Heilung für die Medien

Vor 43 Jahren errichteten, würde man heute sagen, die sozialistischen Bruderländer, allen voran die Sowjetunion, eine Flugverbotszone über der Tschechoslowakei. Natürlich ging es  um die Beseitigung einer unliebsamen Regierung. Heute heißt das Regimewechsel. Regimewechsel, das ist, wenn edlen Männern und Frauen, die sich im Vollbesitz der Wahrheit dünken, eine Regierung nicht gefällt, die daher beseitigt werden muß. Wegen höherer Ziele. Wegen Humanität, Menschenrechten, westlichen Freiheiten oder weil die Regierung die vorgeschriebenen Pfade der Erleuchtung verlassen hat oder sie nicht beschreiten will. Dann nennen das die Medien wahlweise Revolution, Konterrevolution, arabischer Frühling oder „Nie wieder Auschwitz“.

Wenn heute aber die NATO ähnliches tut, oder wie damals im Krieg gegen Serbien, dann müssen wir uns immer sagen, das ist etwas anderes, das sind Demokraten, die sind vom Volke gewählt  und haben das Vertrauen der Menschen, deshalb sind die Toten, die sie produzieren, auch nicht richtig tot, die Verstümmelten nicht wirklich verstümmelt und die Trümmer, die sie hinterlassen, die heilen sich über Nacht selbst.

TASS – Mitteilung. … In Ausführung dieses Beschlusses marschierten Truppen der verbündeten sozialistischen Länder am 21. August in die Tschechoslowakei – in alle Gebiete und Städte einschließlich Prags und Bratislawas – ein. Der Vormarsch der Truppen der Bruderländer verlief ungehindert. Die Einheiten der tschechoslowakischen Volksarmee bleiben an ihren Standorten. Die Bevölkerung bewahrt Ruhe. Viele tschechoslowakische Staatsbürger äußern gegenüber den Soldaten der Verbündeten Armeen ihren Dank für die rechtzeitige Ankunft in der Tschechoslowakei, um im Kampf gegen diekonterrevolutionären Elemente zu helfen.

Gleichzeitig versuchen rechtsstehende, antisozialistische Elemente in Prag und in einigen anderen Ortschaften feindliche Ausfälle gegen die gesunden Kräfte der CSSR und die diese zu Hilfe gekommenen verbündeten Truppen zu organisieren. … Es gab hetzerische Äußerungen in Radio, Fernsehen und Presse. … *Neues Deutschland 22. August 1968*

Dieser Schritt dient dem Frieden in Europa. Meister Gerhard Kast, VEB Funkwerk Berlin – Köpenik: Mit Elan die DDR stärken. Viele meiner Arbeitskollegen und ich persönlich können und wollen uns nicht gleichgültig verhalten, wenn sich der Sache des Marxismus – Leninismus treu ergebene Persönlichkeiten der CSSR an die Völker der sozialistischen Länder wenden, um dringende Hilfe gegen konterrevolutionäre Elemente zu erhalten. Am Mittwoch haben viele Funkwerker auf Kurzversammlungten ihre Entschlossenheit bekundet, durch noch größeren persönlichen Einsatz an jedem Arbeitsplatz die sozialistische DDR zu stärken und damit den Bruderbund sozialistischer Staaten zu einem noch festeren Bollwerk zum Schutze der europäischen Sicherheit gegen die friedensgefährdenden Kräfte des westdeutschen Militarismus und Revanchismus zu machen.

Vor allem möchte ich den Genossen des ZK der KPdSU und unserer Parteiführung, mit Genossen Walter Ulbricht an der Spitze, für die leninistische Wachsamkeit gegenüber den Ränken der Konterrevolution und die schnelle Organisierung der brüderlichen Hilfe für unsere Genossen und Freunde in der CSSR von ganzem Herzen danken.  *Neues Deutschland 22. August 1968*

Jeder politische Schritt der Partei – und Staatsführung der DDR diente damals dem Frieden oder irgend einer anderen glückseligmachenden Sache, so wie jeder Schritt der Regierung Merkel heute ja auch dem Frieden dient oder der Rettung des Klimas vor dem Tode. Wer sich über solche Zustimmungsbriefe wundert sollte bedenken, daß die Betriebe sich fest in der Hand der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und ihrer in der Nationalen Front der DDR vereinigten verbündeten Blockparteien befanden und natürlich fütterten sie, die Betriebe, ihre Parteisekretäre und Funktionäre für Agitation und Propaganda durch, so, wie sie heute ihre Beauftragten für irgendwelchen Hirnschiss durchfüttern. Regelmäßig wurden zu Anlässen, Jahrestagen oder Äußerungen aus dem ZK, Grußadressen, Meinungs – und Stimmungsbilder gefordert, die schon lange nichts mehr mit den Meinungen und Stimmungen der Werktätigen zu tun hatten.

