Tag des Bauarbeiters

Heute hat der Blogwart doch völlig den Tag des Bauarbeiters verpennt, also den Tag, an dem die Regierung der DDR ein gewaltiges Arbeitsbeschaffungsprogramm auflegte und im August 1961 den „Antifaschistischen Schutzwall“ errichten liess, der schützte die Deutsche Demokratische Republik fortan vor Faschisten, Militaristen und sonstigen -isten, insbesondere aber seine Einwohner, die ja nun des Nachts nicht mehr von den Faschisten überfallen werden konnten, um ihnen ihr sauer Erspartes wegzunehmen und in einen Starfighter zu investieren. Beispielsweise. Ein Erfolg war sofort sichtbar. Die Diebstahlsrate am Eigentum der Werktätigen und dessen Verschleppung nach dem Westen sank gegen Null. Was die Verschleppung betrifft. Auch nach Polen wurden kaum noch Trabants, Wartburgs oder Moskwitschs entführt, obwohl man dort auf solch eine Mauer verzichtete. Das Beispiel war wohl genug. Schlagartig hörte auch die illegale Einwanderung auf.

Was zuvorderst an westlichen kommunistischen Pfarrern, Lehrern oder Schauspielern heimlich und bei Nacht und Nebel eingewandert war, um im Arbeiter – und Bauernstaat um Asyl zu ersuchen, mußte das nun offiziell tun. Und bei Sonnenlicht. Die DDR nahm aber nicht jeden. Nur die Klassenbewußtesten, falls es da überhaupt eine Steigerung gibt. Der Vater der derzeitigen Bundeskanzlerin war auch einer. Klassenbewußt. Er floh die Freiheit und wählte die Unterdrückung. Ein Unterdrückungsheld. Streng nach Drygalla – Maßstäben gemessen, konnte das natürlich nicht ohne Folgen bleiben. Im Umfeld. Der Familie. Das Ergebnis erleiden wir jetzt.

Heute wissen wir aber, daß die Mauer, wie sie liebevoll genannt wurde, ein Unterdrückungsinstrument war, das die Menschen der DDR daran hindern sollte, in Freiheit zu leben. Und sie hatten noch Glück. Also nicht das mit der Unfreiheit. Sie hatten Glück, weil die Freiheit und die Menschenrechte nicht herbeigebombt wurden. Heutzutage sagen ja die deutschen Intellektuellen, daß für die Freiheit kein Preis zu hoch sein darf, vorzugsweise, wenn ihn andere zahlen. Mal Hunderttausend Leute totzuschiessen, damit sie nachher frei sind – kein Problem. Aber die Kinder haben es ja dann besser. Oder die Enkelkinder. Oder die Urenkel. Wobei man natürlich bedenken muß, Leute, die um der Freiheit wegen sterben müssen, die kommen nicht mehr zum Zeugen. Sie dienen höchstens noch dazu. Als Zeugen. Gegen ein Unrechtsregime. Viele Menschen sind ja damals auch an der Mauer gestorben.

Weil sie nicht robust genug waren. Einige 7,62 mm – Projektile im Körper, das verkraften nicht viele Leute. Auch nicht diese Grenzsoldaten. Es gab damals sogar einen „Schiessbefehl“ hat die demokratische Presse herausgefunden. Menschen, die ein bestimmtes Gebiet betreten, mit der Absicht, das Arbeiter- und Bauernparadies zu verlassen, sollten erschossen werden. Klar, daß die sich nicht mit Befehlsnotstand herausreden konnten. Jeder moralisch anständige Mensch weiß, was man tun darf und was nicht, das steht in den 10 – oder den Geboten der Jungpioniere. In letzteren stand natürlich nicht, schiesse keinem Klassenfeind in den Rücken, sondern sag ihm, er soll sich vorher umdrehen. Sooo plump war die DDR auch nicht.

Dennoch ist es aber verwunderlich, daß heutige Volksvertreter oder Juristen so agieren, wie sie es tun, als hätten sie einen Persilschein in der Tasche. Einen Freibrief, der ihnen nach der nächsten Revolution volle Immunität garantiert. Oder, um mit Feldwebel Kylon zu sprechen: „Wie dumm kann man eigentlich sein?“ Mit Revolutionen ist es nämlich wie mit Erdbeben. Man glaubt, man sitzt in einer seismisch sicheren Zone und schiebt das Grollen und Grummeln, das die ganze Zeit leise zu hören ist, auf die nahe Autobahn. Oder meint jemand, dem Genossen Honecker, 1961 Vorsitzender der Freien Deutschen Jugend der DDR, hätte einer 1961 gesungen, daß in 27 Jahren alles vorbei ist? Und er muß sich in einem ostdeutschen Pfarrerhaus verkriechen? Aus Angst vor dem Volkszorn.

Die wichtigste Lehre, die man also ziehen kann, aus dem Tag des Bauarbeiters, ist, sich rechtzeitig um seine Flucht zu kümmern. Und deshalb, liebe Leser, ist Reisefreiheit auch eines der wichtigsten westlichen Freiheitswerte. Als Volksvertreter kann man schon jetzt schauen, was ein angehmer Alters – und Asylsitz ist. Vorzugsweise natürlich solche Länder, die nicht ausliefern. Und wo die Sonne scheint. Zur Not gibt es auch immer noch einen letzten Hubschrauber. Mit begrenztem Platz. Der Rest hat dann eben Pech gehabt.

5 Responses to “Tag des Bauarbeiters”


  1. 1 Beipflichter 13. August 2012 um 17:45

    Eins vertehe ich nicht ganz. Die Familie Hosenanzug wanderte doch schon 1954 ins AAbäida-und-Bauann-Paradies ein. Das grosse „Bauaabäida-Denkmal“ wurde doch erst 1961 von „Kein-Mensch-hat-dieAbsicht…“ hochgezogen. – Demzufolge könnte er durchaus ein faschistsichmilitaristischkapitalistsichrevanchistischer Agent gewesen sein. Die Geschichte bestätigt doch solch eine Vermutung. Denn seine älteste hosenanzügliche Ablegerin ist zur Oberkanzereuse des revanchistischen Nazi-Nachfolgerreichs avanciert.

  2. 2 Gutartiges Geschwulst 14. August 2012 um 00:00

    Zur Feier des Tages, die Hymne der Bauarbeiter:

  3. 3 Karl Eduard 14. August 2012 um 05:12

    @Beipflichter

    Nicht auszudenken.

  4. 4 Waffenstudent 14. August 2012 um 10:49

    2012: Ab sofort wöchentlicher offizieller Klassenkampf zwischen den Arbeitern der Faust und den Arbeitern von VEB-Guck-und-Horch! Ohne erneute Mauern wird sich die Meute der Kollaborateure nicht sicher fühlen!

    http://www.spiegel.de/sport/fussball/polizei-setzt-v-maenner-in-der-fussball-fanszene-ein-a-849864.html

  5. 5 TerrorZwerg 17. August 2012 um 01:15

    Aba schön gefetet hama am Tag des Bauarbeiters immer, quasi dienstlich besoffen. 😆


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