Archiv für 8. Januar 2013

Die abnorme Winterwitterung

Kutschfahrt nach OberhofAm 08.01.1913 klagt die Freiburger Zeitung: Die abnorme Winterwitterung hält weiter an. Immer weiter hinauf rückt die Schneegrenze, die in den Alpenländern bereits bei 1600 Metern angelangt ist. In den deutschen Mittelgebirgen gibt es ja längst keinen Schnee mehr, was zur Folge hat, daß sämtliche für die erste Hälfte des Januar angesetzten wintersportlichen Veranstaltungen abgesagt und verschoben werden mußten. In bezug auf Schneearmut scheint der heurige Winter in der Tat einen Rekord aufzustellen, denn seit Menschengedenken ist es nicht vorgekommen, daß es vom 2. Dezember bis tief in den Januar hinein nirgens, selbst nicht in den Hochgebirgslagen Schnee fiel; eine ebenso ungewöhnliche Erscheinung ist das fortgesetzt milde Wetter infolge anhaltender föhniger Luftströmung, nur selten gibt es in der Ebene Nachtfrost, hervorgerufen durch Nebel, währenddessen auf den Höhen dann Temperaturumkehr eintritt und das Thermometer nicht unter Null sinkt. In den Berglagen oberhalb 1000 Meter war der Dezember und Januar bis jetzt wärmer als der verflossene August.

Die Aussichten auf Schnee sind noch immer gering, da in ganz Europa milde Temperaturen herrschen und namentlich in Nordeuropa, wo normalerweise sonst um diese Zeit eine Kälte von 20 bis 30 Grad im Durchschnitt auftritt, seit Wochen fast frühlingsmäßiges Wetter zu verzeichnen ist. …

455 Millionen Arbeitergroschen

Kein Hemd zum Anziehen

Der Blogwart liebt die alten Ausgaben der „Coburger Zeitung„, sie sind so erfrischend anders als die heutigen Produkte professioneller Langweiler. „455 Millionen Arbeitergroschen“ betitelt sich eine im Verlag nationaler Schriften zu Essen – Ruhr erschienene Schrift, die nachweist, daß die freien Gewerkschaften den Arbeitern seit 1890 (23 Jahre lang) die ungeheure Summe von 455 343 041 M ( Mark) an Beiträgen abgenommen haben, in den Jahren 1900 bis 1911 mehr als 423 Millionen Mark.

In dem Zeitraum von 1900 bis 1911 haben die in den freien Gewerkschaften organisierten Arbeiter durch die Streiktaktik ihrer Führer außerdem 47 122 814 Arbeitstage verloren und einen Lohnausfall von ungefähr 200 Millionen Mark erlitten. Die Lohnbewegungen durch Arbeitseinstellungen und Aussperrung haben seit 1891 gekostet 111 252 310 Mark, davon entfallen auf die letzten zwölf Jahre (1900 bis 1911) rund 100 Millionen Mark.

Im Jahre 1911 betrugen die Ausgaben der freien Gewerkschaften 60 625 080 Mark. Über ihre Verwendung schreibt die „Einigkeit“, das Organ der freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften: „Fast 11 Millionen Mark oder mehr als der sechste Teil der Gesamtausgaben geht in dem Zentralverbande für die Verwaltung verloren und fließt gutenteils durch die Taschen der bezahlten Beamten.“ Für Unterstützungen, die Tod, Invalidität und Krankheit betrafen, wurden nur 12,3 Millionen Mark, also nur ein Fünftel verwandt.

Nun behaupten die Führer der Gewerkschaften, die Beiträge gehen nicht verloren, sie fließen infolge von Streikunterstützung und Lohnerhöhungen in die Taschen der Arbeiter zurück. Die streikenden Arbeiter haben im Jahre 1911 einen Lohnausfall von 27 Millionen Mark erlitten. Die Streikunterstützung hat diesen Ausfall jedoch nur etwa zur Hälfte eingebracht. Nun ist es klar, daß Familien, die wöchentlich 30 Mark auszugeben gewohnt sind, mit 15 Mark Streikunterstützung nicht auskommen und entweder hungern müssen. Im letzten Jahresbericht des „sozialdemokratischen Konsumvereins Linden bei Hannover“ heißt es auf Seite 2:

„Es dürfte nicht zu hoch gegriffen sein, wenn wir die Zahl unserer Mitglieder, die von der Bewegung (Streik der Metallarbeiter, vom April bis Juli 1912) betroffen wurden, auf 2000 schätzen. Diesen ist es wochenlang unmöglich gewesen und zum Teil heute noch (8 Wochen nach Beendigung des Streiks!) unmöglich, ihren Bedarf in der gewohnten Weise zu decken.“

Daß die erzielte Lohnerhöhung den Ausfall schnell wieder einbringt, ist deshalb schon zweifelhaft, weil ja der Arbeiter zunächst seine Schulden aus der Streikzeit bezahlen muß, und weil nicht alle Streiks gewonnen werden; es gibt auch verlorene Streiks. Wenn man bedenkt, daß tatsächlich im Jahre 1911 ohne Arbeitseinstellung mehr als dreimal so viel Lohnerhöhnung erzielt wurde als durch Streiks – 41 Millionen ohne, 12 Millionen mit Streik – und daß im Jahre 1911 auf friedlichem Wege eine Verkürzung der Arbeitszeit um 27 Millionen Stunden erzielt wurde, durch Streiks aber nur eine solche um 11 Millionen Stunden, so wird man zugeben müssen, daß die wirtschaftsfriedliche nationale Arbeiterbewegung auf dem richtigen Wegen ist. Die „Einigkeit“ sagt in dem erwähnten Artikel denn auch: „Die in den Zentralverbänden (der freien Gewerkschaften) organisierte Arbeiterschaft hat in all den Jahren die vielen Millionen Mark nutzlos vergeudet. Das ist zwar ein recht trauriges, aber gewissenhaftes Resultat, das ausgesprochen werden muß.“ …

Bild: 100 Jahre später können wir nur über die eingebildeten Nöte der Menschen in Deutschland lachen. Nie waren die Armen ärmer und die Reichen unfähiger mit ihrem Geld umzugehen. Auch einen Bundespräsidenten als Gemahl zu haben, garantiert der darbenden Gattin noch kein Luxusleben auf Dauer, zumal die Amtszeit begrenzt ist. Anschliessend heißt es, sich einen neuen Ernährer zu suchen. Oder Funktionär einer Gewerkschaft zu werden. Oder einer Partei. Der Möglichkeiten sind in einer Demokratie viele. Dennoch fällt die überwiegende Masse der Bedürftigen durch solcherart Versorgungsraster. Und irgendwer muß ja die Beiträge aufbringen. Dann schon lieber das bedingungslose Grundeinkommen, für das niemand mehr zu arbeiten braucht. Es kommt eben irgendwoher. Und das ist das Gute daran.


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