Deutschlands Flottenwunsch

Hier werden für den Unkundigen noch einmal alle Gründe aufgeführt, warum ein Küstenstaat eine Flotte braucht. Daß damit Piraten aufgesammelt werden, um sie zu verköstigen und dann auf Lebenszeit für einen Kuraufenthalt nach Deutschland zu verfrachten, das ist leider nicht der eigentliche GrundEine schwere Schuld. Wird hier beklagt, fast könnte man meinen, man wäre nicht in einer Monarchie, die sich selbstherrlich an den Staatsgeldern bedienen kann, wie es heute die Bundesregierung Deutschlands   tut, in der es von Demokraten nur so wimmelt, wie von Maden im zerlaufenen Stinkerkäse. Daß es allerdings Demokraten sind, das adelt ihr Treiben in hohem Maße und nichts ist uns lieber, als daß gewählte und ungewählte Volksvertreter das Land in den Ruin treiben.

Wenn Preußen nur eine größere Flotte hätte! Das ist ein Wunsch, welcher jetzt in ganz Preußen und Deutschland wiederhallt, und der gewiß Manchem in unserm Vaterlande als ein schwerer Vorwurf auf die Seele fällt. Viele schwere Opfer wären uns erspart worden und die Zuversicht auf unseren schließlichen Erfolg in dem Kampfe gegen Dänemark würde noch fester stehen, wenn wir neben unserem trefflichen Landheere schon eine Seemacht besäßen, welche die Dänen bis ins Herz ihres Landes kräftig verfolgen könnte. Nur wenn Preußen schon eine größere Flotte hätte, könnte der Trotz des tückischen Feindes vollständig gebeugt werden! Gleich wie im Danewerk, vor Düppel und in Fridericia würde der Däne auch auf seinen Inseln in die Enge getrieben und gezüchtigt werden, und wir könnten in Kopenhagen den Frieden erzwingen, über den wir jetzt in Londen mit dem mißgünstigen Europa handeln und markten müssen.

Warum aber besitzen wir noch immer keine Flotte, wie sie uns Noth thut? Die einfache Antwort ist: weil auch in dieser Beziehung die besten Absichten der Regierung durch das Streben und Treiben der sogenannten Fortschrittspartei im Abgeordnetenhause gelähmt und gehemmt worden sind.

In den 16 Jahren, welche seit dem vorigen dänischen Kriege verflossen sind, hatte die Regierung in selbstständiger Thätigkeit den tüchtigen Anfang einer Seemacht geschaffen. Das Bedürfniß dazu war damals recht handgreiflich hervorgetreten; denn unsere Küsten und Handelshäfen waren völlig wehrlos und die Dänen vermochten mit ganz unbedeutenden Kriegsschiffen das Auslaufen aller unserer (Handels –) Schiffe zu verhindern. Deshalb wurde im Jahre 1848 zunächst mit dem Bau von Kanonenbooten begonnen und in den folgenden Jahren damit, sowie mit dem Ankauf von Schiffen für die Marine, soweit es möglich war, fortgefahren. Seit dem Jahre 1850 wurde im Staatshaushalt ein besonderer Betrag für die Marine, zunächst freilich nur mit circa 282,448 Thlr. ausgesetzt. Im Jahre 1853 that die Regierung einen wichtigen Schritt für die fernere Entwickelung unserer Seemacht, indem sie vom Großherzogthum Oldenburg ein Küstengebiet an der Jahde zur Anlegung eines Kriegshafens an der Nordsee erwarb. Auch wurde damals eine eigene Admiralität errichtet, um die Angelegenheiten der Marine, welche bis dahin im Kriegsministerium besorgt worden waren, besonders zu pflegen und zu fördern.

Seitdem hat die Regierung ihre eifrigen Bemühungen für die Vermehrung unserer Seemacht, so viel in ihren Kräften stand, fortgesetzt und im Vergleiche mit dem Jahre 1848 hat sie es allerdings schon zu einer recht beträchtlichen Entwickelung gebracht. Während wir damals nur 4 Fahrzeuge mit 18 Kanonen besaßen, hat unsere Flotte augenblicklich folgenden Bestand:

An Dampfern haben wir erstlich von Schraubenschiffen: 1) vier Korvetten, nämlich drei mit 28 gezogenen Geschützen, (»Arcona«, »Gazelle« und »Vineta«) und eine mit 17 gezogenen Geschützen (»Nymphe«), – sodann 2) einundzwanzig Kanonenböte, und zwar sechs erster Klasse zu 3 Geschützen und funfzehn zweiter Klasse zu 2 Geschützen; ferner zwei Räderdampfschiffe, nämlich »Adler« mit 4, »Loreley« mit 3 Geschützen. An Segelschiffen besitzen wir drei Fregatten (»Gefion« mit 48, »Thetis« und »Niobe« mit je 38 Geschützen), und drei Briggs (»Muskito« und »Körner« zu 16, »Hela« mit 8 Geschützen). An Ruderfahrzeugen endlich 36 Schaluppen, jede mit 2 Geschützen. Dies ergiebt zusammen 69 Kriegs-Fahrzeuge mit 392 Geschützen; außerdem sind im Bau begriffen ein Panzerschiff, zwei Corvetten und zwei Schrauben-Kanonenböte. Die Seemannschaft aber besteht (in der gewöhnlichen Friedensstärke) aus 75 Offizieren, 40 Kadetten, 52 Deckoffizieren, 1000 Unteroffizieren und Matrosen, 416 Mann Werftleuten, 260 Schiffsjungen, 600 See-Soldaten und 300 See-Artilleristen, im Ganzen 2743 Mann.

