Archiv für 28. Dezember 2011

Dies und das

 Bild: Vom Kriegsschauplatz in Tripolis: Eine interessante Aufnahme von dem letzten Vorgehen der Italiener in Tripolis in der Gegend von Ainzara. Wir sehen auf unserem Bild die Schützenlinien verstreut in den Sanddünen und können daraus die Schwierigkeit der Kriegsführung und das Vorgehen in diesen endlosen Sandwüsten bedeutend besser erklären.

Man muß es den Italienern lassen: Sie verstehen zu lohnen und verstehen zu strafen. Die englischen und die deutschen Kriegsberichterstatter, die aus Tripolis zwar wahre, den italienischen Truppen aber abträgliche Berichte in die Welt sandten, wurden in heiligem Zorn aus dem gelobten Tripolis verbannt. Ja, man hat sich sogar damit nicht begnügt und auch die römischen und die Mailänder Korrespondenten ihrer Blätter aus Rache des Landes verwiesen.

Aber die Italiener verstehen auch Dienste, die ihnen geleistet wurden, mit Großmut zu lohnen. Herr Carrére von der Pariser „Temps“ ist in Tripolis von einem Unbekannten überfallen worden, angeblich wegen seiner italienfreundlichen Berichte. Der leichtverwundete Korrespondent beschloß daher, sich wieder nach Hause zu begeben. Die Fahrt gestaltete sich zu einem Triumphzug für  Carrére.  In Neapel wurde er bei der Landung zum Ehrenbürger der Stadt ernannt, der Zug, der ihn nach Rom brachte, erlitt eine namhafte Verspätung, weil die Bevölkerung dem italienfreundlichen Journalisten Ovationen darbrachte und in Rom selbst erwarteten ihn 100 000 Menschen. Das lebensgefährliche Gedränge auf dem Perron, wird berichtet, steigerte sich bei der Einfahrt des Zuges derart, daß viele Menschen ohnmächtig wurden und nur mit Mühe gerettet werden konnten.

Carrére wurde mit endlosen Evvivas empfangen und zu seinem bereitstehenden Automobil getragen. Man empfing ihn mit der Marseillaise, gab ihm das Geleit bis zu seiner Wohnung und ruhte nicht eher, bis er vom  Balkon aus eine Rede an das versammelte Volk hielt. Ja, die Italiener verstehen es, Dienste zu belohnen. Blasser Neid verzehrt die ausgewiesenen Kriegskorrespondenten, wenn sie  Carréres Schicksal betrachten .. Ehrenbürger von Neapel, das ist schon ein paar schöngefärbte Berichte wert. *Österreichs Illustrierte Zeitung 24.12.1911*

Kritisch muß der Blogwart anmerken, daß die Begeisterung für schöngefärbte Berichte in den letzten 100 Jahren stark nachgelassen hat. Wann wurden, zum Beispiel Maria Böhmer, Claus Kleber oder Christian Wulff, für ihre schöngefärbten Berichte auf Händen getragen, daß sie von 100 000  Menschen sehnsüchtig erwartet werden, daß kann er sich schon vorstellen, nur nicht, um sie dann zu ihren Automobilen zu tragen. Und das findet er schade.


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