Archiv für 3. Oktober 2010

Die DDR lebt

1988 holten die Genossen der Staatssicherheit der deutschen Demokratischen Republik ein Transparent nieder, das ein Zitat einer der Theoretikerinnen des Marxismus – Leninismus enthielt. „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden.“ Die Genossen konnten es nicht ertragen, daß sich jemand auf Rosa Luxemburg berief, der nach ihrer Ansicht nicht dazu befugt war.

2010 entfernten die Genossen der neuen Deutschen Volkspolizei, auf Geheiß der Demokraten, am Rande der Einheitsfeierlichkeiten, ein Transparent, das den Artikel 146 des Grundgesetzes zitierte. Die Volksvertreter konnten es nicht ertragen, daß sich ihre Wähler die Frechheit herausnahmen, auf das Grundgesetz zu verweisen.

Artikel 146: Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.

Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis das Zitieren aus dem Grundgesetz als Volksverhetzung gilt.

20 Jahre später

Genosse Holger Hövelmann, als Innenminister des Landes Sachsen – Anhalt führt er die Parade auf der Straße der Besten an, verkörpert wie kein Zweiter die Errungenschaften der deutschen Einheit. Damals, im besseren Deutschland, in der DIE PARTEI illegal Ausreisenden über die Grenzsperranlagen noch in die Rücken schiessen ließ, studierte er bienenfleißig den Dialektischen und Historischen Materialismus, Militärpsychologie und Pädagogik, sowie das Kleine und Große Einmaleins der Kriegsführung, wie es im Handbuch  für Mot.-Schützen niedergeschrieben steht, um später der PARTEI gegenüber, in seiner Berufung als Politstellvertreter einer Kompanie, eine Bataillons oder eines Regimentes seine Ehrenschuld abzutragen, für Kindergarten, Fröhlich sein und Singen, einen von B 52 – Bombern unbedeckten Himmel, die Möglichkeit in der Schule zu lernen und leichten Herzens über die Schlaglöcher auf den Straßen unserer Republik zu fahren, ohne sich ständig gehetzt nach Südländern umschauen zu müssen.

Dann öffnete Günter Schabowski den Antifaschistischen Schutzwall und die Angehörigen der revolutionärsten Klasse führten den Kapitalismus ein, den DIE PARTEI doch gerade mal vor 40 Jahren erst abgeschafft hatte, zum Wohle des werktätigen Volkes.

Nun hätte Genossen Holger Hövelmann das harte Schicksal der Arbeitslosigkeit treffen können, denn mit der Qualifikation, die Soldaten der Nationalen Volksarmee zum Hass auf den Klassenfeind zu erziehen und aus ihnen treue Söhne des werktätigen Volkes und mehr noch DER PARTEI zu machen, konnte niemand mehr etwas anfangen. Aber Genosse Hövelmann warf die AK – 74 nicht ins Korn, weil der Friede bewaffnet sein muß, er trat der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei, die seine Potentiale erkannt hatte, und leistet nun Ehren – und Friedensdienst als Innenminister. Gelungenes Beispiel für die Integration des Ostens in den Westen, in den Genosse Hövelmann seine ganzen Grundüberzeugungen einbrachte und der Westen, der früher Osten war, diese tolerierte und förderte.  Integration ist eben keine Einbahnstraße, sondern ein ständiges Geben und Nehmen, wie die Kanzlerin, Erdogans Architektin, sagen würde. Mit einem Schmunzeln erinnert sich der derzeitige Innenminister noch an die Vorlesungen an der Offiziershochschule der Nationalen Volksarmee der Deutschen Demokratischen Republik, Jugendsünden, die schon einmal vorkommen können.

Derzeit steht der Genosse Hövelmann in der Friedensschlacht gegen „die schwarze Elster“, immer wieder donnern Hubschrauber der Bundeswehr aus Holzdorf bei Jessen und Sankt Augustin (Nordrhein-Westfalen) über den Ort,  um den der erbitterte Kampf gegen die Naturgewalten tobt, die die Klimakanzlerin entfesselt hat. Heute aber muss kein „Fliegeralarm“ ausgerufen werden, die STRELA – Schützen des Fliegerabwehrtrupps sind längst demobilisiert, der ehemalige Klassenfeind fährt Sandsäcke auf Unimogs heran, Polizisten und freiwillige Helfer entladen sie. Auch hier ist  Genossen Hövelmann immer an der Spitze der Bewegung, dankbar hängen die Werktätigen an seinen Lippen, die nun um ihr Eigentum vor den Wassergewalten fürchten, daß Pakistan bereits Hilfe angekündigt hat, in Form weiterer moderater Taliban, die es aus Ausbildungslagern nach Deutschland schicken will, macht den Bürgern Hoffnung. „Kapitalismus ist Scheisse“, rufen sie. Als Eigentümer hat man ganz andere Sorgen als Mieter, da kann man nicht so einfach über Ungarn oder Dresden abhauen.

Dennoch, das weiche Wasser bricht nicht nur den Stein, es weicht auch Dämme und Deiche auf  und so werden trotz heldenhaftester Anstrengungen des Genossen Innenministers weite Flächen abgestoppelter Äcker, Wiesen und Felder überflutet, mit auch all den Tieren im Wald, die Heimat eben. Nur die Vögel haben es da besser.

Leicht macht sich Unmut breit. Zweifel an den Führungsqualitäten Genossen Hövelmanns.   Gabriele Kralisch, die fassungslos auf ihr Haus in Löben schaut, in das das Wasser schwappt, schimpft, weil die Dämme der Gegend immer noch „die alten“ sind. Und trotz der Erfahrungen durch das Hochwasser 2002 nicht sicherer geworden sind. Nach 20 Jahren ideologischer Stählung in den Reihen der Sozialdemokraten weiß Genosse Hövelmann aber souverän damit umzugehen. Nachdem er sich davon überzeugt hat, daß die besorgte Frau in der nächsten Zeit keinen faschistischen oder rassistischen Übergriff auf Andersfarbig_innen oder Theaterschaffend_innen plant, worauf der Schwerpunkt der Arbeit des Innenministeriums Sachsen – Anhalts gerichtet ist, erklärt er mit Grundüberzeugung, er könne verstehen, dass Betroffene so denken und fühlen. „Aber nach dem Jahrhundert-hochwasser mussten wir Prioritäten setzen. Alles auf einmal ging und geht nicht.“ Das Wasser sei schneller wiedergekommen, als man vermutet habe. „Und dann noch in einem Bereich, wo man das nicht erwartet hat.“ Das sehen auch die Menschen ein, deren Eigentum gerade gurgeln in den Fluten versinkt. Was der PARTEITAG beschliesst, wird sein, was nicht, das nicht. Das kennen sie noch.

Genosse Hövelmann aber verspricht Abhilfe. Er werde, so der Genosse Minister,  umgehend mehrfarbige Aufkleber bestellen, die den von Hochwasser Gefährdeten anzeigten, wohin sie sich bei Hochwasser gefahrlos flüchten könnten, gleich in der nächsten Woche werde er so einen Aufkleber an der Tür des Innenministeriums anbringen und bei Schulen, Behörden und Gewerbetreibenden dafür sorgen, daß sie ihm nacheiferten. Spontane stehende Ovationen sind sein Lohn. Unsere Menschen verstehen ihn und er sie. Ob sich aber diese Hövelmanninitiative auch an der Mosel und am Rhein durchsetzen wird, weil sie aus dem Osten kommt, das bleibt abzuwarten.


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