Der einstige Brigant als Schneider

Ab und zu speien die italienischen Zuchthäuser altersgraue Gestalten aus, die zu einer längst verflossenen Zeit, als Europa noch ganz anders aussah als heute, durch ihre Einschließung hinter Kerkermauern dem Anblick der neuzeitlichen Entwicklung entzogen worden sind. So verließ unlängst der Brigant Giuseppe Tarantini die Strafanstalt von Nisida bei Neapel, wo er 45 Jahre Zuchthaus verbüßt hat. Sein Verbrechen war die Teilnahme an dem von bourbonischen Agenten im ehemaligen neapolitanischen Reich geleiteten Räuberunwesen, das im Jahre 1865 durch General Pallavicini mit militärischer Gewalt unterdrückt worden ist. Tarantini focht, stahl und mordete als Mitglied der Bande des berüchtigten Crocgo in den Bergen und Wäldern der Basilicata herum, bis er verhaftet wurde. Der höheren Gewalt gehorchend, widmete Tarantini sich im Zuchthaus dem friedlichen Schneidergewerbe, führte sich gut auf und brachte es in dem stillen Reiche zum angesehenen Schneidermeister. Nun ist der Alte fast 70 Jahre und kehrt in die Freiheit zurück. Er hat sofort nach seiner Entlassung die Reise in die Heimat angetreten, wo die Verwandten ihn mit Jubel empfingen, denn er bringt als Lohn seiner 45 jährigen fleißigen Arbeit ein kleines Vermögen mit und kann somit sein Alter als anständiger Mensch verleben. *DIE NEUE ZEITUNG 31.07.1910 *

1 Response to “Der einstige Brigant als Schneider”


  1. 1 Prosemit 1. August 2010 um 06:37

    Damals gab es wahrscheinlich noch keine Trauma und keine Psychologen, die halfen, das Gefängnis zu „verarbeiten“.


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