Für die Minderbemittelten

Sparautomaten sind die jüngste Errungenschaft der modernen Nationalökonomielehre. Die „Hermes“, Wechselstuben – Aktiengesellschaft in Budapest, eine Gründung der Ungarischen allgemeinen Kreditbank, will die Bevölkerung der ungarischen Hauptstadt in eigenartiger Weise zum Sparen veranlassen. Das Institut stellte nämlich in verschiedenen belebten Straßen Automaten auf, in die jedermann beliebige Beträge einwerfen kann. Der Einleger, oder richtiger gesagt Einwerfer, bekommt von dem selbsttätig registrierenden Automat dann eine Bestätigung über den geleisteten Betrag heraus, die sowohl als Einlagsschein, als auch als Zinsen – Kontrollkupon angesehen wird. Allabendlich werden diese Automaten entleert und ihr Inhalt an die Hauptkassa des Instituts abgeführt, das die Einlagen nach Nummern registriert und einer für Einleger und Bank nutzbringenden Verwertung zuführt.

Die kollossalen Vorteile, die ein solches Sparsystem besonders für die minderbemittelte Bevölkerungsschicht hat, sind nicht zu unterschätzen. Wie viele Leute gibt es, die sich doch früher einen Sparpfennig zurücklegen würden, wenn gleich jemand in einer guten Stunde des redlichen Willens zur Stelle wäre und ihnen diese löbliche Absicht auch sofort ermöglichen könnte. Für viele Arbeiter, die bei Tag angestrengt beschäftigt sind und erst abends über ihre Zeit frei disponieren können, ist der Weg ins Sparinstitut unmöglich gemacht, da um die Zeit ihrer Feierstunde die Banken und Sparkassen bereits geschlossen haben. Viele halten das kleinweise ersparte Geld auch zurück, weil sie mit so geringen Beträgen nicht in die Sparkasse laufen wollen und geben die Ersparnisse in Stunden der Verlockung schnell wieder aus. Dem beugen die Apparate wieder vor. Keine falsche Scham vor dem Schalterbeamten wegen geringer Einlagen, keine Extrabemühungen ins Sparinstitut und oft halbstündiges Warten bis zur Abfertigung – nichts weiter als ein Einwurf, die Entgegennahme eines im gleichen Momente schon ordnungsgemäß ausgefüllten Bestätigungsscheines und der Sparer kann seinen Weg ohne weiteren Aufenthalt fortsetzen. Hoffentlich bekommen auch Wiener bald dieses ebenso orginelle, als zweckdienliche Sparsystem per Automaten. *Wiener Illustrierte Zeitung 29. August 1911*

Bild: Sparautomat. Minderbemittelte, die sonst das Geld mit vollen Händen herauswerfen, ohne an Morgen zu denken, sollen so animiert werden, zu sparen. Für deutsche Parlamentarier wäre das freilich nichts. Selbst bei größter Verschwendungssucht, eine entsprechend lange Verweildauer im deutschen Parlament vorausgesetzt, ist ihre Altersvorsorge, im Gegensatz zum Arbeiter,  fürstlich gesichert.

3 Responses to “Für die Minderbemittelten”


  1. 1 Prosemit 29. August 2011 um 09:07

    Sparen? Altmodische Tugenden. Seit langem hierzulande in diesem unseren Land abgeschafft. Tugenhaft ist es, fremdes Geld für noch Fremdere hinauszuwerfen. Mutti macht es vor. Alternativlos!

  2. 2 Karl Eduard 29. August 2011 um 10:49

    Ja. Aber welches Wunder an Technik und ganz ohne Elektroenergie. Es hat das Geld nicht nur gezählt, sondern auch eine passende Quittung ausgedruckt.

  3. 3 Blond 29. August 2011 um 12:19

    Wahrscheinlich saßen da kleine Menschen drin, z.B. Lilipütaner –
    deswegen ging das auch ohne Elektro und so.
    Und schreiben konnten die wie gedruckt.
    Genau.


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