Archiv für 5. Juli 2013

Wochenende

May Molan

Bild: Eine hübsche Dame von 1931.

Antiweißwurstismus

WeißwurstianerIch weiß doch, daß Du keine Weißwürste magst, wurde dem Blogwart gestern entgegengehalten, als er sich über die Empörung der  Weißwurstianer amüsierte, die in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung, der mit diesem Bild illustriert war, einen Angriff auf die Kultur der Weißwürste witterten und mindestens auch den Untergang des Morgenlandes. Wenn nicht noch ein gar viel abscheulicheres Verbrechen. So etwas, war man einhellig der Meinung, so etwas zu schreiben und auch noch zu illustrieren, so etwas darf sich nie wiederholen. Und da stimmt der Blogwart zu.

Darum geht es aber nicht. Es geht um den Vorwurf des Nichtmögens. Darf man Leute heute nicht mögen, ohne daß einem gleich die Planung singulärer Verbrechen unterstellt wird? Wohl kaum. Erst mag man jemanden nicht und dann tötet man ihn. So die Weißwurstianerlogik, die es offenbar seelisch nicht verkraften, wenn sie jemand nicht mag. Andersherum nehmen sie sich allerdings das Recht heraus, selber Leute nicht zu mögen, wie den Polenz, zum Beispiel,  und das, sagt der Blogwart, ist nur gerecht, so viel Schlimmes haben sie in ihrer Geschichte schon erlitten, da sind sie natürlich erst einmal mißtrauisch und prüfen, will der Gegenüber sie gleich vergasen oder ihnen doch erst einmal nur die Hand schütteln.

Wir hingegen, wir sind als Volk noch nie ausgelöscht worden, obwohl wir im II. Weltkrieg knapp 8 Millionen Tote zu beklagen hatten. Deswegen sind wir auch nicht verbittert oder haben einen Antideutschismus erfunden, mit dem wir jedermann auf den Wecker fallen müssen, sobald wir nur eine lebende Seele irgendwo sehen, die uns nicht zu Gefallen ist oder die uns den Arsch ausleckt.  Uns ist es im Grunde auch Wurscht. Wenn irgendwer die Kanzlerin als Hitler karikiert, dann barmen wir nicht, genauso hat es damals angefangen, Erna, laß uns den Luftschutzkeller einräumen, bevor die Bomberkommandos kommen. Wir müssen das nicht haben, daß uns jedermann mag, wir wissen, was wir sind und was wir wert sind. Wir, sagt der Blogwart, haben so etwas nicht nötig.

Kinderreim: Ich liebe Dich wie Apfelmus, so zärtlich, wie Spinat, mein Herz schlägt wie ein Pferdefuß – wenn ich Dich seh, Du Aas.

Vor 100 Jahren

Damenmode 1913 Schleier

Schreibt die *Coburger Zeitung vom Samstag, dem 05. Juli 1913* Vom Balkan. Die Bulgaren hüllen sich über die kriegerischen Vorgänge in vollkommenes Schweigen. Man hat von ihnen weder etwas über ihren angeblichen Vorstoß noch über ihr jetziges Zurückweichen erfahren. Um so lauter gebärden sich die Serben. Ihre Siegesmeldungen – denn nur solche kommen zum Vorschein – sind aber unkontrollierbar. So melden sie heute: Der rechte bulgarische Flügel bei Istip ist zurückgedrängt. Die bulgarische siebente Division ist vollkommen geschlagen und geht in fluchtartigem Rückzug zurück. Die bulgarische Armeegruppe ist in zwei Teilen zersprengt. Der Kommandeur des 13. bulgarischen Regiments ist mit 300 Mann gefangen genommen worden. Bei Kotschana dauert die Schlacht noch fort. Heute kamen 1200 Verwundete in Belgrad an. …

Auch ein Jubiläum. Es dürfte nur wenig bekannt sein, daß in diesem Jahre ein Beruf sein 200jähriges Jubiläum begehen kann, der in stiller, aber aufreibender Tätigkeit seiner Amtspflicht gerecht wird; es ist der Briefträger! Ein derartiges Ereignis darf wohl nicht stillschweigend übergangen werden. …

Leipzig, 3. Juli. Jahrhundertfeier. In der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten wurden für die Jahrhundertfeier der Völkerschlacht für die Straßenausschmückung 160000 M bewilligt, wobei es zu stürmischen Lärmszenen kam. Die Redner der Sozialdemokraten, die lebhaften Einspruch erhoben, wurden mehrfach zur Ordnung gerufen.

Bremen, 3. Juli. Furchtbare Schreckensauftritte ereigneten sich am Donnerstag morgen vor Beginn des Unterrichts in der Marienschule zu Bremen, wo kürzlich der Lehramtskandidat Schmidt ein Blutbad unter den Schülerinnen angerichtet hatte. Das heftige Zuschlagen einer Tür verursachte einen scharfen schußähnlichen Knall. Das war das Zeichen zu einer großen Panik unter den Schulkindern. Sie stürzten vom dritten Stock schreiend die Treppen hinunter und die Schülerinnen aus den anderen KLassen schlossen sich an. Die Lehrer hatten völlig die Gewalt über die Kinder verloren. Viele kamen zu Fall und erlitten Verletzungen, die zum Glück nur leichter Natur sind. …

London, 3. Juli. Die höchste wegen Bruchs des Eheversprechens jemals gezahlte Entschädigung erhielt gestern Daisy Markham. Diese hatte den jungen Marquise von Northampton verklagt, weil er auf Wunsch seines kürzlich verstorbenen Vaters von dem Verlöbnis mit ihr zurückgetreten war. Lord Northampton erklärte sich bereit, Fräulein Markham ein Schmerzensgeld von 50000 Pfund (1 Millionen Mark) zu zahlen und außerdem die Gerichtskosten zu übernehmen. Daraufhin wurde die Klage zrückgezogen.

Neuyork, 3. Juli. Die Hitze dauert immer noch an. Eine ganz feuchte und schwüle Treibhausluft hüllt das mittlere Amerika ein. Nicht der geringste Windzug ist zu bemerken. Da diese Hitze schon seit mehreren Tagen herrscht, hat sich der Bewohner eine äußerst gedrückte Stimmung bemächtigt. Die Blätter führen die zahlreichen Selbstmorde in diesen Tagen auf die riesige Hitze zurück. Gestern Mittag betrug die hitze 38,8 Grad Celsius. Gestern sind hier fünf tödliche Hitzschläge bekannt geworden; die Zahl der Hitzschläge, die nicht tödlich verlaufen, ist unzählbar. Alle Krankenhäuser sind überfüllt; die Privatautos werden als Ambulanzwagen herangezogen. Damen der Gesellschaft sind in den Krankenhäusern tätig, um den Erkrankten Kühlung zu verschaffen. … In Philadelphia speist man in den vornehmsten Hotels in Hemdsärmeln, was dort noch nie vorgekommen sein soll.

Bild: Wegen der grassierenden Luftverschmutzung, die beim Verbrennen nachwachsender Rohstoffe nun einmal auftritt, trägt die modebewußte Damenwelt Mundschutz. Die Herren, die sowieso Rauchen, sehen dem frühen Krebstod gelassen entgegen.

 


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