Der Friede muß bewaffnet sein

1914 bricht ja aus heiterem Himmel und durch deutsche Schuld der Erste Weltkrieg aus, lernt man heute. Deutschland ist bereits damals nur von Freunden umgeben, die lediglich sein Bestes wollen, wie die *Freiburger Zeitung am 27.06.1912* berichtet.

Frankreich und die deutsche Wehrvorlage.

Von einem militärischen Mitarbeiter. Wenn bisher noch Zweifel bestanden, so schreibt die R. G. C. (?), ob die vom deutschen Reichstage mit großer Mehrheit angenommene Wehrvorlage ein sicheres Mittel zur vorläufigen weiteren Erhaltung des Friedens sei, so sind diese Zweifel durch die letzten Beratungen über den Heeresetat der französischen Kammer wohl gründlich beseitigt worden.

Verstummt ist das Revanchegeschrei des vorigen Winters und Frühjahrs, das lebhaft an die Zeit vor Beginn des Krieges 1870 erinnerte und sicher auch zum Kriege geführt haben würde, wenn die Engländer die dazu unbedingt erforderlichen 150 000 Mann Landungstruppen bereit gehabt hätten.

Bild: Im Frühjahr 1912 zeigt Frankreich, was es im Kriegsfalle aufbieten will. Die Zuschauer sind begeistert.

Die jetzige Stimmung in Frankreich wird zutreffend von dem bekannten Senator Humbert in der France militaire geschildert, der die augenblickliche europäische Lage „voller Besorgnis und Unsicherheit“ allein auf den italienisch – türkischen Krieg und – die deutsche Wehrvorlage zurückführt. Nicht einmal der englischen Flotte traut Herr Humbert mehr; er hält die Bedingungen, unter denen die deutsche Flotte einen Überfall auf die englische wagen kann, für viel günstiger als die der Japaner bei Port Arthur und behauptet, daß die erste Linie der englischen Flotte unfähig sei, dem heimlich auf Kriegsstärke gebrachten gesamten deutschen Geschwader Stand zu halten, sowie erst einmal fünf oder sechs Kreuzer in den Grund gebohrt oder kampfunfähig gemacht sind. Wenn die Engländer glaubten, den teuer bezahlten Sieg der Deutschen mit dem zweiten Geschwader wieder ausgleichen zu können, so mache das dem Gedankengang der Engländer alle Ehre, zeige aber auch, wie sich die Engländer in der Beurteilung Deutschlands irren.

In der denkwürdigen Sitzung vom 18. Juni aber suchte Major Driant, der Abgeordnete von Nancy, klar zu machen, daß Deutschland infolge der Wehrvorlage ein um 200 000 Mann stärkeres Friedensheer besitze als Frankreich und daß, wenn der Kriegsminister behaupte, die Stärke Frankreichs läge in den Reserven, zu bedenken sei, daß die deutschen Reserven sich erst sammeln, nachdem das aktive deutsche Heer bereits einen entscheidenden Stoß gegen das unzureichende französische  Bollwerk geführt habe, wogegen die französischen Reserven mitten in den Strudel hineingeworfen werden müßten.

An Selbstbelobung fehlt es natürlich dabei nicht. Frankreich hat das beste Geschütz der Welt, nun müsse es aber noch das beste Gewehr haben und dies durch Einführung des automatischen Gewehrs erreichen; möge das auch 600 Millionen kosten; der Vorteil bestehe darin, daß Deutschland das für seine Heeresverstärkung eine Milliarde (?) ausgebe, nach den soeben gebrachten Opfern hierin nicht fortfahren könne. Driant wies auch darauf hin, daß Deutschland 1200 Geschütze mehr aufs Schlachtfeld bringe und daß es am 1. Okt. 1912 mit vier verstärkten Armeekorps bereit stehe zum Einmarsch nach Frankreich, daß diese Korps sogar bereits unter das Kommando eines an der Grenze untergebrachten Armeeführers gestellt seien.

Wir sehen, wie sich hier das bereits vor 25 Jahren erlebte Schauspiel wiederholt, daß die französische Streitsucht durch die zweifellose Kriegsbereitschaft des deutschen Heeres zum Schweigen gebracht wird, damals tat die unerwartete Einführung des Repetiergewehres dieses Wunder. Wir können mit dem Stand der Dinge somit sehr zufrieden sein; mag man über die neue Heeresvorlage denken wie man will, sie hat fraglos ausgereicht, uns den Frieden zu erhalten. Und der alte Spruch, daß man zum Kriege rüsten soll, wenn man den Frieden erhalten will, hat sich von neuem glänzend bewährt. v. W.-F.

3 Responses to “Der Friede muß bewaffnet sein”


  1. 1 Prosemit 28. Juni 2012 um 10:48

    Interessant wird es in zwei Jahren, wenn der Blogwart weiterliest….

    Ein Tenor zieht sich durch die gesamte Zeitungslandschaft, besonders durch die illustrierte Presse (Die Woche oder Berliner Illustrierte). Es war für den fleißigen Leser völlig unverstellbar, daß es erstens in Kürze den ersten Weltkrieg geben sollte und daß er zweitens mit Elend, Hungersnot und Millionen Toten endet.

    In der französischen Presse wurde aber die Schmach des Verlustes der Grand Nation seit vierzig Jahren wach und lebendig gehalten.

  2. 2 Karl Eduard 28. Juni 2012 um 11:02

    Der Blogwart hofft, daß er durchhält.

  3. 3 Rucki 28. Juni 2012 um 16:56

    Die Grand Nation ist heute die viert-grösste Atomwaffenmacht.

    Ich wollt es nur mal so gesagt haben.

    In Frankreisch nimmt ja auch die Zahl der muselmanischen Bevölkerung stetig zu, so dass sich auch dort mal andere Machtverhältnisse ergeben könnten, nur mal so als Gedankenanstoß.

    Wenn auch Schland endgültig bankrott ist, dank der Fürsorge unserer Volksverräter, das Restvolk aufmuckt, weil es plötzlich merkt das mit Falschgeld gespielt wurde, weil es nichts mehr zu beissen gibt, die Sozialsysteme zusammenbrechen, die Städte in Bürgerkriege versinken, weil es Gazastreifen nicht nur im Nahen Osten, sondern auch bei uns gibt, und der Michel nach Lösungen schreit die unserem lieben Nachbarn Frankreisch nicht gefallen, was dann?

    @Prosemit zitiert:

    “ Es war für den fleißigen Leser völlig unverstellbar, daß es erstens in Kürze den ersten Weltkrieg geben sollte und daß er zweitens mit Elend, Hungersnot und Millionen Toten endet.“

    Das war 1912.

    Wir schreiben das Jahr 2012.

    Es war für den fleißigen Leser völlig unverstellbar, daß……


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