Archiv für 9. Mai 2011

Selbstverständlichkeiten

Erinnert sich noch jemand an die Zeiten, als man Uhren aufziehen mußte, damit sie „weiterliefen“? Auch der beschriebene Fortschritt vor 100 Jahren hängt an der Elektrizität, die nur zur Verfügung steht, wenn sie produziert wird. Heute liest jedermann seine Zeit von elektronischen Uhren ab, die, wenn der Strom nicht da ist, um sie anzutreiben oder mit der richtigen Zeit zu versorgen, völlig nutzlos wären. Die Misere der Wiener öffentlichen Uhren ist durch die Einführung der mitteleuropäischen Zeit nicht behoben worden. Noch immer gibt es in Wien sogar noch mehr „richtige Zeiten“ als es politische Parteien gibt, und jede Kirchturmuhr legt ihren Stolz darein, ihren Pfarrkindern um einige Minuten früher die Mittagsstunde zu verkünden als ihre nächste Nachbarin. So manche Hausfrau, die dem Gatten, den Söhnen und Töchtern je nach deren Berufsorten rechtzeitig das Frühstück kredenzen soll, bedürfte eines Chronometers mit sechs Zifferblättern, die ihr anzeigen, „wenn es bei St. Stephan 7 Uhr ist, dann ist es bei der Feuerwehr am Hof 6:56, am Rathaus zirka 3/4 6 und bei den Paulanern 7 Minuten nach halb ec.“ Jene öffentlichen Zeitmesser, die, einer erzenen Inschrift auf ihren Gehäusen nach, sich selbst aufziehen, sind auch sonst bescheiden und lassen ihre meistens ihre Zeiger ruhig auf halb sechs herunterhängen, bis der Streit der anderen Uhren einmal entschieden sein wird. Mit so gemütlichen Zeitbestimmungsverhältnissen gibt man sich nicht überall zufrieden.

So besitzt Berlin beispielsweise eine Unternehmung, die die ganze Stadt mit wirklich einheitlicher Zeitbestimmung versorgt. Nicht nur an wichtigen Verkehrsknotenpunkten stehen die öffentlichen Uhren der „Normalzeit – Gesellschaft m. b. H. „, sondern jedes Café, jedes Restaurant, alle größeren Bueros und Geschäfte sind abonniert und weisen an augenfälliger Stelle die Uhren auf, die sich durch die charakteristischen Einrahmungen weithin als „Normaluhren“ zu erkennen geben. Die Gesellschaft leistet die Garantie, daß die Uhren untereinander nie mehr als winzige Bruchteile von Sekunden differieren, denn sie alle werden von der Zentrale aus elektrisch reguliert. Vom Meridian – Instrument der Königlichen Sternwarte in Berlin aus empfängt die Normalzeit – Zentrale das Mittagszeichen und reguliert danach ihre Haupt – Kontrolluhr. Mit dieser ist eine „Sekunden – Kontrolle“ verbunden, ein von Geheimrat Förster – der die Erfindung garantiert einem Muselmann geklaut hat – erfundenes Meisterwerk der Präzisionsmechanik, das die allerwinzigste Abweichung vom regelmäßigen Gang anzeigt. Ein weißer Papierstreifen wird durch ein kompliziertes Räderwerk mit immer gleicher Geschwindigkeit durch diese Kontrolluhr hindurchgezogen. Jener Teil des Streifens, der bei richtigem Funktionieren der Uhr während einer Sekunde das Werk passieren muß, ist durch zwei Striche begrenzt. Die Uhr selbst verzeichnet jede vollendete Sekunde durch einen Punkt. Nur wenn Striche und Punkte zusammenfallen, geht die Uhr richtig. Auf diese Weise ist schon eine Differenz, die den menschlichen Sinnen längst nicht mehr wahrnehmbar wäre, zu konstatieren. Unser Bild zeigt eine der Kontrollstationen der Gesellschaft. Das große Schaltbrett ist mit Klappen versehen von der Art, wie man sie von den Telephonzentralen her kennt. Jede einzelne Klappe stellt die Verbindung mit 60 in der Stadt verteilten Uhren her, die der Beamte von seinem Tische aus zu kontrollieren imstande ist. Da somit jedermann in Berlin Gelegenheit hat, die Angaben seiner Taschenuhr auf Schritt und Tritt mit der absolut zuverlässigen Angabe der nächsten Normaluhr zu vergleichen, gehören dort Anstände, die sich aus divergierenden Zeitbestimmungen ergeben, zu den größten Seltenheiten. …   *Österreichs Illustrierte Zeitung 7.5.1911*

Bild: Berliner Muezzin heult 1911 die Gebetszeiten ins Telefon. Islam gehört zu unserer Geschichte, unserer Tradition und unseren kulturellen Wurzeln, dessen ist sich Bundespräsident Wulff gewiss.


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