Archiv für 2. September 2010

Arschloch

Laut heutiger BILD – Titelblattschlagzeile soll Herr Sarrazin Herrn Friedmann ein Arschloch genannt haben. Das ist eben das Kreuz mit Herrn Sarrazin. Die Fakten stimmen, nur bringt er sie immer so grob und direkt an den Mann. Im Grunde genommen haben Deutsche nämlich nichts gegen die Wahrheit, wie unsere Politiker und Medienbetreiber befürchten, sie wollen sie nur nett präsentiert haben.

Der Tag von Sedan

Alle Glocken läuten so hell. Erinnerungen an den Tag von Sedan. Parallelen vom Krieg 1870 – 1871 zum russischen – türkischen Krieg 1877. Deutschland wurde angegriffen – wie die Türkei. Die deutsche Kultur hat mit der türkischen nichts gemein. Sind die Bulgaren die neuen Badener oder Bayern? Muß die Befreiung der Christen sein? Koran und Bibel gleichen sich. Wenn Glaube über den Verstand siegt. Deutschland schuldet Rußland gar nichts. Brief des preussischen Königs vom Schlachtfeld Sedan.

Wien, 1. September. Morgen ist der Tag von Sedan, ein Gedenktag, den das deutsche Volk mit Recht in hohen Ehren hält  und festlich begeht. Morgen sind es sieben Jahre, daß das napoleonische Kaiserthum unter den deutschen Hieben zusammenbrach und die deutsche Einheit mit rothem Lebensblut gekittet ward. Die Schlacht von Sedan war eine Art der Vergeltung und Sühne, wie ihn die Weltgeschichte nur selten sieht. Das Recht triumphierte, das Unrecht lag besiegt im Staube. Für Deutschland ein Tag des Ruhmes, war der 2. September 1870 für Frankreich ein Tag der Erlösung. Dem übermüthigen Emporkömmling hatte die gerechte Strafe ereilt für den Frevel, den er neunzehn Jahre früher an dem eigenen Lande begangen, wie für den frechen Überfall eines friedlichen und ruhigen Nachbarvolkes. Darum hat der Jahrestag von Sedan nicht nur für Deutschland, er hat für alle Völker Bedeutung. Morgen soll die ganze gebildete Welt die Lehre beherzigen, daß ein aus inneren Verlegenheiten und lüsterner Eroberungsgier unternommener Krieg sich zuweilen schwer an seinen Urhebern rächt, daß eine Art Gottesgericht, wie der fromme Glauben des Mittelalters sich ausdrückte, dem ungerecht Angegriffenen den Sieg verleiht.

Wenn morgen in den Städten Deutschlands die Glocken klingen und frohe Lieder ertönen, um das Gedächtnis des glorreichen Tages zu feiern, so läge eine  Nutzanwendung für die unmittelbare Gegenwart sehr nahe. Wir besorgen, daß unsere deutschen Brüder sie nicht ziehen werden, und wollen das deshalb selbst thun. Wir besorgen im deutschen Reiche kein Mißverständnis hervorzurufen, wenn wir sagen, daß zwischen dem Anfall  Napoleon´s III. auf Deutschland und dem Anfall Rußlands auf die Türkei eine große Ähnlichkeit bestehe. Gewiß wollen wir die deutsche Cultur, die ja unsere eigene, unser kostbares Gut ist, nicht auf eine Stufe mit der türkischen stellen, aber als Staat, als anerkanntes Mitglied der europäischen Familie, hat die Türkei dieselben Rechte wie irgend ein anderes Volk, und der Angriff Rußlands war nicht weniger empörend und schamlos, als der Napoleon´s.

