Archiv für 8. August 2012

Linientreu bis zum Tod

Künftige Olympioniken, die für Deutschland starten, müssen zuvor ihre Linientreue beweisen müssen. Hört man. Im Deutschland 1933 bis 1945 war das unkompliziert. Herauszufinden, was die Linie ist. Der Führer und Reichskanzler war ein guter Mann und die nationalsozialistische Bewegung war das Beste, was Deutschland seit langem passiert war. In der DDR dasselbe. Die Arbeiterklasse ist die führende Kraft, die unter der Leitung der SED und des Genossen Honecker, den ersten Arbeiter – und Bauernstaat auf deutschem Boden errichtete, ein Paradies der Werktätigen. Wer das nicht verinnerlichte oder anzweifelte, der war eben nicht linientreu. Also auch nicht olympiawürdig. Um das zu vermeiden gab es ja die Organisation der Jung – und Thälmannpioniere und die Freie Deutsche Jugend der DDR. Die brachten den Kindern schon die Linie bei. Ohne große Brüche. Außer beim Tode Stalins. Die Ideologie war aber immer dieselbe.

Jetzt aber wird es kompliziert. Was ist die Linie in der Bundesrepublik Deutschland? Das hier ist ja bekanntlich und weil sie so genannt wird, eine parlamentarische Demokratie. Parteien mit verschiedenem ideologischen Inhalt streiten um die Wählergunst und die Regierung. Sollen sie jedenfalls.

Je nachdem, wer die Regierung stellt, gibt die Linie vor. Die kann aber tatsächlich alle Jahre wechseln. Je nach Wählergunst. Was heute Linie ist, kann morgen schon das Gegenteil davon sein und wer heute an den merkelgemachten Klimawandel glaubt oder daß Einwanderung uns bereichert, kann in zehn Jahren dafür durchaus als Volltrottel gelten, der es doch eigentlich hätte besser wissen müssen.

Was soll also die Linie sein, an der sich die Linientreue messen lassen muß? Das Grundgesetz? In seiner damaligen Form bei Gründung oder in dem Zustand, in den es die Parlamentarier versetzt haben? In dem es praktisch nichts mehr wert ist. Die Freiheitlich Demokratische Grundordnung? Was soll das sein? Sie wird andauernd im Munde geführt aber keiner weiß, was das eigentlich ist. Grundordnung ist ja noch vorhanden. Aber Freiheit und Demokratie? Ja, wo laufen sie denn, wo laufen Sie denn hin? Besser, wo sind sie denn geblieben?

Woran werden sich spätere Sportler also orientieren müssen? Um als Linientreu zu gelten. Und wie können sie die Linientreue beweisen, wo es in einer parlamentarischen Demokratie doch keine allgemein und für immer gültige Linie geben kann und darf, es sei denn, sie ist nur ein großes Theater um die tatsächlich vorhandene Mehrparteiendiktatur zu kaschieren. Das kann ja, meint der Blogwart, noch heiter werden. Für die Sportler.

Bild: Frauen zelebrieren soziale Gesten. In einer Diktatur ist Linientreue ganz leicht. Man jubelt dem Führer oder dem Generalsekretär zu, zeigt den Nachbarn an, weil er Westradio gehört hat oder die Junge Freiheit bezieht und solange der Diktator lebt, kann man nichts falsch machen, wenn man sich an die Linie  hält. Was aber, wenn die alle Wahljahre wechselt?

Der Tod der Kaiserin der Herzen

Am 10. September 1889 wurde Österreichs Kaiserin Elisabeth ermordet, als sie, so völlig ohne Bodyguards und Scharfschützen auf den Dächern, ohne weiträumige Polizeiabsperrung und zugeschweissten Kanaldeckeln, einfach zu Fuß ging, von einem Manne, der irgendwen Hochstehenden ermorden wollte. Weil der Blogwart gerade Zeit hat und ihn das interessierte, übersetzt er folgendes.


