Archiv für 6. November 2012

Der Balkankrieg

Eine der blutigsten und greuelvollsten Schlachten, die die Weltgeschichte kennt, ist eben beendet worden und ein tragisches Staatenschicksal ist damit besiegelt. Die Türken sind nach einem wahrhaft heroischen Kampfe, der länger als eine Woche währte, entkräftet zusammengebrochen. Was die feindlichen Geschosse von ihrer tapferen Armee übrig ließen, das hat der Hunger zermürbt und der Schrecken zermalmt. Die türkische Armee ist nicht mehr, nur Bruchstücke von ihr sind es, die hinter die Tschadaldschalinie wieder mühsam zusammengeleimt werden können, Scherben und ausgebrannte Schlacken einer Masse, der vor wenigen Stunden noch ein fanatischer Wille zum Erfolg stählernes Gefüge zu geben schien.

Die Niederlage der türkischen Armee ist vollständig und vernichtend; aber daran ist nicht zu zweifeln, daß der türkische Soldat sein Äußerstes und schier Übermenschliches geleistet hat, um sie zu verhindern. Die ersten Ereignisse dieses kurzen und doch so ereignisreichen Feldzuges schienen an dem Bilde, das man  bis dahin von dem türkischen Soldaten hatte, zu rütteln; aber gerade die wirkliche, die entscheidende Niederlage hat gezeigt, daß sie keine Schuld trifft an dem Unglück, das mit eherner Notwendigkeit über einen Staat, der längst nicht mehr ihre Sache ist, hereinbrechen mußte. Der türkische Soldat hat nicht, wie man wähnte, versagt, sondern jenes Maß von militärischem Heldentum und selbstmörderischer Hingebung, dessen man ihn für fähig hielt, vollauf bewährt. So geduldig und ergeben, wie er im Frieden die schwersten finanziellen Opfer gebracht hat, so leidenschaftlich, so wutentbrannt und so zähe hat er mit dem unvergleichlich stärkeren und an Tapferkeit ihm ebenbürtigen Gegner gerungen, als man ihn für die verlorene Sache in die Schlacht führte.

Was man früher nur ahnen konnte, tritt jetzt klar zutage. Die türkische Armee ist bei Lüle Burgas im Verzweiflungskampf erlegen, weil sie physisch viel zu schwach war, den Sieg zu erringen, den sie nach ihrer moralischen Beschaffenheit – moralisch im militärischen Sinne – erringen hätte müssen. Sie hat jedenfalls so gekämpft, daß sie ihn gegen lauere Feinde, als die von ähnlichem Opfermut und noch tieferer Leidenschaft beseelten Bulgaren,  wohl errungen hätte, selbst dann, wenn der Feind an Zahl stärker gewesen wäre. Man weiß jetzt, daß die türkische Armee in keinem Moment der Schlacht mehr als hunderttausend Mann stark gewesen ist, wo die Türken obendrein den Wirkungen der bulgarischen Artillerie fast wehrlos preisgegeben waren, weil die eigene in kläglicher Unzulänglichkeit völlig versagte, bedenkt man ferner die türkische Verwaltung, indem sie Truppen buchstäblich hungern ließ, sich wie immer als der beste Bundesgenosse des Feindes bewährte, dann kann man nur staunen über diese armen Nizams, Redifs, die nach unrettbar verlorener Schlacht noch einmal stürmisch zum Angriff vorgehen, den starken Gegner noch einmal zurückdrängen und ihn fast in einer Woche währenden Kämpfen den sicheren Sieg streitig machen, ehe sie entkräftet zusammenbrechen.

Die türkische Regierung hat sich infolge der letzten entscheidenden Niederlage des ottomanischen Heeres an die Mächte mit dem Ersuchen gewendet, zwischen der Türkei und den Balkanstaaten zu vermitteln. …   *Wiener Illustrierte Zeitung 10.11.1912*

Bild: Die Türken fliehen vor Serben, Bulgaren, Montenegrinern und Albanesen, dabei gibt es doch gar keinen Grund dafür. Wenn sie unsere heutigen Zeitungen lesen würden, würden sie lesen, daß es sich lediglich um Befreier handelt, die auch dem türkischen Volk Freiheit, Demokratie und Menschenrechte bringen wollen und dafür darf einem doch kein Opfer zu gering sein. Oder nicht?


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