Vor 80 Jahren

Strandmode 1933Berichtet *Die Freiburger Zeitung vom 11. Juli 1933* Der bereits zitierte Lord Rothermere führt aus … Die erste Folge des neuen Geistes, den Hitler Deutschland eingehaucht habe, sei eine ersichtliche Wiederbelebung seines Binnenhandels. In England sei die Einflüsterung weit verbreitet worden, die Nazis wären finstere , junge Raufbolde, die mit Terror über eine eingeschüchterte, empfindliche Bevölkerung herrschten. Das sei eine gänzliche Verdrehung der Tatsachen, sie erfreuten sich vielmehr der Sympathie der Bevölkerung und seien der Vortrupp der nationalen Erhebung, die unter der sachgemäßen, zweckbestimmten Führung Hitlers und seiner Handvoll Gehilfen, außerordentlich schnell Deutschland das Vertrauen in die eigene Kraft und ein gütiges Geschick wiedergebe, das durch die Kriegsniederlage erschüttert gewesen sei. Hitler, so schließt der Artikel Rothermeres, sei ein Tatmensch, er habe sein Land aus der fruchtlosen Leitung durch zaudernde, halbfertige Politiker gerettet, er habe seinem nationalen Leben den unüberwindlichen Geist sieghafter Jugend eingeflößt.

Reichsminister Dr. Göbbels spricht über die Aufgaben des Rundfunks: … Ich werde in den nächsten Tagen die Vertreter des Rundfunks, die die Schlüsselstellung innehaben, zu mir kommen lassen und ihnen noch im besonderen sagen, daß der Rundfunk von der höchsten Spitze bis zum letzten Mann im Senderaum nun ganz eindeutig nationalsozialistisch eingestellt zu sein hat. Ich gebe hier der Hoffnung Ausdruck, daß der Rundfunk ein großes und modernes Beeinflussungsmittel in der Hand der Reichsregierung werden wird und daß von keiner Seite mehr Störungen einsetzen können. Der Rundfunk ist nicht mehr das Instrument der Männer im Kabinett, er ist das Mittel, unser nationalsozialistisches Wollen ins Volk zu tragen. …

Deutsche Arbeitslager London, 10. Juli (W.T.B.) Ein Sonderkorrespondent des Daily Express schildert den tiefgreifenden Eindruck, den er bei einem Besuch in rheinländischen Arbeitslagern empfangen hat und sagt, eines der schwierigsten Weltprobleme, nämlich die Aufrechterhaltung der Moral der Arbeitslosen, werde von den Nationalsozialisten in bemerkenswerter weise in Angriff genommen. Anstatt den Arbeitslosen zu erlauben, durch Müßiggang in ein verbrecherisches Leben hinabzugleiten und körperlich zu verwahrlosen, würden sie mit militärischer Disziplin ausgebildet und mit nützlichen öffentlichen Arbeiten beschäftigt. Jeder Arbeiter könne das Lager verlassen, wenn er wolle; aber den meisten gefalle das harte Leben nach der traurigen Erfahrung der Untätigkeit.

Fritz Ebert jun. in Schutzhaft Berlin, 9. Juli. Der Sohn des verstorbenen Reichspräsidenten, Redakteur Fritz Ebert, ist nach langem vergeblichem Suchen aufgefunden und in Schutzhaft genommen worden. Er wird in ein Konzentrationslager gebracht werden.

*2. Morgenausgabe* „Deutsche Brüder in Not“ Markgräfler schreiben aus Rußland erschütternde Briefe. Holzen (Amt Lörrach), 8. Juli. Vor etwa 80 Jahren war von hier die Familie Hagin, ein seit Jahrhunderten in Holzen ansässiges Markgräfler Bauerngeschlecht, nach Rußland ausgewandert. Jetzt kommen Briefe von der Familie aus Südrußland, die mehr als viele Worte von der erschütternden Not, unter der Rußlanddeutsche leiden, aussagen. In einem dieser Briefe vom Juni d. J. heißt es: Weil wir uns in großer Not befinden, bat ich meine Mutter, Maria Hagin um die Adressen ihrer Verwandten in Deutschland. Jetzt sind wir in großer Not und wir leben schon etliche Monate ohne Brot. Laut Enteignungsgesetz verloren wir, nachdem wir aus dem Kollektiv ausgeschlossen wurden, unsere letzten Kühe und Hühner. Das, was uns gelassen wurde, ist wertlos. Das Schlimmste ist, wir haben keinen Teil an der zukünftigen Ernte. In einem Brief vom 14. Juni schreibt die Tochter an ihre Verwandten in Deutschland: Wir essen gegenwärtig die Blüten von den Bäumen und Gras und da ist man immer hungrig. Brot haben wir schon seit drei Monaten keines. Bitte helft uns, wenn es geht.

*1. Abendausgabe* Für eilige Zeitungsleser: Berlin: Das internationale Arbeitsamt in Genf hat festgestellt, daß in Deutschland der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit bisher am erfolgreichsten durchgeführt worden ist. London: Der kürzlich aus Rußland zurückgekehrte Sonderkorrespondent der „Times“ schildert in einem Bericht die drückende Lage der russischen Bevölkerung. So seien u.a. während der letzten beiden Jahre 70 Millionen Bauern von 14 Millionen Farmen in 200000 Kollektivfarmen getrieben worden. Berlin: gegenüber einer ausländischen Mitteilung, daß sich in Deutschland 100 000 Schutzhäftlinge befänden, gibt der amtliche Preußische Pressedienst die Zahl für ganz Deutschland mit 18000 an.