Die Ähnlichkeit der beiden Kriege geht bis in Einzelheiten. Sogar die Vorgeschichte beider weist übereinstimmende Züge auf. Wie Benedetti in Berlin als Versucher auftrat und die preußische Regierung für Theilungs- und Tauschgeschäfte zu gewinnen suchte, so wußte General Ignatiew dem unglücklichen Sultan Abdul Aziz einzureden, daß Rußland der beste Freund der Pforte sei. Den Vorwand zu dem längst geplanten Kriege lieferte Napoleon III. die angebliche Beleidigung seines Botschafters in Ems, wie dem Czar Alexander die Verwerfung des Londoner Protocolls. Wie Napoleon den Süddeutschen Schutz gegen Preußen, so versprach der Czar den Christen des Orients Befreiung vom türkischen Joche; wie Napoleon – freilich umsonst – den Bürgerkrieg nach Deutschland tragen wollte und die Bildung einer hannover´schen Legion versuchte, in die zur Ehre des deutschen Volkes kein anständiger Mensch eintrat, so rief der Czar die Bulgaren zu den Waffen und entfesselte alle Furien der Revolution. Wie vor sieben Jahren in Paris über den Krieg mit Deutschland, so sprach man im vergangenen April in Petersburg über den Krieg mit der Türkei. Statt auf den Spaziergang nach Berlin freute man sich auf den Spaziergang nach Konstantinopel. Wie damals in den Tuilerien, so berief man sich heuer im Winterpalais an der Newa auf die öffentliche Meinung, deren unwiderstehlichem Drucke man nachgeben müsse – dieselbe öffentliche Meinung, die man selbst mit allen Mitteln künstlich geschaffen hatte. In seiner Proclamation vom 23. Juni 1870  schob Napoleon III. die Verantwortung des Krieges genau so auf Deutschland, wie Kaiser Alexander in seinem Manifest vom 24. April 1877 auf die Türkei. „Wir wollen einen dauerhaften Frieden erringen; wir hegen den Wunsch, daß die Völker, welche die große germanische Nationalität bilden, frei über ihre Geschicke verfügen können, “ schwadronierte Napoleon. „Unsere ganze Regierung bezeugt unsere beständige Sorgfalt, den Frieden zu erhalten, … aber die hochmüthige Halsstarrigkeit der Pforte zwingt uns, zu entschiedenen Handlungen überzugehen,“ hieß es in dem Manifest des Czars. Beide Kaiser endlich riefen die nationale Ehre an, welche unerbittlich den Krieg fordere, und beide sprachen von den Pflichten der Civilisation, von ihrer Uneigennützigkeit – u.s.w.

Wir könnten die Parallele noch fortsetzen, aber wir denken, das Angeführte genügt. Was wir bezwecken, brauchen wir wohl kaum noch zu sagen, denn die Moral springt in die Augen. Dass deutsche Reich, das aus einem ungerechten Angriffskriege so ruhmvoll hervorgegangen, sollte mit seinen Sympathien stets auf der Seite der ungerecht Ueberfallenen stehen. Leider ist das Gegenteil der Fall, wenigstens was die offizielle Politik betrifft. Wir glauben nicht, daß die Bürger Deutschlands im Allgemeinen für Kosaken schwärmen, und wir sehen mit Genugtuung die hervorragenden tonangebenden Blätter im Reiche die Sache der Pforte mit Geschick und Ausdauer verteidigen. Aber auch außerhalb der Regierungskreise wirken in Deutschland noch immer zwei Beweggründe, um die richtige und billige Beurtheilung der orientalischen Angelegenheiten zu erschweren. Man glaubt auf Seite des Christen gegen den Mohammedaner stehen zu müssen und Rußland für seine Haltung im Jahre 1870 Dank zu schulden. Daß der Koran in vielen Stücken der Bibel gleicht, daß die tägliche Sittenlehre mit der christlichen in den wesentlichen Punkten übereinstimmt, davon gibt man sich keine Rechenschaft. Menschen, die im neunzehnten Jahrhundert den Glauben zum Vater ihres politischen Urtheils machen, haben auch in der Regel nicht die Bildung zu solchen Vergleichen. Sie halten sich an hergebrachte Vorurtheile, die sie in der Kinderstube eingesogen haben, und fertigen die Bedenken des eigenen Verstandes  mit dem Hinweis auf die Dankbarkeit ab, die man Rußland zollen müsse. Wofür? Wäre das deutsche Reich etwa eine Schöpfung von Rußlands Gnaden? Nicht einmal ein Franzose hat das noch behauptet. Wir haben einen anderen Begriff von der Macht und der Mission des deutschen Reiches, als daß wir es Rußland irgendwie verpflichtet glaubten. Wir suchen in Petersburg weder seine Hebamme noch seinen Pathen, wir wünschten, daß die lächerliche und beschämende Phrase von der Dankbarkeit gegen Rußland endlich einmal aus dem Wörterbuch der deutschen Publicistik verschwinde.

