Wir Küstenneger

Grober Unfug. Man schreibt uns (Der Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung vom 04.03.1911): Es ist leider eine beklagenswerte Tatsache, daß ein kleiner Teil der jüngeren Europäer, die der Weiterbau der Bahn hierhergebracht hat und die hier lohnende Beschäftigung gefunden haben, das rechte Maß beim Genuß ihrer abendlichen Erholungsstunden nicht zu halten verstehen. Wir sagen ausdrücklich „ein kleiner Teil“, da wir uns nicht die Feindschaft einer sehr ehrenwerten und notwendigen Berufsklasse zuziehen möchten, deren meiste Mitglieder in Beurteilung der vorgekommenen Ausschreitungen ganz unserer Ansicht sind. Schon seit geraumer Zeit mehren sich die Klagen über Fälle von rohen Anrempelungen, Skandalszenen, Prügeleien (in die oft ganz harmlose und der Sache fernstehende Menschen hineingezogen werden), über gewaltsames Eindringen in Eingeborenenhütten, um nach Weibern zu suchen usw. In letzter Zeit sind aber diese Auswüchse unseres Nachtlebens derart ausgeartet, daß nur eine exemplarische Bestrafung der Schuldigen hier Abhilfe schaffen kann.

Vorvorgestern haben nun vier Eisenbahnangestellte, wahrscheinlich einer für ihre nächtlichen Ausschreitungen zu erwartenden Strafe wegen, französischen Abschied genommen und sind auf bisher unbekannten Wegen entweder per Dhau oder Dampfer jedenfalls nach Zansibar ausgerückt. Wie wir hören, hat die „Kingani“ Auftrag, die Teilnehmer der nächtlichen Excesse ventuell noch zu fassen.

Wir möchten den Elementen unter unserer weißen Bevökerung ans Herz legen, daß sie nicht nur sich selbst dadurch herabsetzen, abgesehen von der Vergeudung an Geld und Gesundheit durch die nächtlichen Zechgelage, sondern auch das Prestige der weissen Rasse, um dessen Hochhaltung wir alle ernstlich bemüht sein sollten, dadurch gefährdet wird. Oder glauben die Betreffenden etwa, der Neger und speziell der Küstenneger, ziehe keine Vergleiche zwischen der Strafe, die ihn für Trunkenheit und Ausschreitungen bei den nächtlichen Tänzen der Eingeborenen trifft, und der Straflosigkeit, die dem Weißen für seine Ausschreitungen so gut wie sicher ist, weil in den meisten Fällen der Kläger fehlt?

Wir wissen uns eins mit dem überwiegenden Teile der Bevölkerung in der Verurteilung solcher Vorgänge und stehen nicht an, die Einführung einer Polizeistunde als das nächstliegende Mittel zu bezeichnen, um Abhilfe zu schaffen. Bis 12 Uhr nachts kann jeder sich so voll trinken, wie er nur mag und das weitere ist vom Übel. Auch den Gastwirten selbst würde damit ein Gefallen erwiesen, denn sie wären nicht mehr gezwungen, einiger Nachtbummler wegen ihre Lokale bis morgens früh offen zu halten.

 

7 Responses to “Wir Küstenneger”


  1. 1 Sophist X 4. März 2011 um 09:40

    Wenn geschätzt 50% des Inhalts der aktuellen Zeitungen durch solche Artikel ersetzt würden, könnte man einerseits etliche journalistische Tagediebe in die Produktion schicken und andererseits die journalistischen Qualität quasi zum Nulltarif erhöhen – mit dem Bonus historischer Bildung. Win-win, wie man sagt.

  2. 2 Karl Eduard 4. März 2011 um 10:16

    Es wäre jedenfalls lehrreich.

  3. 3 Bran the blessed 4. März 2011 um 13:46

    Ein ausserordentlich integrationsbejahender Film, der diesem Artikel angehängt ist. Interessant ist doch auch, dass der erste jugendliche Intensivtäter als „Serbe“ bezeichnet wird. Bajram ist ja auch ein klassischer serbischer Name und nicht etwa derjenige eines hochgebildeten, in Ziegenhüterei geschulten Albaners. Nein, nein. Es fällt immer wieder angenehm auf, dass deutschsprachige Medien von „serbischstämmigen“ oder auch „mazedonischen“ Tätern sprechen und somit die Völkerverständigung und Gleichberechtigung, die in diesen Ländern noch viel zu wenig gelebt wird, gleich vorwegnehmen.
    Als die Machokultur genannt wird, habe ich einen Moment schon Hoffnung gehegt, dass es nicht im üblichen, beelendenden Trott weitergeht, aber nein, es muss noch der „Keine Perspektiven“-Schmonz kommen. Für den durchschnittlichen westlichen Medienschaffenden ist es schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit, zu erkennen, dass dieses gewalttätige Verhalten und das Beherrschen von Anderen mittels unmittelbarer Brutalität eben sehr wohl eine Perspektive darstellt. Alles, was diese jungen Bereicherungen sonst noch äussern, sind nur Konzessionen an die westliche Sozialarbeiterdiktion, damit man sie und ihre Art der Perspektive nicht allzu bald durchschaut. Denn es ist ganz einfach die Perspektive des stinknormalen vorzivilisatorischen Angehörigen eines Räubervolkes, die beispielhaft vom Idol und Rockstar aller Angehörigen von Räubervölkern, nämlich dem ungekrönten König der Herzen: Mohammed, nachzulesen ist.
    Aber ja, natürlich wollen sie alle arbeiten und können einfach nicht, diese armen schwarzhaarigen Kinder. Ich muss jetzt in mein Regenbogen-Pony-Zimmer gehen und heulend zusammenbrechen!

  4. 4 saggse 4. März 2011 um 17:16

    Keine wenig hilfreichen Kommentare bitte. Wenn der Knabe Bajram so weiter macht, war zu vernehmen, landet seine Akte in der Berliner Abteilung für Intensivtäter. Alternativlos. Also es passiert doch was.

  5. 5 Karl Eduard 4. März 2011 um 18:17

    Ja, die Akten haben jetzt schon Angst davor signalisiert.

  6. 6 Bran the blessed 4. März 2011 um 20:14

    Man fragt sich schon, was das für ein Land ist, das Akten dermassen unmenschlich und verständnisarm behandelt. Auch Akten haben Gefühle und die Akten des jungen Intensivbereicherers Bajram mussten manche Entbehrung und Perspektivlosigkeit erdulden. Ich finde, man sollte diesen Akten mehr Wertschätzung entgegenbringen.
    Aber ich werde mich in Zukunft bemühen, hier als Gast nicht mehr so unhilfreiche Kommentare zu posten. Hilfsreichtum ist eines meiner grossen Ziele, also merkle ichs mir.

  7. 7 Karl Eduard 5. März 2011 um 04:29

    Und zielführend, zielführend sollten sie sein. Natürlich auch alternativlos.


Comments are currently closed.



März 2011
M D M D F S S
« Feb   Apr »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  

Blog Stats

  • 2.155.140 hits

Archiv


%d Bloggern gefällt das: