Vom Schipka – Pass

Die Schlacht am Schipka – Pass galt in der sozialistischen Militärgeschichtsschreibung als Geburtsstunde der bulgarisch – russischen Waffenbrüderschaft. Seit der Einnahme Konstantinopels hatte sich das osmanische Reich durch pausenlose Kriege immer mehr nach Westen ausgebreitet und die dortigen christlichen Reiche okkupiert. Heute würden wir das abscheulich finden, wenn wir nicht so eine doppelte Moral hätten, die einerseits um die großartigen Indianer weint, die ihre Gefangenen auswaideten, andererseits mit den Schultern zucken, geht es um Massenmord und Sklaverei, von den Osmanen, den heutigen Türken verübt. Die seit Jahrhunderten versklavten Balkanvölker, die noch unter der türkischen Herrschaft standen, hatten im russisch – türkischen Krieg die Möglichkeit, wieder eigenständige Nationen zu werden. Selbstbestimmungsrecht der Völker wird das heute genannt. Interessant ist, man kann es in derselben Ausgabe der Zeitung lesen, daß es Überlegungen Englands gab, in diesen Krieg zugunsten der Türkei einzutreten und es wird gefragt, ob es denn nicht besser wäre, die Bulgaren unter der Herrschaft der Türken zu lassen, weil sie da mit ihrer Sprache und Gebräuchen leben würden, anders als die von Rußland unterworfenen Völker.

Der Krieg. Wien, 29. August (1877) In unserem heutigen Abendblatte haben wir nach der Daily News einen ausführlichen Bericht über die vorwöchentlichen Kämpfe im Schipka – Passe veröffentlicht. Wenn dieser Bericht auch jener Objektivität entbehrt, welche die früheren Depeschen dieses Blattes und insbesondere jene über die Schlacht bei Plevna kennzeichnete, so ist der in Rede stehende Bericht doch insoferne von Interesse, als er die erste ausführlichere Darstellung jener heroischen Kämpfe bildet, deren Schauplatz ganz unverdientermaßen der Schipka – Paß war.

Wenn man einer Petersburger Depesche vom heutigen Tage glauben darf, so macht sich in den türkischen Angriffsbewegungen seit einigen Tagen eine Erschlaffung fühlbar. Wir könnten, wenn sich Suleimann Pascha wirklich entschlossen hätte, die unnöthigen Angriffe auf die schwer zugängliche Position aufzugeben und während ein Theil seiner Truppen den Schipka – Paß beobachtet, mit dem Gros derselben an einem anderen Punkte über den Balkan zu gehen, den türkischen General nur beglückwünschen. Wir glauben indeß, daß dies kaum der Fall sein dürfte. Trotz aller offiziellen Versicherungen, daß die russischen Truppen ihre Positionen im Schipka – Passe festhalten, ist es doch eine unumstößliche Thatsache, daß die Türken Fortschritte gemacht und insbesondere jene vorzüglichen Stellungen in der rechten Flanke der russischen Front, welche sie am Donnerstag unter den Augen des Korrespondenten der Daily News verloren hatten, am Sonntag nach einem blutigen Kampfe wieder erobert haben. Wie nämlich aus Gorny Studen vom Dienstag Abends gemeldet wird, haben die Türken abermals vorgeschobene Batterien errichtet, welche die Flanken der russischen Aufstellung bedrohen. Der Korrespondent der Daily News bezeichnete die Position der Russen am Mittwoch Abends als eine verzweifelte. Wenn nun die Türken am Sonntag diese flankierenden Geschützpositionen wieder gewonnen haben, so folgt daraus, daß der Stand der Dinge heute gerade so verzweifelt für die Russen ist, wie am Mittwoch. Aus der Thatsache, daß Suleiman Pascha am Montag und Dienstag seine Angriffe gemacht hat, geht nur hervor, daß er seinen ermüdeten Truppen etwas Ruhe gönnen, keineswegs aber, da er den Angriff unter sehr günstigen Verhältnissen fortsetzen kann, daß er denselben aufgeben will.

