Täter an der Schreibmaschine

Trophäensammlung. Isidor. Eine Erinnerung aus der Berliner Kampfzeit. Wer nach Berlin kommt, darf unter keinen Umständen vergessen, dem nationalsozialistischen Revolutionsmuseum einen Besuch abzustatten. Dort liegen die Zeugnisse einer kampfbewegten Vergangenheit, Erinnerungen an den blutigen Terror bolschewistischen Gesindels, an gemeine und gemeinste Schikanen der damaligen Behörden und den heroischen Einsatz der braunen Soldaten des Führers.

Unter einem Glasverschlag sieht man auch einen schwarzen steifen Hut und eine Hornbrille. Die Beschriftung besagt, daß es sich um die „Glocke“ und die „Intelligenzbrille“ des jüdischen Polizeipräsidenten Bernhard Weiß handelt. … Freiburger Zeitung 30.10.1936.

Auch die Sparkassen! Pfui! Auch Du sollst sparen! Heute nationaler Spartag der deutschen Nation. … Eigensüchtige und laue Naturen, die es in jedem Volk gibt werden sich vielleicht fragen: „Wozu eigentlich sparen? Wissen wir denn, ob unsere Ersparnisse bei den unsicheren Zuständen in der Welt nicht auch in den Strudel des Ungewissen mit hineingezogen werden? Also verbrauchen wir lieber das, was wir noch haben, oder legen es in Sachgütern an.“ Was wäre die Folge dieser Konsumpolitik? Für den einzelnen: keine Reserven mehr für den Fall der Not; dafür ein Besitz von Sachgütern, die dann veräussert werden müssen, und zwar erfahrungsgemäß immer mit Verlust. Der einzelne hätte also hiermit nichts gewonnen, sondern nur verloren.

Und für die Allgemeinheit?   Für sie würde diese Ausweitung des Konsums eine Verzettelung von Kapitalreserven bedeuten, die für lebenswichtigere Staatsaufgaben stehen müssen.

Von diesen Aufgaben  steht an erster Stelle die Wehrhaftmachung des deutschen Volkes, und zwar sowohl auf politischem wie auf wirtschaftlichem Gebiet. Es wird keinen echten Deutschen geben, der sich  für die Schlagkraft der Wehrmacht nicht mit Freude und Opfern einsetzt. … Freiburger Zeitung 30.10.1936.

Erfassungswesen. Erfassung militärisch ausgebildeter gedienter Wehrpflichtiger älterer Geburtsjahrgänge. Durch die Proklamation der Reichsregierung an das Deutsche Volk und das Reichsgesetz vom 16. März 1935 für den Aufbau der Wehrmacht wurde die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt. Auf Grund des Wehrgesetzes vom 21. Mai 1935, der Verordnung über das Erfassungswesen vom 7. November 1935 sowie der Verordnung über die Erfassung militärisch ausgebildeter Wehrpflichtiger älterer Geburtsjahrgänge vom 24. Juli 1936 werden folgende wehrpflichtige Deutsche zwecks Registrierung des Wehrverhältnisses aufgerufen: …. Freiburger Zeitung 30.10.1936.

Auch die Türkei hat sich nicht entschuldigt. Der Führer und Reichskanzler hat dem Präsidenten der türkischen Republik, Herrn Kemal Atatürk, seine herzlichen Glückwünsche anläßlich des türkischen Nationalfeiertages telegraphisch übermittelt. Freiburger Zeitung 30.10.1936.

Das Luftschiff „Graf Zeppelin“ ist am Donnerstag um 08.14. Uhr unter Führung seines Kommandanten, Kapitän v. Schiller, bei starkem Regenwetter zur 17. diesjährigen Südamerikafahrt gestartet. Sämtliche Kabinen sind voll besetzt. Freiburger Zeitung 30.10.1936.

