Selbstverständlichkeiten

Erinnert sich noch jemand an die Zeiten, als man Uhren aufziehen mußte, damit sie „weiterliefen“? Auch der beschriebene Fortschritt vor 100 Jahren hängt an der Elektrizität, die nur zur Verfügung steht, wenn sie produziert wird. Heute liest jedermann seine Zeit von elektronischen Uhren ab, die, wenn der Strom nicht da ist, um sie anzutreiben oder mit der richtigen Zeit zu versorgen, völlig nutzlos wären. Die Misere der Wiener öffentlichen Uhren ist durch die Einführung der mitteleuropäischen Zeit nicht behoben worden. Noch immer gibt es in Wien sogar noch mehr „richtige Zeiten“ als es politische Parteien gibt, und jede Kirchturmuhr legt ihren Stolz darein, ihren Pfarrkindern um einige Minuten früher die Mittagsstunde zu verkünden als ihre nächste Nachbarin. So manche Hausfrau, die dem Gatten, den Söhnen und Töchtern je nach deren Berufsorten rechtzeitig das Frühstück kredenzen soll, bedürfte eines Chronometers mit sechs Zifferblättern, die ihr anzeigen, „wenn es bei St. Stephan 7 Uhr ist, dann ist es bei der Feuerwehr am Hof 6:56, am Rathaus zirka 3/4 6 und bei den Paulanern 7 Minuten nach halb ec.“ Jene öffentlichen Zeitmesser, die, einer erzenen Inschrift auf ihren Gehäusen nach, sich selbst aufziehen, sind auch sonst bescheiden und lassen ihre meistens ihre Zeiger ruhig auf halb sechs herunterhängen, bis der Streit der anderen Uhren einmal entschieden sein wird. Mit so gemütlichen Zeitbestimmungsverhältnissen gibt man sich nicht überall zufrieden.

So besitzt Berlin beispielsweise eine Unternehmung, die die ganze Stadt mit wirklich einheitlicher Zeitbestimmung versorgt. Nicht nur an wichtigen Verkehrsknotenpunkten stehen die öffentlichen Uhren der „Normalzeit – Gesellschaft m. b. H. „, sondern jedes Café, jedes Restaurant, alle größeren Bueros und Geschäfte sind abonniert und weisen an augenfälliger Stelle die Uhren auf, die sich durch die charakteristischen Einrahmungen weithin als „Normaluhren“ zu erkennen geben. Die Gesellschaft leistet die Garantie, daß die Uhren untereinander nie mehr als winzige Bruchteile von Sekunden differieren, denn sie alle werden von der Zentrale aus elektrisch reguliert. Vom Meridian – Instrument der Königlichen Sternwarte in Berlin aus empfängt die Normalzeit – Zentrale das Mittagszeichen und reguliert danach ihre Haupt – Kontrolluhr. Mit dieser ist eine „Sekunden – Kontrolle“ verbunden, ein von Geheimrat Förster – der die Erfindung garantiert einem Muselmann geklaut hat – erfundenes Meisterwerk der Präzisionsmechanik, das die allerwinzigste Abweichung vom regelmäßigen Gang anzeigt. Ein weißer Papierstreifen wird durch ein kompliziertes Räderwerk mit immer gleicher Geschwindigkeit durch diese Kontrolluhr hindurchgezogen. Jener Teil des Streifens, der bei richtigem Funktionieren der Uhr während einer Sekunde das Werk passieren muß, ist durch zwei Striche begrenzt. Die Uhr selbst verzeichnet jede vollendete Sekunde durch einen Punkt. Nur wenn Striche und Punkte zusammenfallen, geht die Uhr richtig. Auf diese Weise ist schon eine Differenz, die den menschlichen Sinnen längst nicht mehr wahrnehmbar wäre, zu konstatieren. Unser Bild zeigt eine der Kontrollstationen der Gesellschaft. Das große Schaltbrett ist mit Klappen versehen von der Art, wie man sie von den Telephonzentralen her kennt. Jede einzelne Klappe stellt die Verbindung mit 60 in der Stadt verteilten Uhren her, die der Beamte von seinem Tische aus zu kontrollieren imstande ist. Da somit jedermann in Berlin Gelegenheit hat, die Angaben seiner Taschenuhr auf Schritt und Tritt mit der absolut zuverlässigen Angabe der nächsten Normaluhr zu vergleichen, gehören dort Anstände, die sich aus divergierenden Zeitbestimmungen ergeben, zu den größten Seltenheiten. …   *Österreichs Illustrierte Zeitung 7.5.1911*

Bild: Berliner Muezzin heult 1911 die Gebetszeiten ins Telefon. Islam gehört zu unserer Geschichte, unserer Tradition und unseren kulturellen Wurzeln, dessen ist sich Bundespräsident Wulff gewiss.

3 Responses to “Selbstverständlichkeiten”


  1. 1 Prosemit 9. Mai 2011 um 06:06

    Mit der Zeit war es ja noch viel komplizierter – und Uhren konnten nicht nur Tick-Tack machen.

    Im Mittelalter und in Italien bis weit in die Neuzeit galten Temporalstunden und „italienische Stunden“. Es wurde die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Untergang in gleiche Stundenzahl geteilt. Dadurch war im Winter eine Stunde kürzer und im Sommer eine Stunde länger, Uhren mußten also im Winter länger ticken und im SOmmer schneller, genaugenommen mußte die Uhr jeden Tag einen andere Taktlänge haben.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Temporale_Stunden

  2. 2 Sophist X 9. Mai 2011 um 06:14

    Kaum zu glauben, das ist gerademal 100 Jahre her. Seitdem entwickelte sich die Zeitkontrolle von der Inaugenscheinnahme eines papiernen Graphen durch unbestechliche Beamtenaugen zur Mikro-Milliardstel Bruchteile präzisen automatischen Messung.
    Der Beitrag der moslemischen Forschung kann hier wirklich kaum überschätzt werden.

    Denn: „Wo Wissenschaft ist, ist auch Islam.“ sagte schon der berühmte Selfmade-Prophet und erfolgreiche Räuber und Sklavenhändler Mohammed. Und so war es, der Islam stand prompt vor der Türe, wenn irgendwo Wissenschaftler oder andere nützliche Dinge zu holen waren.
    Denn sagte nicht der Prophet Mohammed auch: „Erwerbt es, wenn sich das Wissen auch in China befindet.“ (gleiche Quelle).
    Somit hat er nicht nur, fast 1400 Jahre in die zukunft blickend, Chinas Rolle als Patentdieb Nummer eins vorhergesehen, er hat auch angeregt, die Wissenden zu erwerben um das runtergekommene Beduinenzelt technologisch aufzupeppen. So haben es die moslemischen Forscher denn auch durch die Jahrhunderte mit bewundernswerter Konsequenz durchgezogen.

  3. 3 Karl Eduard 9. Mai 2011 um 06:20

    Wenn man das alte Zeug so liest, mag man es kaum glauben. Heute haben die Züge Verspätung – und es liegt nicht an der fehlenden einheitlichen Zeit.


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