Daß wir übrigens das Anrennen gegen eine nur mit großen Opfern bezwingbare Position, wenn sie durch gefahrlose Umgehung leicht zu nehmen ist, nicht billigen, haben wir bereits wiederholt ausgesprochen. Wir würden uns überhaupt selbst heute noch die türkische Offensive anders vorstellen. Wir halten noch immer daran fest, daß die rationellste Operation folgende wäre: Rasim Pascha hätte mit dem linken Flügel Suleiman´s in befestigten Stellungen die Deboucheén des Schipka – Passes in das Thal von Kazanlik abzusperren, während Suleiman Pascha selbst mit dem Gros seiner Armee über den Balkan gehen und sich  zwischen Bebrowa und Osman – Bazar mit Mehmed Ali vereinigen sollte. Dieser mindestens 100,00 Mann starken türkischen Armee können die Russen höchstens 50,000 Mann, nämlich das elfte und zwölfte Armeecorps, entgegenstellen, da das dreizehnte Corps vor Rustschuk, das vierte und neunte Corps und die zweite Division vor Plevna und Lovac und das stark reducierte achte Corps endlich im Schipka – Balkan festgehalten werden. Der Offensive der vereinigten Armee Suleiman´s und Mehmed Ali´s könnten die 50,000 Russen unmöglich Widerstand leisten und der Feldzug könnte in vierzehn Tagen entschieden sein. Über London erfahren wir, daß das Hauptquartier Mehmed Ali´s nach Eski – Djuma verlegt wurde, was allerdings auf eine solche oder ähnliche Operation schliessen lassen würde.

In den Gefechten beim Schipka – Paß sind nach einem Telegramme des Großfürsten bis zum Freitag Abends bei den Russen verwundet worden: General Dragomirow, dem der rechte Fuß von einer Kugel durchbohrt wurde, aber nicht gefährlich; Flügel-Adjutant Oberst Fürst Wjasemski; Oberstlieutenant Renkewitsch und Capitän Malzew, vom Generalstabe; Oberstlieutenant Chudjakow und Fähnrich Turow, vom 16. Schützenbataillon; Capitän Steppenström, Stabscapitän Kondratzki, Lieutenant Koronelli und Fähnrich Alexander Iwanenko, vom 13. Schützenbataillon; Stabscapitän Tscherwinskij, vom 14. Schützenbataillon; Capitän Beloussow, vom Zitomir´schen Regiment; Oberstlieutenant Schwab, Major Molostwow, die Seconde – Lieitenante Denissow und Kikin und der Fähnrich Kontschialow, vom Brjanski´schen Regiment; Lieutenant Baljassnyj und Seconde – Lieutenant Tschertkow, vom Orlow´schen Regiment. Die todten Officiere hat Großfürst Nikolaus nicht genannt. NEUE FREIE PRESSE.

Bild: türkische Truppen beim Sturm auf den Schipka Pass

Im Anschluß an diesen Krieg wurde der Berliner Vertrag von 1878 abgeschlossen, der auch in der Preußischen Amtspresse erwähnt wird.

“ … Unter den Bestimmungen des Berliner Vertrages hat Rußland sich von Konstantinopel zurückgezogen, das in seiner Gewalt war; es hat sich ferner zurückgezogen aus der Meerenge von Gallipoli, neben Konstantinopel in zweiter Reihe von Bedeutung und von Einigen ihm gleich geachtet; Rußland hat ferner der Pforte die Stadt Erzerum zurückgegeben, welche wahrscheinlich bald der Schauplatz der stärksten Befestigungen in Kleinasien sein wird; unter den Bestimmungen des Berliner Vertrages hat der Sultan seine Donaufestungen abgegeben und ist der Meerbusen von Batum, der, wie man meinte, nur durch einen blutigen Bürgerkrieg erlangt werden könnte, abgetreten worden. Unter den Bestimmungen des Berliner Vertrages sind in diesem Augenblicke Komites und Kommissionen der geeignetsten Personen der verschiedensten Staaten Europas damit beschäftigt, die Grenzlinien für die durch den Berliner Vertrag geschaffenen verschiedenen Staaten und Provinzen festzustellen. … „

Erstaunlich auch, daß es damals noch keine Käßfrauen gab, die moralisierend in den Zeitungen herumflennten, „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein“ und solch völliger Quatsch und als Expertinnen für sonstwas vor die „flotte Schreibefeder“ geholt wurden. Überhaupt hat man sich bemüht, den Lesern ein objektives Bild zu vermitteln, mit Korrespondentenmeldungen aus allen beteiligten Lagern, denen jedenfalls, die das zuließen.  Zeitungen betrachteten sich vor allem als Nachrichtenübermittler, nicht als Volkserzieher. Das ist jedenfalls mein Eindruck.

1 Response to “Vom Schipka – Pass”


  1. 1 Prosemit 30. August 2010 um 07:20

    Zeitungen betrachteten sich vor allem als Nachrichtenübermittler, nicht als Volkserzieher. Das ist jedenfalls mein Eindruck.

    Hmmmm, in den Gehirnen der heutige Qualitätsjournalisten kreist der Gedanke, dass Wilhem II den ersten Weltkrieg nicht vom Zaun gebrochen hätte, wenn die Deutsche Presse ihren Erziehungsauftrag auch richtig verstanden hätte.

    Zu der Schlacht am Schipka Pass. In der Zählung der russisch-osmanischen Kriege war dies die Nummer Elf.

    Siehe auch :

    http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Batak


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