Archiv für 4. Januar 2013

Evolutionspause

Teresina NegriVor 100 Jahren tobt der Balkankrieg. Die slawische Bevölkerung fällt über das geschwächte osmanische Reich her, um die eigenen Staatsgebiete auszuweiten. Irgendwann gehörten die mal Serben, Albanern, Bulgaren, Rumänen oder Griechen. Heute würden wir ganz wild: „Revanchismus, Revanchismus!“ rufen und von der Unverletzlichkeit der Grenzen phantasieren, obwohl uns jeden Tag vor Augen geführt wird, daß Grenzen in dieser Welt nichts gelten, wenn der Stärkere beschliesst darauf – und auf internationale Verträge zu pfeifen. Insofern hat sich das Denken der Demokraten nicht weiterentwickelt, trotz aller Beteuerungen. Hier hat die Evolution offensichtlich eine Pause gemacht, wenn sie nicht gar beschlossen hat, einen Schritt zurück zugehen.

Der Panamakanal, noch nicht fertiggebaut, wird durch die VSA 1913 militärisch befestigt, Amerika den Amerikanern, so lautet die Monroe – Doktrin, die das Handeln der Weltmacht bestimmt. Was sich wie schlimmer Nazikram anhört, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Amerika den Amerikanern. Europa den Europäern, Asien den Asiaten und Afrika den Afrikanern. Jedem das Seine. Auch das ist schlimmer Nazikram aber es ist ja erst 1913, nicht 1933.

Wem gehört der Panamakanal? Die Frage ist nicht so töricht, wie es auf den ersten Blick scheinen möchte. Das Besitzrecht über den größten und voraussichtlich wichtigsten Kanal des internationalen Seeverkehrs ist tatsächlich Jahrzehnte hindurch heiß umstritten gewesen, und erst die jüngste Zeit hat darüber endgültig Klarheit geschaffen; die Ereignisse der letzten Wochen, will sagen, die von den Vereinigten Staaten unternommenen Schritte zur definitiven Befestigung der Kanalmündungen, haben auch den naiven Gemütern gezeigt, woran man sich in Zukunft zu halten hat. Es kann von jetzt ab keine Rede mehr davon sein, daß im Fall eines kriegerischen Konflikts zwischen gewissen seefahrenden Nationen zu größter Bedeutung gelangende Meeresstraße nach ihrer demnächstigen Vollendung für „neutral“ erklärt wird oder der Republik Panama als Teil ihres Territoriums erhalten bleibt – man muß sich vielmehr mit   der Tatsache abfinden, daß der berühmte (und eine Zeitlang ein wenig berüchtigte) Kanal von den Nordamerikanern als „ihr“ Kanal reklamiert wird. „Amerika den Amerikanern! Dieser Leitsatz der Monroedoktrin hat damit in unseren Tagen wieder einmal eine, wenn man will brutale, aber jedenfalls folgerichtige Anwendung gefunden. … Kürzung durch den Blogwart. Hier wird die Vorgeschichte und Bedeutung des Kanals erläutert, sehr interessant, wer Fraktur lesen lernt, ist besser dran. Ihm kommt es aber auf folgende Passage an:

Wenn Politiker, die mit den idealen Beziehungen unter den modernen Kulturvölkern rechnen möchten, den Amerikanern nunmehr vorwerfen, daß die Neutralität des Kanals recht wohl durch internationale Abmachungen hätte gewährleistet werden können, so antworten die Realpolitiker von drüben die Lehren der Geschichte verbieten, einen solch gemäßigten Standpunkt einzunehmen.

Im Jahre 1792 wurde Polen aufgeteilt, trotzdem zwei Jahre vorher die Mächte dessen Integrität feierlich garantiert hatten. Mitten im Frieden sandte England im Jahre 1807 seine Flotte nach Kopenhagen und bohrte die dänischen Schiffe in Grund. Nach dem russisch – japanischen Feldzuge annektierte Japan das wehrlose Korea, obwohl im Jahre 1902 vier Großmächte die Unverletzlichkeit des Reiches verbürgt hatten. Die „Amputierung“ des kranken Mannes am Bosporus (Bosnien und Heregowina, Rumelien, der Balkankrieg) gibt in den letzten Zeitläuften  ein Beispiel, was von Verträgen zu halten ist, sobald sich eine Gelegenheit ergibt, sie durch ein fait accompli illusorisch zu machen.

Kann man es, ernst gesprochen, den Amerikanern übelnehmen, wenn sie sich im Hinblick auf solch und ähnliche „weitherzige Auslegungen des Völkerrechts sich in mißtrauischer Reserve halten und einfach das „Recht des Stärkeren“ proklamieren? Zumal sie damit vorläufig niemandem Schaden zufügen? England und auch Deutschland würden in einem ähnlichen Falle schwerlich anders gehandelt haben. Charles Mathewson.

Bild: Damals wie heute waren internationale Verträge nur so lange bindend, bis eine Seite beschloß, sie zu brechen. manchmal ignorierte man sie auch einfach. Damals wie heute mußte aber der Vertragsbruch vor der Bevölkerung begründet werden. Heute führen Politiker, westliche Freiheiten, Demokratie und Menschenrechte im Mund, wenn sie Menschen in anderen Staaten totschiessen lassen, Rechte, die sie im eigenen Lande mit Füßen treten. Es hat sich im Grunde nichts geändert. Der Friedensengel muß bewaffnet sein, auch, wenn es hier Amor ist, der professionell mit Pfeilen um sich schießt.

Im Übrigen ist der Blogwart blogmüde.


Januar 2013
M D M D F S S
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  

Blog Stats

  • 2.216.644 hits

Archiv