So danken wir denn der Fürsorge der Regierung einen recht bedeutenden Fortschritt unseres Seewesens, und die junge preußische Seemacht hat gezeigt, daß der Geist, welcher sie beseelt, ihre Kraft und Macht im Einzelnen noch erhöht.

Aber das Alles ist doch nur ein kleiner Anfang zu einer Seemacht und bei Weitem noch nicht ausreichend, um auch nur einer Marine zweiten Ranges, wie die dänische es seit alter Zeit ist, im Großen und Ganzen die Spitze zu bieten, da dieselbe uns an Zahl, Größe und Stärke der Schiffe wohl dreimal überlegen ist.

Das Streben unserer Regierung war deshalb schon seit Jahren darauf gerichtet, den guten Grund, den sie in allmäliger Thätigkeit gelegt hatte, nunmehr zu einer rascheren und umfassenderen Hebung der Flotte zu benutzen. Hierzu erbat sie im Jahre 1862 die Unterstützung des Landtags, indem sie die Bewilligung von Geldern zur Beschaffung drei großer Panzerschiffe, sowie zur kräftigeren Fortsetzung der begonnenen Schiffsbauten und zur Anlegung eines Kriegshafens auf der Insel Rügen beantragte.

Die Gegner der Regierung im Abgeordnetenhause aber wiesen dies Verlangen zurück. Gegen die Nothwendigkeit der Sache selbst konnte von keiner Seite eine Einwendung erhoben werden. Die Fortschrittspartei versichert ja jeder Zeit, daß sie es mit der Förderung der Flotte gerade am besten meine.

Aber ihre Theilnahme und Fürsorge für die Flotte hat sich immer nur in großen Worten und hohlen Reden erwiesen. Gegen die entschlossene That aber, welche die Regierung verlangte, hatten die Parteimänner tausend Einwendungen und Ausflüchte. Die Einen wollten erst noch mehr Sachverständige hören, Andere wollten warten, bis sich herausgestellt hätte, ob das englische oder das deutsche Eisen zu Panzerschiffen besser sei, noch Andere verlangten, daß vorher die obere Leitung des Marine-Ministeriums verändert würde, wieder Andere endlich wollten den Kriegshafen nicht auf Rügen, sondern bei Danzig angelegt wissen oder verwiesen auf den Hafen von Kiel, den es aber erst zu erobern galt. Alle zusammen benutzten schließlich den Vorwand: erst müsse man einen vollständigen Plan für die Entwickelung der Marine auf eine Reihe von Jahren hinaus haben, um zu übersehen, ob Preußen die Ausgaben bestreiten könne. Da aber die Regierung aus tausend guten und verständigen Gründen mit einem solchen Plane nicht so ohne Weiteres fertig sein konnte, wurde das Geld auch für das Nächste und Nothwendigste verweigert.

Vergeblich mahnte der Kriegsminister und erinnerte daran, daß man doch mit dem Anfange anfangen müsse, und daß man, um zu schwimmen, vor Allem ins Wasser müsse. Die Regierung, sagte er, wünsche aus militairischen und politischen Gründen, rasch vorzugehen. Preußen müsse nicht blos für sich, sondern auch für Deutschland seine Flotte einrichten, nicht blos zur Abwehr, sondern auch zum Angriff. Preußens Hülfsmittel, fügte er hinzu, müssen ausreichen, um Preußens Ehre zu Land und Meer zu bewahren.

Die Mehrheit des Abgeordnetenhauses blieb für alle Mahnungen taub und lähmte durch Versagung der nothwendigen Mittel die Thatkraft der Regierung. Im jetzigen Augenblicke erkennt wohl das ganze Land, wie sehr die Regierung Recht hatte, als sie rasch mit dem Nöthigsten beginnen wollte, – eine wie schwere Schuld dagegen diejenigen auf sich geladen haben, welche aus lauter nebensächlichen Bedenken und aus Parteisucht jene rasche und wirksame That gehindert haben.

