Mein Freund ist Zigeuner

Reichstag. – 29. Sitzung. Montag den 18. März 1912. Vom Blogwart leicht gekürzt. Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Diez (Konstanz).  Diez (Konstanz) , Abgeordneter: Meine Herren, seit Jahren ist unsere Fraktion genötigt, im Reichstage mit Anträgen zu kommen, die bezwecken, das Zigeunerunwesen bezw. die Mißstände, die sich daraus ergeben haben, zu beseitigen. Ein diesbezüglicher Antrag wurde am 2. März von diesem hohen Hause angenommen.

Leider sind wir infolge fortgesetzter Belästigungen weiter Kreise der ländlichen Bevölkerung und infolge sich wiederholender Verbrechen durch Zigeuner abermals genötigt, mit einem derartigen Antrage vor das hohe Haus zu treten. Die nach dieser Richtung abzielenden Verordnungen der einzelnen Bundesstaaten, insbesondere die preußische Ministerialverordnung vom 17. Februar 1906, haben ihren Zweck nicht voll erfüllt. Denn wenn es trotz dieser Verordnung möglich gewesen ist, daß am 15. Februar d. Jahres bei Kemmerzell die Zigeunerbrüder Ebender einen ahnungslos seines Wegs dahinziehenden Förster niederschossen, wenn es diesen ferner möglich wurde, weitere Verbrechen zu verüben, obgleich dieses Verbrecherbrüderpaar bereits seinen Vater und ebenso einen Bruder ermordet hat, während ein weiterer Bruder wegen Ermordung eines Gendarmen enthauptet wurde, so ist dies ein Beweis dafür, daß eben die bestehenden Verordnungen nicht genügen.

Es ist also unbedingt nötig, daß hier endlich einmal Mittel angewandt werden, die schweren Schädigungen weiter Kreise der ländlichen Bevölkerung durch Zigeuner zu beseitigen.

Unglaublich, wirft der Blogwart ein, daß man so etwas im Reichstage sagen durfte. In einer Monarchie! Der zweitschlimmsten Regierungsform. Und, der Abgeordnete setzt sich für die Belange der deutschen Bevölkerung ein, nicht der der herumziehenden Zigeuner. Ja, die Welt muß eine völlig verrückte gewesen sein. Damals. Natürlich ist das Volksverhetzung, heute,  1912 oder auch später mußte niemand das Volk gegen Zigeuner verhetzen, die schafften das ganz alleine. Durch ihr Treiben. Dennoch.

In Deutschland halten sich gegenwärtig 3000 Zigeuner auf, und zwar hauptsächlich in den Grenzgebieten, wo es ihnen möglich ist, je nachdem es für ihre Sicherheit vorteilhaft ist, hinüber oder herüber zu wandern. Insbesondere beklagen sich weite Gegenden in Schlesien, Franken und Bayern darüber und in letzter Zeit haben auch in Hessen erbitterte Kämpfe mit Zigeunern stattgefunden. Die große Zahl der Zigeuner wird auch dadurch erwiesen, daß in den Kreisen Fulda, Hünfeld und Ziegenhain seit dem 15. Febr. d. Jahres annähernd 50 Verhaftungen von Zigeunern vorgenommen wurden.

Die Schäden, welche Zigeuner allüberall anrichten, sind enorm. Sie erwerben ihren Unterhalt bekanntlich durch Betteln und Diebstahl.

Ja, ruft da der Blogwart empört, den damaligen Abgeordneten mag das ja bekannt gewesen sein, so, wie das auch den heutigen Abgeordneten wohl bekannt ist, so sie sich mit ihren Wählern unterhalten und auch mal die Zeitung lesen,  aber das ist doch kein Grund, alle Zigeuner mit diesem Generalverdacht zu belegen. Nicht wahr? Vielmehr muß man das Bereichernde daran entdecken, bestohlen zu werden!

