Der Krautkopf aus dem Garten

Warum brauchen wir Kolonien? Fragt am 01.02.1919 die *Freiburger Zeitung*. Wenn die Erde bebt und das Haus erschüttert, richten sich alle Gedanken der Bewohner darauf, das zerrissene Haus zu stützen, das zerfallende neu zu bauen. Sie haben nicht Zeit, an ihre entfernten Felder zu denken. Wie aber, wenn die Nachbarn Feld und Früchte rauben? Dann kehren Hunger und Mangel im neu errichteten Hause ein.

Unmöglich scheint es uns heute, weiter zu denken, als an den Wiederaufbau unseres Vaterlandes, unserer Volkswirtschaft. Fast traumhaft fern liegt der Gedanke an die aufblühenden Kolonien, die wir einmal besaßen. Hat es Zweck, von ihnen zu reden, jetzt, wo uns, im Innern gebunden, jede Möglichkeit des Handelns nach außen genommen scheint? – Ja. Denn unser Volk braucht Kolonien.

Wer es früher noch nicht wußte, dem haben es die Kriegsjahre eindrücklich klargemacht was die kolonialen Erzeugnisse für den Volkshaushalt bedeuten. Die Wirtschaft eines jeden Volkes bedarf, entsprechend der Einwohnerzahl, eine „Basis“, einer ungefähr zu errechnenden Fläche von Land, denn nicht Geld und Industrie, sondern allein das Land bringt die Rohstoffe hervor, derer wir zum Leben bedürfen. Nun hat sich das deutsche Volk in den letzten Jahrzehnten so gewaltig vermehrt, daß die Gesamtfläche des Deutschen Reiches nicht mehr annähernd den Umfang jener Fläche erreicht, die als Grundlage der Wirtschaft des 50 Millionenvolkes notwendig wäre. Als wertvolle Ergänzung dieser Bodenfläche müssen die Kolonien hinzutreten und die Nahrungs – und Kleidungsstoffe hervorbringen, die das Mutterland zu liefern nicht mehr imstande ist

Aber haben wir nur Geld, so können wir ja, was wir brauchen, von anderen Völkern kaufen!

Gewiß. Jedoch die Hausfrau weiß, wie viel billiger der Krautkopf aus dem eigenen Garten ist als vom Gemüsehändler. Denn zu diesem wollen Erzeuger und Verkäufer ihren Profit haben und sie können unsere Notlage ausnutzend, jeden Preis von uns verlangen.  Besitzen wir keine Kolonien, so hängt es ganz von dem guten Willen anderer Völker, insbesondere der Engländer und Amerikaner ab, ob sie uns diejenigen Erzeugnisse, die wir für Nahrung, Kleidung und Industrie dringend brauchen überhaupt und zu erträglichen Preisen liefern wollen.

Wir brauchen Kolonien und wir haben ein Recht darauf. Die Erde ist groß genug um bei gerechter Verteilung alle Bewohner zu nähren, zu kleiden und ihnen Stoff zu Arbeit zu geben. Und eine gerechte Schlichtung der kolonialen Ansprüche dürfen wir auf Grund der Botschaft Wilsons, auf der der Waffenstillstandsvertrag sich aufbaut, erwarten.

Aber wir können nicht erwarten, daß unser Recht uns ohne weiteres zugestanden wird. Wir müssen es fordern. Laut sagen müssen wir es, daß wir auf unserem Rechte bestehen, unsere Kolonien zurückhaben wollen.

Wer soll es sagen? Unsere Regierung? Ja, aber hinter ihr muß das ganze Volk stehen. Der Wille eines großen Volkes ist eine Macht, auch wenn es geschlagen ist. Raffen wir uns zu einem einheitlichen Willen auf, geben wir ihm einen starken und deutlichen Ausdruck, so wird die Welt ihn hören müssen.

Kolonialbesitz ist Lebensfrage, des Volkes und jedes einzelnen; auch der deutschen Frauen. Sie, die sie mit einem Schlage mit bestimmend für die Politik unseres Vaterlandes geworden sind, dürfen nicht gleichgültig in dieser Frage beiseite stehen. Lange schon haben deutsche Frauen die Wichtigkeit derselben erkannt; die Geschichte des Frauenbunds der Deutschen Kolonialgesellschaft bezeugt es. Und viele deutsche Männer und Frauen haben drüben in den Kolonien in zähem Ringen eine neue Heimat geschaffen, in der heimisches Familienleben erblühte – und die der Krieg zerstört hat.

Viele von ihnen haben lebenslang draußen für das Deutschtum gekämpft und während der Kriegsjahre sich heldenhaft gegen eine erdrückende Übermacht gewehrt. Eine Pflicht des Dankes ist es für uns, zu ihnen zu stehen.

Der Reichsverband der Kolonialdeutschen plant eine große Kundgebung und fordert das gesamte Volk, ohne Unterschied der Parteien auf, sich derselben anzuschliessen: „Wir fordern Kolonialbesitz!“ Wird sie zu einem machtvollen Ausdruck des Volkswillens, so kann sie auf der bevorstehenden Friedenskonferenz nicht überhört werden, Nutzen wir alle diese Mittel, einen direkten Einfluß auszuüben auf eine der bedeutsamsten Lebensfragen unseres Volkes! Eine große Zahl bedeutender Verbände u.a. die Vorsitzenden des Bundes Deutscher Frauenvereine, des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft, der deutschen Frauenvereine vom Roten Kreuz für die Kolonien, des Deutsch-Evangelischen  Frauenbundes und des Zentral Verbandes des Katholischen Frauenbundes schließen sich dem Aufruf zu dieser Kundgebung an.

Alle, die an der vaterländischen Tat teilhaben und mitwirken wollen insbesonders sei die Mitarbeit allen Vereinen warm empfohlen -, erhalten Aufrufe und Listen zur Eintragung der Namen in beliebiger Zahl vom Reichsverband der Kolonialdeutschen, Ausschuß für Kolonialwerbung, Berlin NW 7, Neue Wilhelmstraße 2, 3 Stock.

Bild: Kundgebung für den Anschluß Österreichs an Deutschland. *Wiener Bilder 9.2.1919*

 

1 Response to “Der Krautkopf aus dem Garten”


  1. 1 Prosemit 31. Januar 2011 um 07:49

    Gewiß. Jedoch die Hausfrau weiß, wie viel billiger der Krautkopf aus dem eigenen Garten ist als vom Gemüsehändler.

    Dieses Wissen fehlt heute. Selbst unsere Wunderwuzzi Regierung glaubt, daß es sinnvoller ist, Energie einzukaufen, als sie selber zu produzieren.


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