Wären im Jahre 1862 die Kosten für die drei Panzerschiffe und für die baldige Beendigung der übrigen Schiffsbauten gewährt worden, so würden wir schon jetzt mit viel größerem Nachdrucke der dänischen Seemacht entgegentreten können. Die Belagerung und der Sturm gegen die Düppeler Werke wären nicht so mühevoll und blutig gewesen, wenn wir die Dänen auch zur See überall zu verfolgen im Stande wären. Das große Panzerschiff »Rolf-Krake« wäre dann nicht blos von unseren Land-Batterieen, sondern durch seines Gleichen bekämpft worden. Vollends aber hätten wir den Sieg alsbald von Düppel nach Alsen verfolgen können, wenn unser ruhmgekröntes Landheer durch eine kräftige Flotte unterstützt wurde.

Wohl haben die Alliirten jetzt auch ganz Jütland besetzt, – selbst die Festung Fridericia haben die Dänen preisgegeben, um nicht auch dort die Wirkung der preußischen Geschütze zu erfahren, welche sie in Düppel und Sonderburg auf so empfindliche, bittere Weise kennen gelernt haben. Aber damit ist der Uebermuth und die Widerstandskraft der Dänen noch nicht gebrochen, vielmehr trotzen sie darauf, daß sie auf ihren Inseln für uns unangreifbar sind, und hoffen, unseren Handel jetzt um so empfindlicher zu belästigen und zu schädigen. Für die großen Verluste, die sie an Menschen und an Kriegsmaterial aller Art erlitten haben und für die Pfandnahme von Holstein, Schleswig und Jütland werden sie sich schadlos halten wollen, indem sie fort und fort preußische Kaufmannsschiffe wegnehmen und unseren Handel auf jede Weise beeinträchtigen. Dabei rechnen sie darauf, durch ihre guten Freunde in England und anderen Ländern, welche uns Deutschen unsere Erfolge nicht gönnen, schließlich doch noch Schutz und Hülfe zu finden, um die Länder, welche unser Schwert ihrer Willkürherrschaft entrissen hat, später wieder in ihre Gewalt zu bekommen.  …  *Preussische Amtspresse 04.05.1864*

Die Erfahrungen des Deutsch – Dänischen Krieges legten 1864 praktisch den Grundstein für das spätere Flottenbauprogramm Wilhelm II. , das nicht irgendwie einer Laune oder Spielerei entsprang, sondern der wirtschaftlichen Notwendigkeit, sich unabhängig zu machen von den herrschenden Seemächten, um nicht ihrer Willkür ausgeliefert zu sein. Für das Deutschland heute ist das allerdings normal, daß ihm jeder auf der Nase herumtanzen kann, es sind immerhin unsere Freunde, die das tun und für die wir gerne zur Arbeit eilen, sofern wir das überhaupt noch tun. Kommt das Geld doch, wie bekannt, aus dem Bankautomaten, weil das Ausdrucken von Möbeln, Autos oder Schweinshaxen, technisch noch nicht möglich ist. So viel auch zur Frage, warum Geld überhaupt gebraucht wird. Weil es sich einfach leicher verstauen lässt.

Bild: Flottenparade Englands 1914 vor der Kriegserklärung an Deutschland.  

3 Responses to “Deutschlands Flottenwunsch”


  1. 1 Prosemit 5. Mai 2011 um 05:47

    Die Verschwendungsucht unserer heutigen QualitätspolitikerInnen wäre früher als Hochverrat behandelt worden. Und, horribile dictu, früher stellet man die Interessen des eigenen Landes und der eigenen Bürger über die fremder Länder.

    Heute ist uns wichtiger, Griechenland und Portugal durchzufüttern, als der deutschen Wirtschaft zu helfen, wettbewerbsfähig zu bleiben.

  2. 2 Karl Eduard 5. Mai 2011 um 06:24

    Wettbewerb ist des Teufels, denn er benachteiligt Blinde, Lahme und Menschen, die nicht mit genügend geistigen Gaben bedacht wurden. Und Frauen sowieso, die überhaupt die stärkste Behinderung mitbekommen haben. Wettbewerb steht unserem Ideal von der Gleichheit aller Lebewesen gegenüber.

  3. 3 Sophist X 5. Mai 2011 um 08:37

    „Die Einen wollten erst noch mehr Sachverständige hören, Andere wollten warten, bis sich herausgestellt hätte, ob das englische oder das deutsche Eisen zu Panzerschiffen besser…“ etc. pp.
    Es scheint aber somit bewiesen, dass das heutige Politikergeschlecht, das wegen eines schwäbischen Bahnhofs 15 Jahre lang und wegen der Atom-Endlagerung 40 Jahre lang Gutachter auf Gutachter paradieren lässt und dann doch nicht zu Potte kommt, nicht irgendwann um 1949 von einem anderen Stern kam.
    And I’ve seen it before
    And I’ll see it again
    Yes I’ve seen it before
    Just little bits of history repeating

    (Shirley Bassey)

    Wenn freilich Freunde in Europa 100 Milliarden brauchen um unser Wohlstandsnivaeu zu halten, dann braucht man kein Gutachten, denn kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Und besser, man gibt seinen guten Freunden, was sie brauchen, ehe sie es sich holen.


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