Archiv für 22. Juni 2012

Schnipp schnapp schnurre

Unterhaltsames aus der *Coburger Zeitung von 22. Juni 1912*: Unliebsame Verwechslung. Ein amerikanisches Blatt erzählt: Walter L. Fischer, der Sekretär des Innern, hatte bei einem Bankett eine Dame als Tischnachbarin, die er für Frau P. hielt, deren Gatte nach den Philippinen abkommandiert war. Es war Hochsommer und die unerträglich heiße Witterung gab Stoff zur Unterhaltung. „Gnädige Frau, wir sollten uns nicht über die Hitze beklagen, wenn wir das bedeutend heißere Klima bedenken, in dem sich Ihr Gatte jetzt aufhält.“ Die Dame errötete und kehrte dem Sprecher entrüstet den Rücken. Herr Fischer wußte nicht, womit er seine Nachbarin beleidigt haben konnte, bis ihm seine Tischdame zur LInken zuflüsterte: „Sie scheinen Ihre Nachbarin nicht zu kennen; das ist Frau R., die Gattin des Obersten R., der vor einem Jahr gestorben ist.“

Sie „weiß es“. Aus dem Leserkreise wird der „Deutschen Ztg.“ geschrieben: Unser Mädchen für alles, Hulda – eine schwarzlockige, rotwangige Provinzsächsin – erfreut sich der besonderen Anhänglichkeit unseres Jungen (2. Vorschulklasse D.) und sucht sich durch gelegentliche Hilfe bei seinen kleinen Nöten und Beschwerden dafür erkenntlich zu erweisen. Neulich war ich vom Nebenzimmer Zeuge folgender Unterhaltung zwischen ihr und dem Jungen, der sich am Fenster mit seinen Schularbeiten abquälte; die Sonne lachte und lockte draußen und er konnte oder mochte seine Gedanken, die immer wieder auf die Straße eilten, nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit seiner schriftstellerischen Tätigkeit zuwenden; er war sozusagen denkfaul.

Heinz: „Hulda, schreibt man eigentlich den Genitiv von „die Bank“ groß oder klein?“  – Hulda (nach einigem Überlegen): „Ja, Heinzchen, was Jentiff is, weiß ich nich, sonst aber kommts drauf an: wenn Du „der“ Bank meinst, wo Du drauf sitzt, so schreibt mans groß; meinst Du aber: „mich is bang“, so schreibt man es lieber klein.“

Über die Schülerselbstmorde veröffentlicht Dr. R. Hennig in der „Umschau“ einen sehr lesenswerten Artikel, in dem es u. a. heißt: „unendlich viel mehr als die eigentlichen Schulereignisse trägt das Verhalten bornierter Eltern die Schuld an der Zunahme der Schülerselbstmorde! Wenn man heute in der Großstadt „moderne Kindererziehung“ sich etwa in der Weise betätigen sieht, daß nahezu in jeder Vorstellung von „Frühlings Erwachen“, „Sodoms Ende“ und ähnlichen Theaterstücken 14-, 12 -, und selbst 10jährige Kinder neben ihren Eltern im Theater sitzen, wenn halbwüchsige Jöhren im teuren Ballkleid die halbe Nacht durchtanzen und Sonntag mittag Lebe – Babys in kurzen Hosen und kurzen Röckchen ihre „Spazierbummel“ in den gleichzeitig von den „Damen der Straße“ bevorzugten Straßen unternehmen, wenn gewissen Eltern dulden, daß ihre schulpflichtigen, „höheren Töchter“ in Kleidung und Benehmen den Damen vom horizontalen Gewerbe zum Verwechseln ähneln, so kann man sich nicht wundern, wenn aus solchen Pflanzen wurmstichige Individuen hervorwachsen, die auf jeden energischen Versuch, sie in der Schule auf den Pfad der Pflicht zurückzuführen, mit den im Theater und im „Kino“ gelernten Sensationshandlungen antworten.

An den Schülerselbstmorden sind fast immer die Eltern und ihre „modernen“ Erziehungsmethoden schuld, höchst selten die Schule. Aber eben solche Eltern sind dann zumeist geneigt, die „Überbürdung“ der Schüler im Unterricht für alle Verrücktheiten und Narreteien ihrer Sprößlinge verantwortlich zu machen! Und die Schulbehörden lieben es zurzeit nun gar zu sehr, jedem derartigen kindischen Lamento nachzugeben, die „Überbürdung“ der „nervösen“ Kinder  immer mehr einzuschränken und die Folgen des „gekränkten Ehrgeizes“ dadurch aus der Welt zu schaffen, daß man den Ehrgeiz in der Schule überhaupt abtötet und die fleißigen Schüler mit den schlechten – pardon! mit den „nervösen“ tunlichst über einen Kamm schert. Die Folgen dieser Erziehungsmethode werden auf Dauer sicher nicht ausbleiben. Aber sie werden sich nicht in einer Abnahme der Schülerselbstmorde und der Nervosität äußern, sondern in einem steten Sinken der Gesamtleistung unserer Schulen.

Nachtrag:Lehrerselbstmord *Mit Rute, sagt der Blogwart, wär das nicht passiert.

Eine Ehrung für den Gelehrten Robert Koch. Eine Gedächtnisfeier für den verstorbenen deutschen Bakteriologen Professor Dr. Koch fand, der „Weser Ztg.“ zufolge am 27. Mai auf dem Gelände des Laboratoriums für Infektionskrankheiten in Tokio statt. Unter den Anwesenden sah man die Witwe des verstorbenen Gelehrten, die auf einer Besuchsreise in Japan weilt, den deutschen Gesandten und das Personal der Gesandschaft, zahlreiche Vertreter wissenschaftlicher und medizinischer Körperschaften.  Die Feier wurde vor dem Gedächtnisschrein, der für Professor Koch dort errichtet wurde, abgehalten und wurde nach dem Shinto – Ritus geleitet. Zahllose Opfergaben wurden auf dem Schrein niedergelegt. Der Schrein ist aus Zypressenholz angefertigt, mit einem kupfernen Dach versehen und enthält eine Photographie und eine Locke des Gelehrten.

Bild: Canadische Radfahrerinnen, um 1900, werden in voller Fahrt von Schlangen überfallen. Nur zu verständlich, Schüler, die sich im Elternhaus solcher Presse ausgesetzt sehen, werden nervös, reifen zum wurmstichigen Individuum heran und taugen schliesslich nur noch zum Volksvertreter.


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