Gegen Mediencharta verstoßen. Verleumder in Schutzhaft. Karlsruhe, 29. Okt. Die Geheime Staatspolizei, Staatspolizeistelle Karlsruhe teilt mit: Der Schlosser Friedrich Riesergelt in Freiburg i. Br., Freiligrathstraße 45, ehemaliges Mitglied der KPD, wurde durch die Geheime Staatspolizei Staatspolizeileitstelle Karlsruhe in Schutzhaft genommen. Riesergelt hat u. a. auch das unwahre Gerücht über den Gauleitner Fritz Plattner verbreitet, daß derselbe wegen angeblicher Devisenverschiebungen in Haft genommen worden wäre. Freiburger Zeitung 30.10.1936.

Kriminelle sind krank. Gerichtshalle. Überweisung in eine Heilanstalt rechtskräftig.  Das Freiburger Schöffengericht verurteilte den 22 Jahre alten O. W.  am 9. September 1936 wegen Rückfalldiebstahls zu vier Monaten Gefängnis und sprach wegen seines asozialen Lebenswandels die Überweisung in eine Heilanstalt gegen ihn aus. Gegen die Überweisung in eine Anstalt hatte W. Berufung eingelegt, die jedoch von der großen Strafkammer am Donnerstag verworfen worden wurde. Die Überweisung W´s in eine Heil – und Pflegeanstalt ist damit rechtskräftig geworden. Freiburger Zeitung 30.10.36.

 

1 Response to “Täter an der Schreibmaschine”


  1. 1 Prosemit 30. Oktober 2010 um 16:35

    Es ist immer wieder toll, welche Fundstücke der Blogwart aus den Tiefen der Zeitungsgschichte ausgräbt. Aber die Gefahr…

    ———–

    Ich darf zum Wochenende auch etwas beitragen. Keinen Unbekannten : Samuel Langhorne. Und er schreibt zur Kaiserzeit :

    In keiner Stadt wird wohl so viel regiert wie in Berlin, aber ich wüßte auch keine, die besser regiert wäre. Methode und System machen sich allenthalben geltend, in großen wie in kleinen Dingen und selbst bei den geringfügigsten Einzelheiten. Die Verordnungen stehen aber nicht etwa bloß auf dem Papier, so daß es dabei sein Bewenden hat, nein, sie treten wirklich in Kraft und werden bei Armen und Reichen ohne Gunst und Ungunst auf gleiche Weise durchgeführt. Der mühevolle, emsige Fleiß, die Ausdauer und Pflichttreue, welche die Behörde bei jeder Gelegenheit entfaltet, erregt Bewunderung – zuweilen auch Leidwesen. Das Erstaunlichste, was ich diesseits des Ozeans gefunden habe, ist die höfliche, unerschütterliche, verfluchte Beharrlichkeit, mit welcher die Polizei ihren Willen durchsetzt und die Ordnung aufrecht erhält.

    Die Straßen werden sehr rein gehalten, aber nicht, wie es in Neuyork Sitte ist, mit schönen Worten und frommen Reden, sondern durch tägliche und stündliche Arbeit mit Kratzbürste und Besen. Kurz, man hat den Eindruck, daß hier eine Stadtverwaltung am Ruder ist, die vor keinen Kosten zurückscheut, wo die öffentliche Bequemlichkeit, Behaglichkeit und Gesundheit in Betracht kommt.

    Virchow ist seit langer Zeit Mitglied der Berliner Stadtverwaltung, Er arbeitet ebenso eifrig für das Wohl der Stadt wie jeder andere Stadtrat und für den nämlichen Sold: für nichts. Ich weiß nicht, ob wir in Amerika es unserem berühmtesten Mitbürger zumuten könnten, sich an der städtischen Verwaltung zu beteiligen und ob, falls wir es wagten, wir seine Wahl durchsetzen würden. Aber hier ist das Munizipalsystem so vorzüglich, daß die besten Männer es sich zur Ehre rechnen, unentgeltlich als Stadträte dienen zu dürfen, und das Volk ist vernünftig genug, diese Männer zu bevorzugen und immer wieder zu wählen. Darum ist Berlin auch eine in jeder Beziehung gut und zweckmäßig verwaltete Stadt.

    Was waren das noch für Zeiten in Berlin. Heute so völlig unvorstellbar. Die Besten arbeiteten kostenlos, keine abgehalfterten Nichtskönner an der Futterkrippe.

    http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=4004&kapitel=4


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