Bild: So tummelt sich die modebewußte Frau von 1933 am Strand. Trotz Stacheldraht, kläffenden deutschen Schäferhunden und Maschinengewehren auf Wachtürmen, die 18 000 von 80 Millionen in Unfreiheit halten, geht das Leben in Deutschland seinen normalen Gang. Daß Andersdenkende eingesperrt werden, das können wir uns im demokratischen Rechtsstaat nicht vorstellen, außer, sie leugnen den Holocaust, also, daß sie persönlich es nicht waren, die 6 Millionen Juden umbrachten und andere das technisch gar nicht bewerkstelligen konnten oder wollten oder durften. Dann ist die Demokratie und der Glaube, auf dem sie beruht, nämlich der  an unsere ewige Erbschuld,  in Gefahr, dann wird hart durchgegriffen. Richtig so. Sagt der Blogwart. Leugnern jeglicher Coleur gehört das Handwerk gelegt.

5 Responses to “Vor 80 Jahren”


  1. 1 Kaulquappe 11. Juli 2013 um 08:24

    Erschütternd ist, dass man damals schon alles wußte. Und sogar qua Zeitung auf dem Silbertablett serviert bekam!
    Nee. Ich meine nicht die KL – sondern den Holodomor!
    Entscheidend ist nicht, wie Geschichte passiert sondern wie sie erzählt wird. Am Wirksamsten wird die Geschichte in statu nascendi (wie die Chemiker sagen) umgelogen, also zeitgleich mit ihrem Entstehen das dazu passende Narrativ mitgeliefert. Und zwar möglichst alternativlos (das, freilich, ist eine Machtfrage).
    So „wußten“ die Bolschewisten schon 1932, was genau es mit dem Sieg der NSDAP bei der Reichstagswahl auf sich habe; dito mit ihrer Machtübernahme 1933. Diese „Erkenntnisse“ wurde dann post-1945 als alleiniges Narrativ („Faschismustheorie“ etc.) in das bundesrepublikanische Selbstverständnis (bis hin zu Schulbuchinhalten) übernommen.
    Es gab in 90er ein vorübergehendes Nachlassen der propagandistischen Rotlichtbestrahlung, sozusagen so etwas wie eine vorübergehende Orientierungslosigkeit, eine Art Zweifel im Glauben (Höhepunkt dieser Tauwetterphase war die Veröffentlichung des „Schwarzbuch des Kommunismus“ 1997/98). Da konnte man im Fernsehen während der Hauptsendezeit schon einma… aber ich will mich nicht verzetteln. Heute ist ja alles wieder im Lot und Presse, Journos, Politikos und elektronische Medien sind stramm auf Parteilinie.
    KE: aus welchem Grund hast du denn Henriette Fürth, „Ein mittelbürgerliches Budget“ (schaue es mir gerade an) bei den Quellen verlinkt?

  2. 2 Karl Eduard 11. Juli 2013 um 09:05

    Aus Interesse. Falls ich mal selber wieder reinlesen möchte.

    Ja, erstaunlich, jedermann, der eine Zeitung hielt, konnte lesen, wie prima es in der Sowjetunion zuging, oder anderswo, noch erstaunlicher aber, daß jegliche besserwisserische Ratschläge fehlten, wie andere Regierungen ihren Staat zu regieren hätten. Es wurde erschreckend sachlich und neutral über das Ausland berichtet, was sich erst mit dem Krieg änderte. Heutige Journalisten könnten sich Scheiben davon abschneiden.

  3. 3 eulenfurz 11. Juli 2013 um 09:13

    Dieser Lord Rothermere hat sich nach BRD-Gesetzen strafbar gemacht. Ist es denn nicht möglich, ihn wegen NS-Verharmlosung in ein Konzentra … äh… Gefängnis zu stecken?

  4. 4 agentjoerg 12. Juli 2013 um 19:17

    @KE

    ich stöbere gerade in dem buch von Henriette Fürth. hochinteressant.

    wenn man sich z.b. die seiten 99 ff ansieht, dann sieht man, dass es damals schon gewaltige preissteigerungen gab, obwohl zu dieser zeit der goldstandard die umlaufende geldmenge begrenzen sollte.

    oder setzte zu der zeit etwa schon die geldschöpfung durch banken ein ?

    mich würde auch interessieren, welche weiteren gründe man damals für diese preissteigerungen angeführt hat, ausser der von Henriette Fürth auf S. 104 ff erwähnten zollpolitik.

    meine hochachtung, KE, für dieses wirklich überaus interessante zeitdokument. eine wahre trüffel. wo graben sie schnüffelhund das alles nur immer aus ?

  5. 5 Karl Eduard 13. Juli 2013 um 00:02

    Das habe ich nicht selbst ausgegraben, das ist mir vom Kommentator @prosemit empfohlen worden.


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