Dies und Das

Das verbotene Nationallied. Trotz der Vorstellung der Reichsregierung hat die interalliierte Rheinlandkommission für das besetzte Gebiet das bisher geltende Verbot des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles“ aufrecht erhalten, obwohl es nunmehr amtlich als das deutsche Nationallied angekündigt worden ist. Dieser merkwürdigen Maßnahme wird eine ebenso merkwürdige Begründung mit auf den Weg gegeben. Es heißt, es habe vier Jahre lang Franzosen und Belgiern als Ausfluß deutscher  Herrschsucht in die  Ohren geklungen, und deshalb müsse es verboten bleiben, wo Franzosen und Belgier seien. Man ersieht aus dieser Begründung, daß unsere Pazifisten, Kommunisten usw. bei der interalliierten Rheinlandkommission Schule gemacht haben. Wenn ferner angeführt wird, der Text der ersten Zeile sei eine Ueberhebung, so wissen die Herrschaften am Rhein ganz genau, daß keine Ueberheblichkeit anderen Völkern gegenüber darin liegt, wenn man sein eigenes höher als die anderen schätzt. Im Gegenteil, Engländer, Franzosen und Belgier sind uns in der Einschätzung ihrer Völker weit über. Es muß aber doch das Lied Zauberkraft besitzen, sonst würde es nicht verboten. COBURGER ZEITUNG 12. Sept. 1922.

Das Fiasko von Hamborn. Die Kommunisten von Hamborn hatten vor einigen Tagen  einen Kontrollausschuß eingesetzt, der Lebensmittelpreise um 40 Prozent „vereinbarte“. Der Kontrollausschuß drohte mit „Aktionen“ der Massen, und die geängstigten Geschäftsleute sahen sich gezwungen, ihre Waren sogar unter dem Einkaufspreis loszuschlagen. Die Berliner „Rote Fahne“ pries diese „Selbsthilfe“ der Hamborner Arbeiterschaft in den höchsten Tönen und empfahl sie eifrig zur Nachahmung. Dem frühen Jubel ist aber rasch die Ernüchterung gefolgt. Auf der Ende voriger Woche abgehaltenen Betriebsrätekonferenz der Groß-Berliner Betriebe, die von den Kommunisten gegen den Willen der Gewerkschaft einberufen wurde, mußte der Hauptredner eingestehen, daß die Hamborner „Aktion“ kläglich Schiffbruch erlitten hat. Die Kaufleute hüteten sich natürlich, ihre Lager wieder aufzufüllen, um nicht weiteres Kapital zuzusetzen. Die Folge der Lebensmittelverbilligung in Hamborn ist also eine äußerst gestiegene Lebensmittelknappheit. Die Hamborner konnten einige Pfund Kartoffeln, Zucker, Mehl usw. billig einkaufen und müssen nun hungern. Die aus dem Hamborner Fiasko sich ergebende Lehre, daß man in ein so kompliziertes organisches Gebilde, wie es die Wirtschaft darstellt, nicht ungestraft rohe gewaltsame Eingriffe tun darf, ist natürlich von den Kommunisten nicht begriffen worden. Im Gegenteil! Der Berliner Betriebsrätekongress verlangte Nachahmung des Hamborner Beispiels im ganzen Reich! Wenn den Kommunisten die russische Hungerkatastrophe ein Vorbild ist, treffen sie mit ihren Vorschlägen freilich das Rechte. COBURGER ZEITUNG 12. Sept. 1922 .

Die äußere Politik wird z. Zt. von dem Kampf zwischen Griechenland und der Türkei beherrscht. Die griechische Armee ist vollständig geschlagen, die Konferenz von Venedig hinfällig geworden. Die Regierung von Angora diktiert dem flüchtigen Feind ihre Bedingungen, und es entspricht nur der Logik der Tatsachen, wenn Kemal Pascha in Bälde in Konstantinopel die Einheit des türkischen Reiches wieder hergestellt und mit England und Frankreich auf dem Fuße der Gleichberechtigung verhandelt. „Nomen est Omen!“  Das gilt auch für den Vertrag von Sevres, der berühmten Stätte französischer Porzellankultur. Dieses „Porzellan“ hat sich als sehr brüchig erwiesen; es liegt jetzt in Scherben am Boden. Wir Deutsche könnten aus dem zähen Kampf der Türkei viel lernen. Freilich befinden wir uns in einer weit ungünstigeren Lage als die Türkei, da die Geschütze Frankreichs unmittelbar auf uns gerichtet sind und im Innern alle Voraussetzungen für jenen Widerstand fehlen, den die Türken entfaltet haben. Wir könnten aber wenigstens die eine Lehre ziehen, daß kein Volk verloren ist, wenn es sich nicht selbst aufgibt. COBURGER ZEITUNG 14. Sept. 1922 .

5 Responses to “Dies und Das”


  1. 1 Prosemit 13. September 2010 um 16:48

    Tolle Funde und eine tolle Zusammenstellung!

    Das „Fiasko von Hamborn“ ist gut.

  2. 2 Karl Eduard 13. September 2010 um 17:00

    Ja und die Genossen sind heute noch nicht klüger.

  3. 3 Prosemit 13. September 2010 um 18:11

    Zu dem Fiasko noch ein Wort. Diese Aktion stand nicht im luftleeren Raum.

    Man schaue die Coburger Zeitung vom 2. Januar an :

    Unter dem Titel :

    Bezugspreis Monatlich 7 M(ark)

    Sehe dann zum Beispiel die Zeitung vom 2. Oktober :

    Bezugspreis Monatlich 90 M(ark)

    Um dann zur Weihanchtsausgabe zu kommen :

    Bezugspreis Monatlich 350 M(ark)

    Ja, wir sind mitten in der Inflation. Abenteuerlich wird es im November 1923. Dort verzichtet man auf die Bekanntgabe des monatlichen Bezugspreisesm das Blatt kostet am 10. Novemner 1923 wöchentlich 80 Milliarden Mark, bereits am 27. November ist der Bezugspreis auf 650 Milliarden Mark gestiegen, die Zustellung erfolgt aber nur noch gegen Goldpfennige. 5 Goldpfennige reichen.

  4. 4 Schwarzmaler 13. September 2010 um 22:18

    Ach, hätten sich die Kommunisten doch auf Experimente wie in Hamborn beschränkt. Oder wenigstens gelernt. Wie stolz waren sie noch in den Achtzigern auf Lebensmittelpreise der fünfziger Jahre. Das nächste Mal, wenn sie ihr Haupt erheben, gibt mir jemand hoffentlich vorher rechtzeitig Bescheid.

  5. 5 netzwerkrecherche 14. September 2010 um 06:45

    Ja, „Das Fiasko von Hamborn“ lohnt sich noch einmal umzuformulieren, nach dem Motto „Es war einmal…“

    Das ist aber auch schön: „Es muß aber doch das Lied Zauberkraft besitzen, sonst würde es nicht verboten.“


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