Archiv für 13. September 2010

Dies und Das

Das verbotene Nationallied. Trotz der Vorstellung der Reichsregierung hat die interalliierte Rheinlandkommission für das besetzte Gebiet das bisher geltende Verbot des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles“ aufrecht erhalten, obwohl es nunmehr amtlich als das deutsche Nationallied angekündigt worden ist. Dieser merkwürdigen Maßnahme wird eine ebenso merkwürdige Begründung mit auf den Weg gegeben. Es heißt, es habe vier Jahre lang Franzosen und Belgiern als Ausfluß deutscher  Herrschsucht in die  Ohren geklungen, und deshalb müsse es verboten bleiben, wo Franzosen und Belgier seien. Man ersieht aus dieser Begründung, daß unsere Pazifisten, Kommunisten usw. bei der interalliierten Rheinlandkommission Schule gemacht haben. Wenn ferner angeführt wird, der Text der ersten Zeile sei eine Ueberhebung, so wissen die Herrschaften am Rhein ganz genau, daß keine Ueberheblichkeit anderen Völkern gegenüber darin liegt, wenn man sein eigenes höher als die anderen schätzt. Im Gegenteil, Engländer, Franzosen und Belgier sind uns in der Einschätzung ihrer Völker weit über. Es muß aber doch das Lied Zauberkraft besitzen, sonst würde es nicht verboten. COBURGER ZEITUNG 12. Sept. 1922.

Das Fiasko von Hamborn. Die Kommunisten von Hamborn hatten vor einigen Tagen  einen Kontrollausschuß eingesetzt, der Lebensmittelpreise um 40 Prozent „vereinbarte“. Der Kontrollausschuß drohte mit „Aktionen“ der Massen, und die geängstigten Geschäftsleute sahen sich gezwungen, ihre Waren sogar unter dem Einkaufspreis loszuschlagen. Die Berliner „Rote Fahne“ pries diese „Selbsthilfe“ der Hamborner Arbeiterschaft in den höchsten Tönen und empfahl sie eifrig zur Nachahmung. Dem frühen Jubel ist aber rasch die Ernüchterung gefolgt. Auf der Ende voriger Woche abgehaltenen Betriebsrätekonferenz der Groß-Berliner Betriebe, die von den Kommunisten gegen den Willen der Gewerkschaft einberufen wurde, mußte der Hauptredner eingestehen, daß die Hamborner „Aktion“ kläglich Schiffbruch erlitten hat. Die Kaufleute hüteten sich natürlich, ihre Lager wieder aufzufüllen, um nicht weiteres Kapital zuzusetzen. Die Folge der Lebensmittelverbilligung in Hamborn ist also eine äußerst gestiegene Lebensmittelknappheit. Die Hamborner konnten einige Pfund Kartoffeln, Zucker, Mehl usw. billig einkaufen und müssen nun hungern. Die aus dem Hamborner Fiasko sich ergebende Lehre, daß man in ein so kompliziertes organisches Gebilde, wie es die Wirtschaft darstellt, nicht ungestraft rohe gewaltsame Eingriffe tun darf, ist natürlich von den Kommunisten nicht begriffen worden. Im Gegenteil! Der Berliner Betriebsrätekongress verlangte Nachahmung des Hamborner Beispiels im ganzen Reich! Wenn den Kommunisten die russische Hungerkatastrophe ein Vorbild ist, treffen sie mit ihren Vorschlägen freilich das Rechte. COBURGER ZEITUNG 12. Sept. 1922 .

Die äußere Politik wird z. Zt. von dem Kampf zwischen Griechenland und der Türkei beherrscht. Die griechische Armee ist vollständig geschlagen, die Konferenz von Venedig hinfällig geworden. Die Regierung von Angora diktiert dem flüchtigen Feind ihre Bedingungen, und es entspricht nur der Logik der Tatsachen, wenn Kemal Pascha in Bälde in Konstantinopel die Einheit des türkischen Reiches wieder hergestellt und mit England und Frankreich auf dem Fuße der Gleichberechtigung verhandelt. „Nomen est Omen!“  Das gilt auch für den Vertrag von Sevres, der berühmten Stätte französischer Porzellankultur. Dieses „Porzellan“ hat sich als sehr brüchig erwiesen; es liegt jetzt in Scherben am Boden. Wir Deutsche könnten aus dem zähen Kampf der Türkei viel lernen. Freilich befinden wir uns in einer weit ungünstigeren Lage als die Türkei, da die Geschütze Frankreichs unmittelbar auf uns gerichtet sind und im Innern alle Voraussetzungen für jenen Widerstand fehlen, den die Türken entfaltet haben. Wir könnten aber wenigstens die eine Lehre ziehen, daß kein Volk verloren ist, wenn es sich nicht selbst aufgibt. COBURGER ZEITUNG 14. Sept. 1922 .

Lügenmaul

…. Parteichef Sigmar Gabriel hatte am Wochenende die Absicht der SPD bekräftigt, Sarrazin aus der Partei auszuschließen. Wenn es um Grundsatzfragen gehe, könne sich die SPD „nicht einfach wegducken.“ Sarrazin wolle „zurück zur staatlich gelenkten Vererbungspolitik aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Staat soll unterscheiden, wessen Leben gefördert wird und wessen nicht.“ Die katastrophalen Folgen dieser Politik erwähne Sarrazin nicht mit einem Wort in seinem Buch.

Wo bleibt der Backpfeifenbeauftragte, der ihm links und rechts kräftig aufs Maul haut? Wegen gewohnheitsmäßiger Lügnerei.