Während vorn im Hause die Zigeunerfrau bettelt, gaukelt oder wahrsagt, bricht hinten im Hause der Mann oder der Sohn in das Haus oder den Hühnerstall ein und nimmt mit sich, was er bekommen kann, und wenn die ahnungslosen Bewohner in das Haus zurückkehren, sehen sie, daß sie bestohlen sind. Besonders schlimm treiben es die Zigeuner zur Erntezeit, wo die Dörfer wie ausgestorben sind, weil alles, was arbeitsfähig ist, auf den Feldern beschäftigt ist, und auf diese Weise den Zigeunern ihre Beute fast mühelos zufällt.

Ein anderer Schaden, der in der Jetztzeit nicht übersehen werden darf, ist der, daß gerade durch das Herumziehen der Zigeuner die Möglichkeit der Verschleppung der Viehseuchen durch die Zigeuner gegeben ist. Die Zigeuner fragen nicht danach, ob an einem Gehöft eine Tafel mit der Aufschrift „Maul – und Klauenseuche“ angeschlagen ist, sie stehlen ihre Sachen eben dort, wo sie sie bekommen können und können dadurch zur Verbreitung der Viehseuche beitragen.

Am 24. Februar 1910 erklärte der Herr Staatssekretär Dr. Delbrück, daß die Zigeunerplage zu denjenigen Plagen gehöre, die ihn sein ganzes amtliches Leben lang verfolgen. Es sei zweifelhaft, ob es möglich sei, Ausnahmegesetze mit Aufenthaltsbeschränkungen für Leute, welche das deutsche Indigenat besitzen, durchzuführen, und sprach davon, daß er kein Freund von Ausnahmegesetzen sei.

Was wir verlangen ist der Schutz der bäuerlichen Bevölkerung von dieser Landplage und strengste Maßnahmen gegen die Zigeuner mit deutschem Indigenat. Mit ausländischen Zigeunern ist leicht fertig zu werden. Sie werden einfach ohne weiteres über die Grenze gewiesen.

Hier an dieser Stelle bricht der Blogwart in hemmungsloses Lachen aus, wenn er an seine Volksvertreter denkt, aber die haben ja offensichtlich nicht den Auftrag, das Volk zu vertreten, sondern die Interessen von Dieben, Kleinkriminellen und Intensivtätern.

Etwas schwieriger ist es bei Zigeunern, welche deutsche Reichsangehörige sind. Wir verlangen ja nicht etwa eine Verordnung, wie sie z.B. König Friedrich Wilhelm I. erlassen hatte, der verfügte, daß Zigeuner ohne weiteres, soweit sie über 18 Jahre alt sind, am nächstbesten Baume aufgeknüpft werden sollten. Für ein solches Verlangen sind wir zu human. Meines Erachtens wäre es aber unbedingt nötig, daß den Zigeunern das bandenweise Umherziehen einfach verboten würde, und zwar dürfte der Begriff „Bande“ nicht zu weit gefaßt werden. Ferner sollten den Zigeunern Pässe und Wandergewerbsscheine nur in den alleräußersten Ausnahmefällen ausgestellt werden, nur dann, wenn sie zweifellos und einwandfrei nachzuweisen vermögen, daß sie auch wirklich ein Gewerbe betreiben. Meist trifft dies bei Zigeunern nicht zu.

Ferner wäre nötig, daß die Fürsorgeerziehung der Zigeunerkinder nicht erst dann einsetzt, wenn eine bereits eingetretene Verwahrlosung nachweisbar ist. … Wenn man bedenkt, daß es z.B. in letzter Zeit im Kreise Fulda noch nötig wurde, zur Zigeunerjagd Artillerie, Jäger, Kriegervereine, Gendarmen und Förster aufzubieten, so könnten solche Bestimmungen dazu beitragen, gerade die ländliche Bevölkerung, die unter diesen Mißständen leidet, einmal von dieser Plage zu befreien.

Nun, heute wissen wir, Zigeuner waren harmlose Wandergesellen, die die Bevölkerung mit Gaukelei, Wahrsagen, Tänzen und Liedern unterhielten, so wie sie heute Autos die Scheiben schön blank putzen, an Kreuzungen, bis dann dieser, ähm, Hitler auftauchte, der alleine aus Menschenverachtung, Rassenwahn und wegen ungesunder Ernährung, dieses fröhliche Völkchen einsammeln ließ, um inhumane Dinge mit ihnen zu tun, noch schlimmere als dieser Friedrich Wilhelm I. weshalb wir uns alle schämen. Müssen.

