:12

    Zum Thema der Zeit gibt es ein recht gut geschriebenes Buch von

    Hans Jannasch:
    Unter Buren, Briten, Bantus.(wahrscheinlich nur noch als Antiquariat erhältlich)

    Es handelt von einem Deutschen der die Zeit dort unten miterlebt hat und im deutschen Freiwilligen Kontingent auf Seiten der Buren gekämpft hat.


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