Morgen wäre ein Tag,  sich das ganz Deutschland zu überlegen. Die persönlichen Sympathien des Kaisers Wilhelm in allen Ehren – aber sie sollen und können in diesem Falle nicht die des deutschen Volkes sein. Das alte deutsche Reich betrachtete es ausdrücklich als seine Aufgabe, überall in der Welt dem Rechte zu Ehren und zum Siege zu verhelfen, und in seiner Glanzzeit hat es diese Aufgabe in den Grenzen der Möglichkeit gelöst. Das neue Reich soll sie in idealem Sinne übernehmen, es soll nicht für das Unrecht im Balkan eintreten – das ist unser Wunsch, das ist der Gruß der Ostmark zum diesjährigen Sedantage.  .NEUE FREIE PRESSE 2.9.1877.

… Der Kampf begann trotz dichten Nebels bei Bazeilles schon früh am Morgen, und es entspann sich nach und nach ein sehr heftiges Gefecht, wobei Haus für Haus genommen werden mußte, was fast den ganzen Tag dauerte, und in welches die Erfurter Division Schöler (aus der Reserve, 4. Corps) eingreifen mußte. Als ich um 8 Uhr auf der Front vor Sedan eintraf, begann die große Batterie gerade ihr Feuer gegen die Festungswerke. Auf allen Punkten entspann sich nun ein gewaltiger Geschützkampf, der stundenlang währte und während dessen von unserer Seite nach und nach Terrain gewonnen wurde. Die genannten Dörfer wurden genommen.

Sehr tief eingeschnittene Schluchten mit Wäldern erschwerten das Vordringen der Infanterie und begünstigten die Vertheidigung. Die Dörfer Illy und Floing wurden genommen, und zog sich allmälig der Feuerkreis immer enger um Sedan zusammen. Es war ein grandioser Anblick von unserer Stellung auf einer dominirenden Höhe hinter jener genannten Batterie, rechts vom Dorfe Frénois vorwärts, oberhalb Pt. Torcy. Der heftige Widerstand des Feindes fing allmälig an, nachzulassen, was wir an den aufgelösten Bataillonen erkennen konnten, die eiligst aus den Wäldern und Dörfern zurückliefen. Die Kavallerie suchte einige Bataillone unseres 5. Corps anzugreifen, die vortreffliche Haltung bewahrten; die Kavallerie jagte durch die Bataillons-Intervallen durch, kehrte dann um und auf demselben Wege zurück, was sich dreimal von verschiedenen Regimentern wiederholte, so daß das Feld mit Leichen und Pferden besäet war, was wir Alles von unserem Standpunkte genau mit ansehen konnten. Ich habe die Nummer dieses braven Regimentes noch nicht erfahren können.

