Archiv für 21. Mai 2012

LZ. XII über der Stadt

„Es steigt das Riesenmaß der Leiber, Hoch über menschliches hinaus.“ Nicht nur auf dem Flugplatze, sondern auch in der Stadt erregte das wunderbar schöne, schlanke Luftschiff, leuchtend im lichten Scheine der aufsteigenden Sonne, Begeisterung, als es in langsamen, majestätischen Fluge in einer Höhe von 150 bis 200 Metern das altehrwürdige Wahrzeichen Freiburgs, unser Münster, aus Himmelshöhen grüßend über die Stadt gleitete. Von den Dächern winkten die Tücher begeisterter vom Anblick beglückter Menschen, laute Hoch- und Hurrarufe klangen in den lichten Morgen hinein und von der Straße herauf dröhnte heller Jubel.

Und mag man die Zeppeline noch so oft gesehen haben, immer wieder steht man im Banne dieses stolzen Luftkreuzers, der zielsicher, wuchtig und groß den unendlichen Luftraum durchmißt. Und heute klang der Jubel um so heller und freudiger, um so inniger und wärmer, wußte man doch, daß der große Erfinder selbst, Graf Zeppelin, der Stolz des deutschen Volkes, am Steuer des Riesenluftschiffes stand, das er, der Siebzigjährige, jugendfrisch und fest wie immer führte.

Ihm und seinem unvergänglichen Lebenswerke galt heute der ehrliche begeisterte Jubel, der aus treuen Herzen kommend sich himmelwärts rang, empor zu dem Besieger der Lüfte. Die Kartengrüße, die aus seinem Weltensegler herabwirbelten auf Dächer und Plätze, werden die glücklichen Finder gern erwidert haben.

Als er leuchtend sonnenwärts dem Auge entschwand, stand der Beschauer wieder im Banne eines Ereignisses, das es immer noch ist, so oft es auch wiederkehrt. Um 07.10 Uhr bereits ist das Luftschiff in Konstanz gelandet.

Ausdehnung des englischen Fernsprechverkehrs. London, 20. Mai. In der heutigen Sitzung des Unterhauses erklärte gelegentlich der Beratung des Postetats der Generalpostmeister Samuel, daß Schritte getan würden, um die telephonische Verbindung auf die Schweiz, Holland und Teile von Deutschland auszudehnen. Er hoffe, daß man in nicht ferner Zeit mit Berlin werde sprechen können. Samuel erwähnte ferner, daß ein neues Kabel zwischen England und Deutschland gelegt werden solle, das den telegraphischen Dienst mit dem Festland verbessern würde. *Freiburger Zeitung 21.05.1912*

Bild: Da staunt Pocahontas, das kleine Indianermädchen. Die Weißen Männer erheben sich in die Lüfte und sprechen über Drähte miteinander. Bald auch in London mit Berlin. Und umgekehrt. Ein Trost bleibt ihr aber. Wären damals nicht die Weißen gelandet und hätten ihre fortschrittliche Zivilisation zerstört, dann wären die Indianer bereits auf dem Mond. Oder, anders gesagt, wenn wir nicht fliegen würden, müßten die Eingeborenen Amerikas auch nicht zu Fuß gehen!


Mai 2012
M D M D F S S
« Apr   Jun »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  

Blog Stats

  • 2.178.489 hits

Archiv