Archiv für 16. April 2011

Haasprediger

Gewaltfriede oder Wilson –  Programm? Im April 1919 hat Deutschland, das zu kämpfen aufgehört hat, seine Truppen in das Reich zurückzog, und zum größten Teil sich selbst entwaffnete, immer noch keinen Frieden mit den Kriegsgegnern. In seiner Osterbotschaft klagt Reichspräsident Ebert (SPD): Wir haben die schweren Aufgaben des Waffenstillstands erfüllt: obgleich wehrlos und wirtschaftlich am Ende werden wir durch die Blockade immer noch abgesperrt, werden unsere Gefangenen immer noch in Feindesland zurückgehalten. Das ist gleichbedeutend mit der Fortsetzung des Krieges und eine Belastung, wie sie wohl noch kein Volk zu bestehen hatte. Und zu den demokratischen Sozialisten, wie sie sich jetzt nennen: Friede, Arbeit und Brot, und das neue Deutschland zu schaffen, ist aber auch unmöglich, solange Teile unseres Volkes in einem Kampfe verharren, der unser schwer darniederliegendes Staats – und Wirtschaftsleben vollends zu vernichten droht. Das ist aber bekannt, je schlechter es einem Land geht, desto besser geht es den demokratischen Sozialisten, denen bekommt das Elend der Leute wie eine Badekur, weshalb sie daran, daß Menschen besser leben, auch kein Interesse haben. Außer sie selbst sind diese Leute.

In einer demokratischen Versammlung in Frankfurt –  Demokratische Versammlungen in Deutschland waren 1919 noch möglich, ohne daß sich talibanbärtige Undemokraten dazwischensetzten, so tolerant waren die damals! –   a. M. sprach Staatsrat Dr. Haas aus Karlsruhe über Gewaltfrieden oder Wilsonprogramm.

Wilson, wir erinnern uns, war der gütige amerikanische Präsident, in einer langen Reihe gütiger amerikanischer Präsidenten, der die Territorien der Staatsgebiete neu verteilte und sie den Völkerschaften zusprach, die auf ihnen die Mehrheit stellten, auch wenn sie es nicht taten. Ausgenommen von dieser Regelung waren die Deutschen. Für die galt das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht, was sie sehr, sehr traurig machte. Völkerrecht ist eben nicht für alle da. Listigerweise mißbrauchte ein gewisser Hitler später diesen Umstand in seiner Propaganda, in dem er den Menschen die Wahrheit ins Gesicht sagte, weshalb die Wahrheit zu sagen, heute verboten ist. Jedenfalls in Deutschland. Oder sie wird als nicht hilfreich eingestuft.

Er sagte (Dr. Haas) nach Bericht der Fkf. Ztg. wenn unsere Feinde den Gewaltfrieden machen, dann werde ein ungeheurer Haß in Deutschland aufflammen. Ich war immer ein Gegner der Haßgesänge. Aber der Haß wird jetzt kommen, denn der Gewaltfrieden zeigt uns, daß wir belogen und betrogen worden sind. Was sich ein bischen so anhört, wie der 18jährige Knabe 1989 in der DDR, der meinte, man habe ihn 40 Jahre lang belogen, hier waren es aber gerade mal ein paar Monate, daß Deutschland, im Vertrauen auf Wilson einseitig den Krieg für beendet erklärte.  Das uns gegebene Wort wäre gebrochen. Nicht nur wir, auch die Feinde haben sich zu Wilsons 14 Punkten bekannt. Jetzt aber hat man das Gefühl, daß der Waffenstillstand uns abgelistet worden ist. Von Deutschland droht keine Gefahr mehr, für Brutalitäten gibt es jetzt keine Entschuldigung mehr. Zu der Taktik mancher Leute, unsere Schuld am Kriege einzugestehen, kann ich nicht verstehen, wir müssen sagen: Ihr seid genau so schuld! (Lebhafter Beifall.) Und wenn die alte Regierung den Krieg verschuldet hätte, darf man jetzt Greise und Kinder dafür büßen lassen? … Wir müssen von der Schuld am Kriege sprechen, weil die andern uns die alleinige Schuld aufbürden wollen und weil bei uns Leute winseln, daß wir allein Schuld seien.

Wilson stand immer auf dem Standpunkt, daß die Blockade völkerrechtswidrig sei und nur entschuldbar, weil wir den U – Bootkrieg begonnen haben? Wie kann die Blockade jetzt noch entschuldigt werden.  Sie bewirkt einen dauernden Haß in Deutschland. Hunderttausende sind infolge der Blockade gestorben, Unzählige siechen dahin, viele Kinder werden krank und verkümmern. Wir schreien es in die Welt hinaus, daß das Verhalten unserer Gegner schamlos  und völkerrechtswidrig ist. (Zustimmung.) Energisch protestiert Dr. Haas gegen die Zurückhaltung unserer Kriegsgefangenen. Die Nachrichten mehren sich, daß ihre Behandlung in Frankreich immer schlechter wird, wie sie überhaupt dort immer am schlechtesten behandelt worden sind … Nach weiteren Ausführungen kam Dr. Haas zum Schluß:

Wir haben aber zum Verzweifeln kein Recht  und keinen Anlaß. Deutschland setzt sich trotz allem durch! Wir schaffen uns unsere Zukunft. Wir lassen uns nicht versklaven. Das Volk, das sich innerlich freigemacht hat, muß auch nach außen frei sein, muß ein vollberechtigtes, gleiches Glied unter den Völkern sein. Wir sollen erst 15 Jahre dienen, um dann gnädigst in den Völkerbund aufgenommen zu werden. Wir wollen einen gerechten Völkerbund, der allein die Gleichberechtigung verbürgt. Neben den nationalen Interessen dürfen die großen Gedanken der Menschheit nicht vergessen werden. (Stürmischer Beifall.) Und deshalb, liebe Leser, ist es um so verwerflicher, daß Deutschland nicht an der Seite seines besten Freundes, Frankreich, unverzüglich in den Krieg gegen Libyen eingetreten ist. Das sind wir ihm nämlich schuldig. *Freiburger Zeitung 16.04.1919* Bild: Heimkehr der deutschen Helden aus Deutsch – Ostafrika . Der Einzug der Kolonialtruppen mit Fahnen und im Schmucke ihre Orden in Berlin. General v. Lettow – Vorbeck rechts. *Wiener Illustrierte Zeitung*

Ich bin der Hass


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