18 Flaschen Bier

Ein Gewittersturm hat in Mittel- und Westmissouri großen Schaden angerichtet. 26 Personen sind umgekommen, der Materialschaden ist bedeutend. Die Städte Merwin, Adrian, Leason, Sedalia sind stark beschädigt. In Jonesville (Ohio) ist der Glockenturm der katholischen Kirche durch einen Tornado während des Gottesdienstes eingestürtzt. 3 Personen wurden getötet, darunter der Priester, der nach dem ersten Schreck den Gläubigen befahl, zu flüchten, während er selber blieb, um die letzten Sacramente zu spenden.

Köln, 18. Juni. Der Rhein ist in seinem Oberlauf über 2 Meter gestiegen. In Beuggen und Winseln sowie in Kleinlaufenburg herrscht Hochwasser. Vielfach mußten die unteren Stockwerke der Häuser geräumt werden. Voraussichtliche Witterung. Fortdauer des feuchten kühlen Wetters.

Selbstbewußte Burschen. Das Schöffengericht in Meinigen verurteilte einen Hausdiener zu 14 Tagen Gefängnis, der am Musterungstag in den Straßen gelärmt hatte und, als Polizeibeamte ihn zur Ruhe aufforderten, antwortete: „Ihr Schafsköpfe, Ihr habt uns gar nichts zu sagen; wir sind Sozialdemokraten!“

Ein gerichtliches Nachspiel zur Reichstagswahl. Die Reichstagsstichwahl in Mansfeld hatte ein gerichtliches Nachspiel vor der Strafkammer in Halle. In Biesdorf, wo man als Wahlurne eine schmale Kakesbüchse benutzte, die genau die Reihenfolge der Wahlkuverte festhielt, so daß bei insgesamt nur 54 Wählern das Wahlgeheimnis sehr gefährdet schien, verlangte der sozialdemokratische „Wahlkontrolleur“ Mädel, daß die Wahlkuverte vor Feststellung des Ergebnisses gemischt würden. Als der Wahlvorsteher das verweigerte, griffen Mädel und neun sozialdemokratische Arbeiter zu, entrissen dem Wahlvorsteher die Kuverte und mischten sie. Dabei zerrissen sie eine Anzahl Wahlzettel. Von der Strafkammer wurden Mädel und der Arbeiter Hoffmann zu je vier Monaten Gefängnis verurteilt, die anderen aber freigesprochen, weil sich nicht nachweisen ließ, wie weit sie sich schuldig gemacht hatten.

Unzulässige Vermerke auf Drucksachen. Neuerdings ist festgestellt worden, daß mit der Post Drucksachen verschickt worden sind, die auf der Außenseite Vermerke wie: „Nicht an Minderjährige abzugeben“, „Bitte diese Sendung nicht auszuhändigen, falls Adressat unter 16 Jahre alt ist“ und dergleichen. Solche Sendungen sind nach einer Entscheidung des Reichspostamts von der Beförderung auszuschliessen, da es nicht zu den Aufgaben der Postbeamten gehört, vor Aushändigung einer Postsendung Ermittlungen darüber anzustellen, ob der Empfänger oder der nach den Vorschriften der Postordnung zum Empfang Berechtigten ein bestimmtes Alter erreicht hat. *Coburger Zeitung 19. Juni 1912*

Portugal kolonisiert Angola durch israelitische Auswanderer. Berlin, 18. Juni W.) T.). Die portugiesische Kammer genehmigte einstimmig das Gesetz über die Kolonisation des Plateaus von Angola durch israelitische Auswanderer.