Volk von Heloten

Der Schutz der Minderheiten also, weswegen, wegen „Nie wieder Auschwitz“ und so, in der Neuzeit in den Krieg gezogen wird, lag nach dem Ersten Weltkrieg ein wenig im Argen. Nicht nur in Polen. Es war aber o.k., wenn es die Deutschen betroffen hat, wie wir wissen, haben die ja ab 1933 ganz scheußliche Dinge veranstaltet und das Drangsalieren zuvor war die gerechte Bestrafung für die kommenden Nazi – Verbrechen. Das muß man sich immer wieder sagen, sonst klingen solche Reden irgendwie relativierend und das wollen wir ja nicht, daß irgendwas relativiert wird.

Eine Protestrede Krepeks. Bei der Eröffnung der Grünen Woche in Leitmeritz am 10. ds. zu der auch Divisionär General Rada mit zahlreichen Offizieren, sowie der Leiter der politischen Bezirksverwaltung Min.- Rat Cefanv´erschienen waren, kam es zu einem Zwischenfall. Als Abgeordneter Krepek in seiner Rede davon sprach, daß „Frankreich das Henkeramt in Deutschland“ versehe, verließ General Rada mit seinen Begleitoffizieren und der Leiter  der politischen Bezirksverwaltung Min.-Rat Cefany den Festpavillon, Als Krepek seine Rede beendet hatte, wurde er von schwerem Unwohlsein befallen, so daß er sofort den Festplatz verlassen mußte. Er begibt sich zur Heilung seines Herzleidens nach der Slowakei.

Krepek führte aus: Wir sind auf dem Wege des Rechts und der Verständigung nicht vorwärts gekommen, die Verhältnisse sind seit einem Jahr schlechter geworden! Die Mehrheit des tschechischen Volkes in diesem Staat ist nicht so überwältigend, daß man einem Dreimillionen – Volk auf die Dauer seine nationalen und politischen Rechte vorenthalten könnte. Das deutsche Landvolk spricht es heute vor aller Welt aus,  daß es seine Pflicht und Arbeit tun wird, daß es aber auch auf Grund seines Besitzes, seiner Leistung, seiner Kraft entschlossen ist, seine Pflicht auf nationalem Gebiet zu erfüllen bis zur letzten Konsequenz, bis zum letzten Blutstropfen.

Die chauvinistischen Kreise in Prag dominieren und ihre Ansicht: Das ist unser Staat; Wir antworten: Ist es Euer Staat, dann laßt uns ziehen! Seid Ihr aber angewiesen auf unsere Kraft und Arbeit, wie es die historischen Tatsachen beweisen, dann gebt unserem Volke die nationalen, politischen und kulturellen Rechte, ohne die ein großes Volk im zwanzigsten Jahrhundert nur noch als Helote  leben kann. Das deutsche Volk in Böhmen hat auch nicht den Willen, in diesen Verhältnissen weiterzuleben und es wird sich zur Wehre setzen. Wir sehen die Verhältnisse, die der Weltkrieg geschaffen, namentlich jene in Deutschland, unter denen wir so furchtbar leiden. Es ist das Henkeramt Frankreichs, welches dort ausgeübt wird. Die deutsche Regierung müßte zu dem Entschluß kommen, in dieser furchtbaren Lage nichts anderes zu tun, als über die große Geschäftsfirma von 50 Millionen Menschen den Konkurs anzumelden.

Wir Deutschen müssen sehr wachsam sein, denn auch hier will der Rausch der Kriegspsychose nicht aus den Köpfen. Das nationale Unrecht fängt im Parlamente an und geht bis zur Hetze an den Sprachgrenzen. Zur nationalen Bedrückung kommt jetzt auch die wirtschaftliche. Eine Abgabe steht bevor, die das deutsche Volk nicht mehr leisten kann, die Vermögensabgabe. Dieser unüberlegte Schritt kann den Staat erschüttern. Von Schlesien, von Nordmähren und Südmähren bis herüber nach Böhmen erhebt sich nur ein Ruf, und das ist der des Widerstandes gegen diese Vergewaltigung, die für uns nichts anderes bedeutet, als eine Verschuldung des Bauernstandes. Die Verschuldung, aus der er sich endlich nach dem Kriege emporgerungen hat. Wir werden auf diese Forderung nicht eingehen, hier muß ein einmütiger Widerstand einsetzen. Unser Volk hat nur ein Mittel in diesem Staat, wo alles versagt, was Gerechtigkeit bedeutet: Das ist der Kampf. …. .PRAGER TAGBLATT 12.09.1922.

Bild: Sanktionen: Wir müssen es ihm noch schwerer machen, der Kerl ist sonst imstande und erfüllt unsere Bedingungen.

Jetzt muß man noch einmal daran erinnern, diese Leute, diese Deutschen, sind ja nicht in die Tschechoslowakei eingewandert, um es sich im Sozialsystem gemütlich zu machen, die es ja auch nicht gab,  sondern sie waren schon hunderte Jahre zuvor dort gewesen und hatten das Land entscheidend mitgeprägt. Im positiven Sinne. Aber plötzlich war es mit der Gleichbehandlung aus, die unter der K. und K. -Monarchie herrschte, weil die Sieger des Ersten Weltkrieges die Verlierer verhackstückten und willkürlich neue Staaten schufen, in denen die neuen Regierungen das Motto „Wir zuerst“ lebten, wie das eben in Musterdemokratien so üblich ist. Und diese Art der Behandlung setzte sich in den folgenden Jahren fort. Die Geschichtsbücher fangen meist mit Konrad Henlein an, wenn es um die Konflikte zwischen Tschechen und Sudeten geht, aber die begannen schon sehr viel früher.


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