Die Wiener Illustrierte Zeitung schreibt 1889: Wie sich das Entsetzliche ereignete. Aus Genf liegt eine erschütternde Darstellung des Sterbens der Kaiserin vor. Gräfin Sztaray, die stete Begleiterin der Kaiserin Elisabeth, erzählt das entsetzliche Ereignis folgendermaßen.:

„Wir waren Freitag mittag in Genf angelangt und im Hotel Beaurivage abgestiegen. Die Kaiserin wollte wie im vorigen Jahre Genf besichtigen. Sie machte Promenaden am See und besuchte auch den Park und die Villa des Baron Adolf Rothschild. Am Samstag sollten wir mit dem Dampfer über Territet nach Caux zurückkehren. Die Kaiserin zog immer die Fahrt mit dem Dampfer vor, während die Herren der Suite die Eisenbahn benützten. Gegen 2 Uhr sollte der Dampfer abgehen. Majestät war sehr heiter, bei bester Laune und ausgezeichnetem Wohlbefinden. Um halb 2 Uhr verliessen wir das Hotel und die Kaiserin ging mit mir zum Landungsplatze. Wir schritten ruhig auf dem Trottoir des Quai du Montblanc dahin, welches dem See zu liegt. Da sah ich, wie ein Mann raschen Schrittes seitwärts von dem im Hafen liegenden Schiffe an uns heran kam. Er näherte sich der Kaiserin, passierte rasch einen Baum, welcher zwischen ihm und uns stand, und ganz nahe der Kaiserin schien er zu straucheln. Er machte eine Bewegung mit der Hand. Ich meinte, das geschähe, um sich beim Stolpern aufrecht zu halten. Dann lief er weiter.

Die Kaiserin hatte eine Bewegung nach rückwärts gemacht und sank zusammen. Ich fing sie in meinen Armen auf. „Ist Majestät nicht wohl?“ fragte ich. Die Kaiserin antwortete: „Ich weiß nicht!“ – „Das ist wohl vom Schrecken,“ erwiderte ich und fügte bei: „Fühlen Majestät Schmerzen?“ Die Kaiserin antwortete: „Ich weiß es nicht zu sagen; ich glaube an der Brust etwas Schmerzhaftes zu fühlen.“

Wir schritten weiter. Ich sagte: „Wollen doch Majestät meinen Arm nehmen!“ Die Kaiserin meinte darauf: „Danke, nein.“ Ich versuchte sie doch zu unterstützen, aber es war kaum nötig. Wir bestiegen das Schiff. Auf demselben angelangt wendete sich die Kaiserin mit der Frage an mich: „Bin ich sehr blass?“  – „Jawohl, Majestät, das ist vor Aufregung.“ In diesem Augenblick sank die Kaiserin neuerlich zusammen; sie hatte das Bewußtsein verloren.

Ich und einige Damen auf dem Schiffe labten die Monarchin. Ich hielt das Unwohlsein für einen Nervenanfall, welcher hoffentlich bald vorübergehen werde. An ein Attentat dachte ich nicht und konnte keine Idee davon haben. Der Vorgang auf dem Quai – Trottoir hatte sich so rapid abgespielt, Ich sah keine Waffe in den Händen des Mannes. Als wir die Kleider der hohen Frau lösten, um ihr Luft zu schaffen, bemerkten wir keine Blutspuren.

Die Kaiserin kam zu sich. Sie erhob sich und sagte mit klarer Stimme: „Was ist denn eigentlich geschehen?“  Dann sank sie zurück. Leichenblässe überdeckte ihr Antlitz. Sie atmete schwer; dann ging der Atem in Röcheln über.

Das Schiff war abgedampft. Ich bat den Kapitän, zurückzufahren. Wir langten wieder im Hafen an. Die Kaiserin war vollkommen bewußtlos. Sie wurde in ein Zimmer des Hotels gebracht, wo sie nach wenigen Minuten den Geist aufgab.“

Die Kaiserin starb also, ohne erfahren zu haben, daß sie das Opfer eines Attentats geworden. Erst an der erkalteten Leiche nahm man wenige Blutspuren wahr. Die Blutung war nach innen erfolgt.


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