Tabora. Man schreibt uns:  „Einen Beweis dafür, wie wenig die Europäer hier seitens der Gerichte Unterstützung finden, gibt nachstehender Vorfall:

„Am 25. Mai ev. abends bemerkte ich, daß mein Boy betrunken war. Da ich die Suahelisprache noch nicht genügend beherrsche, bat ich zwei anwesende Herren, den Boy zu befragen, wo er sich betrunken habe. Nach einigen Ausflüchten gab er zu, mir 18 Flaschen Bier entwendet zu haben. Ich schickte den Boy an jenem Abend nach Hause. Die beiden nächsten Tage erschien er nicht zur Arbeit. Entlassen habe ich ihn nicht. In meinem Besitz befand sich seine Uhr, welche er mir übergeben hatte, um sie reparieren zu lassen, und sein Dienstbuch. Am dritten Tage brachte mir mein Wasserträger (den Boy habe ich überhaupt nicht zu Gesicht bekommen) einen Zettel des Gerichtes Tabora folgenden Inhalts:

Herrn Rieger

Ihr Boy Ali möchte seinen Lohn, seine Uhr und sein Arbeitsbuch haben. Er behauptet, von Ihnen entlassen worden zu sein. Ev. wird er Klage erheben. Tabora, 28. Mai 1912. gez. Wentzel, Sekr. des Kais. Bezirksgerichts.

Jeder dem Boy begegnende Europäer konnte Einsicht in den Zettel nehmen und es konnte dadurch der Anschein erweckt werden, daß ich meines Boys Uhr trüge und ihn entlassen hätte, ohne ihn gelöhnt zu haben. Lohn hatte der nicht mehr zu beanspruchen, da er für 12 Tage bereits über 6 Rp Vorschuß erhalten hatte. Am nächsten Tag kam der Boy selbst zu mir und ließ ich ihn durch einen Askari nach der Boma bringen. Dem Askari gab ich nachstehend angeführte Briefe für das Bezirksgericht und das Bezirksamt mit.

Tabora, den 28. Mai 1912. An das Kaiserliche Bezirksgericht Tabora.

Auf den Inhalt des mir von Ihnen zugestellten Zettels erwidere ich, daß ich das Kaiserliche Bezirksamt gebeten habe, meinen ehemaligen Boy Ali zu bestrafen: Abschrift dieses Briefes erhalten Sie in der Anlage zur Kenntnisnahme und weiteren Veranlassung.

Bei dieser Gelegengheit möchte ich darauf hinweisen, daß mir in Zukunft Mitteilungen Ihrerseits nicht auf einem offenen Zettel, sondern wie überall üblich, in einem verschlossenen Kuvert zugestellt werden. Hochachtungsvoll J. Rieger.

Tabora, den 28. Mai 1912.  An das Kaiserliche Bezirksamt Tabora.

Das Kaiserliche Bezirksamt bitte ich ergebenst, meinen Boy Ali, dessen Dienstbuch und Uhr ich hier beifüge, wegen Diebstahls zu bestrafen. Er entwendete mir am Sonnabend 18 Flaschen Bier, was er selbst zugestanden hat: Zeugen sind die Herren Schwieger und Pollaschek.

Lohn hat der Boy nicht mehr zu beanspruchen, da er für 12 Tage bereits über Rp. 6,00 Vorschuß erhalten hat. Vom Gericht erhielt ich die Mitteilung, daß der Boy evtl. Klage gegen mich erheben würde. Ich werde das Gericht bitten, den Boy an das Kaiserliche Bezirksamt zu überweisen.  Hochachtungsvoll J. Rieger. P. S. Die Uhr hatte mir der Boy übergeben, damit ich sie ihm reparieren lassen sollte. –

Von dem Gericht wurde mir nach einigen Tagendurch den Zustellungsbeamten folgender Brief in verschlossenem Kouvert zugeschickt:

Kaiserliches Bezirksgericht  Muansa, Amtstag Tabora.

Auf Ihr Schreiben vom 28. Mai 1912 teile ich Ihnen mit, daß nach Angabe von Herrn Sekretär Wentzel kein Grund vorlag, Ihnen die Mitteilung, welche Ihnen Ihr Boy persönlich überbracht hat, verschlossen zugehen zu lassen. Um in Zukunft entsprechende Korrespondenzen zu vermeiden, habe ich die Gerichtsschreiberei angewiesen, künftig Klagen Eingeborener gegen Sie entgegenzunehmen, ohne vorher den Versuch zu machen, die Sache gütlich beizulegen.

