Sag mir wo Du stehst

Berliner reden deutsch. Leser urteilen über Grenzgänger. Von den 246 Leserbriefen, die gestern in unserer Redaktion eingingen, waren 112 dem Grenzgängerproblem gewidmet, derzeitig das Hauptgesprächsthema in Berlin. Hier einige Auszüge: Unmißverständlich: Mir scheint, da muß endlich mal ein deutliches Wort geredet werden. Deutlich, damit meine ich unmißverständlich. Die da drüben arbeiten und hier ihre Kinder in die Ferien fahren lassen, drüben die Löhne drücken und hier billige Mieten zahlen, müssen sich endlich mal sagen lassen: Ihr könnt uns nicht auf der Nase herumtanzen! Sicher soll man darüber reden aber mal muß auch mit dem Gerede zu Ende sein. Sie haben ganz recht: Jetzt muß man wissen, wohin man gehört. Paul K., Brigadier, Leninallee

Meckertante war still.  Als ich neulich vor einem Laden stand, wo man auf Kartoffeln wartete, meckerten einige Frauen darüber, daß nur ein Mann da wäre, der sie ablud, was ihnen zu lange dauerte. Plötzlich meldete sich eine Frau zu Wort und fragte die neben ihr stehende, warum denn ihr Mann „drüben“ arbeite. Wäre er hier, könnten vielleicht auch die Kartoffeln schneller abgeladen werden. Da war die Meckertante gleich still. Manchmal ist unser Langmut schon zu groß. Erst betrügen sie uns, nutzen die Vorteile des Arbeiter – und Bauern- Staates, ohne, daß sie einen Handschlag für diesen Staat tun. Mitfahrer sozusagen, die obendrein noch meckern, daß der Chauffeur nicht schnell genug fährt. Emma Schulz, Berlin – Weißensee

Verkaufen sich an Konzerne. Unser Nachbar sagte uns immer: „So lange es nicht verboten ist, gehe ich „rüber“. Jetzt glaubt er, daß alle anderen gemeint seien, nur er nicht. Wir haben ihm gesagt, daß es jetzt auch für ihn gilt, sich zu entscheiden. Er ist ein alter Arbeiter, und ich habe ihn an die großen Kämpfe der zwanziger Jahre erinnert, als kaum ein Berliner Arbeiter daran dachte, nur seine eigenen Interessen zu sehen. Ob er denn glaube, daß die Direktoren der Konzerne heute anders dächten als damals. Sie haben damals wie heute nur das eine Interesse, die Arbeiterklasse zu schädigen. Und das sollen wir uns gefallen lassen? Wir haben es uns damals nicht gefallen lassen, und heute erst recht nicht. Fritz L., Berlin –  Pankow

Stoff für Hetze. Wäre es nicht so traurig, könnte man es fast kurios nennen, welche Rolle die Grenzgänger jetzt spielen: Erst verlassen sie hier ihre Arbeitsplätze. Die vielen Vorteile, die ohne ihre Hilfe zustande kommen, nehmen sie wahr. Obendrein liefern sie aber der Westpresse nun auch noch einen Vorwand zur Hetze gegen uns. Die armen Menschen, die drangsalierten, hört man da. Das sollte uns reichen. Erst uns in den Rücken fallen und uns dann auch noch von vorne anfallen. Alles muß seine Grenzen haben. Erna Konrad, Berlin – Treptow

Bild:   Grenzgänger  – Ihr könnt uns nicht auf der Nase herumtanzen! Sicher soll man darüber reden aber mal muß auch mit dem Gerede zu Ende sein. Sie haben ganz recht: Jetzt muß man wissen, wohin man gehört.   Manchmal ist unser Langmut schon zu groß. Erst betrügen sie uns, nutzen die Vorteile des Arbeiter – und Bauern- Staates, ohne, daß sie einen Handschlag für diesen Staat tun. Die vielen Vorteile, die ohne ihre Hilfe zustande kommen, nehmen sie wahr. Obendrein liefern sie aber der Westpresse nun auch noch einen Vorwand zur Hetze gegen uns. Die armen Menschen, die drangsalierten, hört man da. Das sollte uns reichen.   Alles muß seine Grenzen haben. *NEUES DEUTSCHLAND 01.08.1961*

Das NEUE DEUTSCHLAND war das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei der Deutschen Demokratischen Republik, die sich, unterm Eindruck des Jahres 1989 erst in Partei des Demokratischen Sozialismus, dann in DIE LINKE umbenannte, nun aufgestockt, durch westliche Terroristen, Maoisten, Kommunisten, Gewerkschafter und Antizionisten. Es veröffentlichte die politischen und ökonomischen Zielstellungen der Partei und die Meinung, die im Land zu herrschen hatte. Damals reichte eine große überregionale Zeitung. Es mußten nicht Hunderte voneinander abschreiben. Wie heute. Es ist schön, meint der Autor, daß man einmal nachlesen kann, wie sehr sich die grundlegenden Auffassungen geändert haben. Denn natürlich ist heute, von der Arbeit anderer zu leben und immer neue Privilegien für sich einzufordern, als Gegenleistung für Integrationsverweigerung, Faulheit und kriminelles Verhalten, keine Ausbeutung mehr.

Sag mir wo Du stehst!

5 Responses to “Sag mir wo Du stehst”


  1. 1 Prosemit 1. August 2011 um 06:05

    Gut daß damals die Mauer gebaut wurde.

    Wieso hat man sie eigentlich wieder abgerissen ,die Argumente für den Mauerbau waren ja weiterhin gültig?

    Ich stelle mit die Situation vor, in der sich IM Erika weiterhin Seit an Seit mit Margot im Arbeiter und Bauernparadies austoben dürfte und Erich gütig lächelnd seine Hand über das Volk hält.

  2. 2 Blond 1. August 2011 um 06:18

    Na ja,
    man brauchte damals, bezogen auf das Zeitungsdatum, nur noch 13 Tage warten, bis sie nichts mehr zu meckern hatten – was die allermeisten da aber noch nicht wussten.
    Wie lange wird Heute noch meckern nötig (möglich) sein?

  3. 3 Sophist X 1. August 2011 um 07:04

    Dieser Frechheit, für die Direktoren der Konzerne zu arbeiten, die Arbeitern attraktiveren Lohn bezahlen weil es ihr einziges Interesse ist, „die Arbeiterklasse zu schädigen“ (Fritz L. aus Pankow), musste ein Riegel vorgeschoben werden. Nach einigem Überlegen und Analyse der Leserbriefseiten nach neuesten Methoden der Demoskopie war es bekanntlich bald soweit.

  4. 4 netzwerkrecherche 1. August 2011 um 09:29

    Komisch, daß sich das Neue Deutschland heute nicht den Grenzgängern polnischer Herkunft widmet, welche in Polen billig wohnen, aber in Sachsen, Brandenburg und Vorpommern arbeiten. Fand in der SED-PDS-LINKE ein Paradigmenwechsel statt? Ist das ND mittlerweile eine Nutte des internationalen Großkapitals?

  5. 5 Pecos Bill 1. August 2011 um 13:39

    Ich war bisher nur dann und wann mal hier zu Gast, werde jetzt aber öfter hier sein. Dieses Ding hier bildet!


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