Da sich der Rückzug des Feindes auf vielen Stellen in Flucht auflöste und Alles, Infanterie, Kavallerie und Artillerie in die Stadt und nächste Umgebungen sich zusammendrängte, aber noch immer keine Andeutung sich zeigte, daß der Feind sich durch Kapitulation aus dieser verzweifelten Lage zu ziehen beabsichtige, so blieb nichts übrig, als durch die genannte Batterie die Stadt bombardiren zu lassen; da es nach 20 Minuten ungefähr an mehreren Stellen bereits brannte, was mit den vielen brennenden Dörfern in dem ganzen Schlachtkreise einen erschütternden Eindruck machte – so ließ ich das Feuer schweigen und sendete den Oberst-Lieutenant v. Bronsart vom Generalstabe als Parlamentär mit weißer Fahne ab, der Armee und Festung die Kapitulation antragend. Ihm begegnete bereits ein bayerischer Offizier, der mir meldete, daß ein französischer Parlamentär mit weißer Fahne am Thore sich gemeldet habe. Der Oberst-Lieutenant v. Bronsart wurde eingelassen und auf seine Frage nach dem General en chef ward er unerwartet vor den Kaiser geführt, der ihm sofort einen Brief an mich übergeben wollte. Da der Kaiser fragte, was für Aufträge er habe, und zur Antwort erhielt: „Armee und Festung zur Uebergabe aufzufordern“, erwiederte er, daß er sich dieserhalb an den General v. Wimpffen zu wenden habe, der für den blessirten Mac Mahon soeben das Kommando übernommen habe, und daß er nunmehr seinen General-Adjutanten Reille mit dem Briefe an mich absenden werden. Es war 7 Uhr, als Reille und Bronsart zu mir kamen; letzterer kam etwas voraus, und durch ihn erfuhren wir erst mit Bestimmtheit, daß der Kaiser anwesend sei.
Du kannst Dir den Eindruck denken, den es auf mich vor Allem und auf Alle machte! Reille sprang vom Pferde und übergab mir den Brief seines Kaisers, hinzufügend, daß er sonst keine Aufträge habe. Noch ehe ich den Brief öffnete, sagte ich ihm: „Aber ich verlange als erste Bedingung, daß die Armee die Waffen niederlege.“ Der Brief fängt so an: »N’ayant pas pu mourir à la tête de mes troupes je dépose mon épée à Votre Majesté«, Alles Weitere mir anheimstellend. Meine Antwort war, daß ich die Art unserer Begegnung beklage und um Sendung eines Bevollmächtigten ersuche, mit dem die Kapitulation abzuschließen sei. Nachdem ich dem General Reille den Brief übergeben hatte, sprach ich einige Worte mit ihm als altem Bekannten, und so endigte dieser Akt.

Ich bevollmächtigte Moltke zum Unterhändler und gab Bismarck auf, zurück zu bleiben, falls politische Fragen zur Sprache kämen, ritt dann zu meinem Wagen und fuhr hierher, auf der Straße überall von stürmischen Hurrahs der heranziehenden Trains begrüßt, die überall die Volkshymne anstimmten. Es war ergreifend! Alles hatte Lichter angezündet, so daß man zeitweise in einer improvisirten Illumination fuhr. Um 11 Uhr war ich hier und trank mit meiner Umgebung auf das Wohl der Armee, die solches Ereigniß erkämpfte.

Da ich am Morgen des 2. noch keine Meldung von Moltke über die Kapitulations-Verhandlungen erhalten hatte, die in Donchery stattfinden sollten, so fuhr ich verabredetermaßen nach dem Schlachtfeld um 8 Uhr früh und begegnete Moltke, der mir entgegen kam, um meine Einwilligung zur vorgeschlagenen Kapitulation zu erhalten, und mir zugleich anzeigte, daß der Kaiser früh 5 Uhr Sedan verlassen habe und auch nach Donchery gekommen sei. Da derselbe mich zu sprechen wünschte, und sich in der Nähe ein Schlößchen mit Park befand, so wählte ich dies zur Begegnung. Um 10 Uhr kam ich auf der Höhe vor Sedan an; um 12 Uhr erschienen Moltke und Bismarck mit der vollzogenen Kapitulations-Urkunde; um 1 Uhr setzte ich mich mit Fritz in Bewegung, von der Kavallerie-Stabswache begleitet. Ich stieg vor dem Schlößchen ab, wo der Kaiser mir entgegen kam. Der Besuch währte eine Viertelstunde; wir waren Beide sehr bewegt über dieses Wiedersehen. Was ich Alles empfand, nachdem ich noch vor 3 Jahren Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht gesehen hatte, kann ich nicht beschreiben.

Nach dieser Begegnung beritt ich von ½3 bis ½8 Uhr die ganze Armee vor Sedan. Der Empfang der Truppen, das Wiedersehen des dezimirten Garde-Corps, das Alles kann ich Dir heute nicht beschreiben; ich war tief ergriffen von so vielen Beweisen der Liebe und Hingebung. Nun lebe wohl.

Mit bewegtem Herzen am Schlusse eines solchen Briefes.

Wilhelm. Quelle: Amtspresse Preußens


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