Tabora, den 30. Mai 1912. Dr. Radlauer.  Herrn Jakob Rieger Tabora.

Ich darf sie bitten diesen Fall, in ihrem geschätzten Blatt zur Sprache zu bringen. Jakob Rieger“. Ein Kommentar zu Vorstehendem ist eigentlich überflüssig. Die Art und Weise des Vorgehens des Kaiserlichen Bezirksrichters in Tabora ist unseres Erachtens jedenfalls nicht geeignet, das Vertrauen der deutschen Bevölkerung im Schutzgebiet in die Rechtsprechung zu erhöhen, und dieser Fall zeigt wieder auf das Deutlichste, wie notwendig es ist, daß die Bezirksrichter genau mit Land und Leuten vertraut sind.

Wir können nur hoffen, daß das Kaiserliche Bezirksamt in Tabora einsichtiger gewesen ist und den Ali außer wegen Diebstahls noch exemplarisch wegen wissentlicher Falschanschuldigung eines Europäers bestraft hat. Wird gegen den Mißbrauch der Gerichte durch haltlose Klagen und Verdächtigungen verlogener Eingeborener nicht bei Zeiten Front gemacht, so wird das bald schlimmste Folgen zeitigen. Der Europäer ist dann fast immer der Geschädigte, da er sich nur in den seltensten Fällen wegen der erlittenen Zeitversäumnis und der ihm entstandenen Kosten an dem Eingeborenen wird schadlos halten können.

Also entweder vorherige Prüfung der wahrscheinlichen Berechtigung der Eingeborenenklage, sei es durch das Bezirksamt oder durch das Gericht selbst, oder zum mindesten sofortige und exemplarische Bestrafung im Falle haltloser und böswilliger Klagen. *Deutsch Ostafrikanische Zeitung 19.06. 1912*

Bild: Deutschland kolonialisiert Deutsch – Ostafrika mittels Eisenbahnen und Beamten. Letztere gehen unbarmherzig gegen die Unterdrückung durch weiße Kolinalherren vor, die ihr Bier mit der eingeborenen Bevölkerung nicht teilen wollen. Teilhabe ist keine Erfindung neuzeitlicher Linker.

4 Antworten to “18 Flaschen Bier”


  1. 1 Prosemit 19. Juni 2012 um 14:39

    Um in Zukunft entsprechende Korrespondenzen zu vermeiden, habe ich die Gerichtsschreiberei angewiesen, künftig Klagen Eingeborener gegen Sie entgegenzunehmen, ohne vorher den Versuch zu machen, die Sache gütlich beizulegen.

    Diese Art der Disziplinierung ist sehr zeitgemäß. Es hat sich nichts geändert.

    Danke, Karl-Eduard für die immer wieder interessanten Rückblicke.

  2. 2 Karl Eduard 19. Juni 2012 um 20:29

    Und Danke, daß Du mir die Quellen erschlossen hast. 🙂

  3. 3 Hildesvin 19. Juni 2012 um 21:29

    Daß sich nichts geändert hat, haben schon die lütten Poppys in den 70ern gesungen. Inzwischen hat sich aber doch einiges geändert: Das Messer in den Buckel ist „Körperverletzung mit tödlichem Ausgang“ – Zwei Jahre auf Bewährung. Nennt man wohl Tikun Olam oder so…
    (Das Messer in den Schluckknorpel eines Ismaeliten in eindeutiger Notwehr ist natürlich Mord aus Rassenhass.)

  4. 4 Beipflichter 20. Juni 2012 um 15:13

    Man könnte auch den Verdacht hegen, dass beim Bier schon immer der Spass aufgehört hat, und vor allem der Amtschimmel in den sprichwörtlichen Bierernst verfallen ist.


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