Bild: Unglaublich. Gleich nach der Rede des Abgeordneten Diez, und ihrer Veröffentlichung, machen sich verhetzte Deutsche an die Jagd auf Zigeuner. Mittels sogenannter Zigeunerfangkörbe, angebracht an Automobilen, werden arglose Schausteller brutal von der Landstraße entführt und sonstwohin verbracht. Verbrechen, die noch weitgehend unaufgearbeitet vor sich hindämmern.

2. Bild: Münsterberger Kreisblatt vom 22.05.1912. Zum 01.06.1912 wird Zigeunern das Herumziehen in Horden verboten. Zuwiderhandlungen werden mit 60 Mark oder 14 Tagen Haft bestraft.

7 Responses to “Mein Freund ist Zigeuner”


  1. 1 Prosemit 23. Mai 2012 um 10:05

    Der Rassismus in der vorrassistischen Zeit des Kaiserreiches war schrecklich.

    Man gab Millionen Goldmark(!) zur Förderung und Bildung der Neger aus.

    Ausserhalb des Mutterlandes. In den Kolonien, die trotz der heutigen politisch einzig korrekten Meinung des puren Ausbeutertums ein Zuschußbetrieb waren.

    Völlig politisch inkorrekt die Meinung, daß die Kolonien die einzige Blütezeit füt einige derselben waren.

    Und mit den Zigeunern war es immer schon ein Kreuz.

    Ich hatte schon einmal auf dieses lesenswerte Buch eines Zigeuners hingewiesen :

    Engelbert Wittich : Blicke in das Leben der Zigeuner

    http://www.gutenberg.org/ebooks/257

    Und ja, der Verfasser diese Zeilen hat seine sehr persönlichen Erfahrungen mit diesem fahrenden Volk gemacht, und ja, auch in Saintes-Maries-de-la-Mer

  2. 2 Sophist X 23. Mai 2012 um 10:10

    Ein prächtiges Fundstück. Friedrich Wilhelm I. wusste noch, wo man bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität ansetzt: Am Hals. Die Zahl der Migrationsinteressierten Räuber und Betrüger dürfte angesichts der Zahl der freien Galgenplätze auf einem historischen Tief gestanden haben. 1912 hatte man hingegen die Konsequenzen der Inkonsequenz zu tragen.

  3. 3 Karl Eduard 23. Mai 2012 um 10:29

    @Prosemit

    Der Link funktioniert nicht.

    @Sophist X

    Schön wäre, den Erlass selbst einmal zu sehen.

  4. 4 Sophist X 23. Mai 2012 um 10:52

    Evtl. da:
    http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/print_document.cfm?document_id=2723

    Bin hier grad leider ein wenig eingeschränkt und kann nicht weiterstöbern.

  5. 5 Karl Eduard 23. Mai 2012 um 11:38

    Danke für die Hilfe.

  6. 6 Prosemit 23. Mai 2012 um 12:03

    Es fehlte eine Zahl, hier die Zigeuner

    http://www.gutenberg.org/ebooks/25796

  7. 7 eulenfurz 23. Mai 2012 um 13:31

    Besonders schlimm treiben es die Zigeuner zur Erntezeit, wo die Dörfer wie ausgestorben sind, weil alles, was arbeitsfähig ist, auf den Feldern beschäftigt ist, und auf diese Weise den Zigeunern ihre Beute fast mühelos zufällt.

    Ja, sollen denn Zigeuner arbeiten sollen, hart wie die Bauern? Das ruft schreckliche Erinnerungen an Arbeitslager wach, und das bei unserer Vergangenheit! Hätte man ihnen ein Bürgergeld zugeteilt, hätten sie vielleicht niemals stehlen müssen!

    Und wie wichtig solche Auffangkörbe an Autos sind, sieht man hier:


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