So bediente man sich, um die unverbrüchliche Einheit des Volkes mit der Sozialistischen Einheitspartei der Deutschen Demokratischen Republik zu bekräftigen, einer Funktionärssprache, die mit der Sprache in Betrieben und im Alltag keine Gemeinsamkeiten mehr aufwies, es gab Worte  fürs Protokoll und Worte für den Hausgebrauch und beides hatte der DDR – Bürger verinnerlicht. Man wußte, wann man was man sagen durfte, mit welchen Worten und wann nicht. 

Im Nachhinein fragt sich der Autor, wenn er das so liest, wie da die Entschlossenheit bekräftigt wird, noch härter, genauer und länger zu arbeiten, aus Anlass des Einmarsches der verbündeten Truppen in die CSSR, wie groß müssen die Reserven in der Arbeitsproduktivität gewesen sein, denn zu jedem Ereignis, zum Sputnikflug, zum Weltraumflug des Genossen Gagarin, zum Weltraumflug des Genossen  Titow, zur Errichtung des Antifaschistischen Schutzwalles, aus Anlass der Weltfestspiele der Jugend und Studenten, zum Jahrestag der Oktoberrevolution, aus Anlass einer Sitzung der Volkskammer der DDR oder des Zentralkommitees der SED oder dem neuen Wirtschaftsplan und so weiter und so weiter, andauernd versicherten die Kollektive in Betrieben, Instituten oder in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften in solchen Zustimmungsadressen, jetzt werde noch mehr rangeklotzt, als vor dem Anlass, dem Ereignis davor und vor dem Jahrestag der dieser Initiative vorausging.  Daß da nie jemand von den mit Zustimmungsschreiben Überhäuften gefragt hat, „nun, Genossen, und wann fangt ihr an, richtig zu arbeiten?“

Freude allerorten

9 Responses to “Heilung für die Medien”


  1. 1 Rudi Ratlos 22. August 2011 um 07:56

    Moin moin!
    Ich möchte nur anfügen, daß dies doch jetzt genau so ist.
    Die Zustimmungsrufe kommen zwar über Twitter, werden letztlich aber von der Qualitätspresse (TM) verfaßt.
    Es müsste inzwischen auch jeder wissen, daß sich nicht jeder popelige Dorfsender einen „Verkehrsflieger“ exklusiv leisten kann. Trotzdem wird mit Tontechniktricks eben dies suggeriert. Und bei den „Informationen aus aller Welt“ ist es doch genauso.

    Schöne Woche noch! 🙂

  2. 2 eulenfurz 22. August 2011 um 08:14

    Duktus der TASS-Meldung und des Leserbriefes sind heute analog, insbesondere, wenn gegen bestimmte politische Gruppen gehetzt wird: Behauptungen und Gut-Böse-Markierungen der Meinungsfunktionäre, garniert mit Zustimmung der Bevölkerung für die Taten der Mächtigen.

    Solche Leserbriefe müssen noch nicht einmal gefälscht werden. Dumme genug gibt es in jedem System, die sich für sowas prostituieren.

  3. 3 Blond 22. August 2011 um 08:33

    ‚prostituieren‘
    bedeutet doch
    ‚bezahlt werden‘ –
    nein, ich glaube, es ist noch schlimmer:
    die heutigen dieser Art Leserbriefeschreiber tun es gratis und aus Überzeugung.

  4. 4 Prosemit 22. August 2011 um 09:19

    Die konterrevolutionären Elemente in der heutigen Bundesrepublik dieser inhaltsleeren Kanzlerin dürfen weniger zahlreich sein, als zu den Zeiten des real existierenden Sozialismus mit der gegenseitigen brüderlichen Hilfe.

  5. 5 Beipflichter 22. August 2011 um 10:03

    Ja diese Diktion ist immer dieseleb. So eine brechreizende Melange aus infantiler Verzücktheit und sprödem, nominalstilholperndem Blutleer-Deutsch. Die Objekte der Verzückung sind heute um die Segnungen des Ökologismuns, MuKu-Ismus und Feminismus berereichert.

  6. 6 Sophist X 22. August 2011 um 14:06

    Ich wünschte, heute hätten mehr Politiker Ulbrichts „leninistische Wachsamkeit“, die über 30% wachsamer macht als herkömmliche Wachsamkeit.

  7. 7 Prosemit 22. August 2011 um 16:29

    Ich bin froh, daß der libysche Henker und Diktator samt seiner Brut zum Teufel gejagt wird und jetzt die Demokratie Triumpfe feiern wurd. Besonders stolz bin ich auf die hundertausende vor diesem Verbrecher Regime geflohenen Menschen, die hier in der Fremde ein armseliges Leben fristen und die jetzt die Koffer packen werden und mit Kind und Kegel zurück in die Heimat gehen, um dort das zerrütete Land neu aufzubauen und die demakratie zu festigen.

  8. 8 Prosemit 22. August 2011 um 16:31

    … ich sollte doch noch einmal über die Texte gehen, bevor ich sie so mutig abschicke – ich tippe zu schnell.

  9. 9 eulenfurz 23. August 2011 um 05:52

    @Prosemit
    Mackt nix, wier könen sie drozdem lesn!


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