Eins Zwei Drei im Sauseschritt

In zwei Tagen ist wieder einmal der 7. Oktober. An einem 7. Oktober wurde die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Mit diesem Tag verbindet der Blogwart mehr als mit einem 3. Oktober oder 9. November. Im Grunde genommen verbindet ihn mit den letztgenannten Tagen gar nichts.

Die Deutsche Demokratische Republik, wie sie genannt wurde, war deutsch und eine Republik. Da ihr kein König oder Kaiser vorstand, sondern ein Politbüro mit einem Generalsekretär an der Spitze. Sie war in ungefähr so demokratisch wie die heutige Bundesrepublik, in der die im Bundestag versammelten Parteien machtvoll den erfolgreichen Kurs der Bundeskanzlerin bekräftigen und Verluste bei Wahlen als Bestätigung für ein „Weiter so“ gelten.

Die Zeitungen in der DDR schrieben unentwegt über die Erfolge beim Aufbau der entwickelten sozialistischen Gesellschaft, unterbrochen von kurzen Perioden zaghafter Kritik an jenen, die es bisher nicht geschafft hatten, völlig selbstlos für die strahlende Zukunft zu wirken. Und Tittenbilder gab es  im „Magazin“, in „Die Funzel“, eine Rublik des Soldatenmagazins „Armeerundschau“ und ab und zu über einem Artikel von Jutta Resch-Treuwerth. Auch darum war das Leben eines DDR-Bürgers grau und freudlos. Wenn er männlich war.

Gespottet werden durfte im Satiremagazin „Eulenspiegel“. Vornehmlich über den Westen. Aber auch über kleinbürgerliche Verhaltensweisen, die nicht zum DDR-Bürger passen durften. Wie unfreundliche Busfahrer. Oder fehlende „Tausend kleine Dinge“. Im Kabarett lachte man über Insiderwitze, die vorher zur Prüfung vorgelegt wurden. Und im Kino über „Anton der Zauberer“, einen schlitzohrigen Tausendsassa mit goldenen Händen, über die Olsenbande und Luis de Funès. Wer Gesellschaftskritik lesen wollte, mußte zum Buch greifen.

Nicht alle Arbeiter im sozialistischen Produktionsbetrieb, setzten ihren Ehrgeiz darin, mindestens einen Tag im Jahr mit eingespartem Material zu arbeiten. Viele aber taten es und kamen so zu einem Wochenendhaus und hatten die Parole „Was des Volkes Hände schaffen, soll des Volkes Eigen sein“ also verstanden. Ein Sieg der sozialistischen Produktionsweise über den faulenden, absterbenden und parasitären Kapitalismus, wie er Lenin noch vorschwebte, war offensichtlich mit dieser Einstellung nicht möglich. Die Arbeiterklasse, die, nach der Lehre des Marxismus-Leninismus, die fortschrittlichste Kraft beim Aufbau des Sozialismus zu sein hatte, weigerte sich hartnäckig bis zum Ende der DDR, diese Rolle anzunehmen.

Von den Mitgliedern der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, die doch die Arbeiterklasse führen und inspirieren sollten, ganz zu schweigen. Von internen Schulungen wurden die besten Witze über die politische Führung mitgebracht und in der Mehrheit Wasser gepredigt und Wein getrunken. Heute muß man sich nur das Personal der DIE LINKE ansehen, dann weiß man, warum das Scheitern der DDR alternativlos war. Und heute steht dieses Personal um Vieles trauriger da, mußten Mitglieder der SED doch damals noch richtig arbeiten. Als Leiter von Kombinaten, Instituten, Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und wurden bei Versagen zwar nicht in die Wüste verbannt aber auch nicht auf den nächst höheren Posten befördert. Zumindest wußten sie noch, wovon sie sprachen.

Deswegen muß es für sie auch so schmerzlich gewesen sein, die offiziellen Reden und Rechenschaftsberichte hören, lesen, auswerten und wiederkäuen zu müssen und die Realität vor Augen zu haben. Überstehen konnte man diesen Gegensatz nur durch ein enormes Maß an Abgestumpftheit und Opportunismus. Das stellte sich nach den Reaktionen auf zaghafte Wortmeldungen schnell ein, es wurde einem bedeutet, die Schnauze zu halten, denn Selbstkritik wurde als  Zaubermittel für den Mann im Arbeitskittel empfohlen. Und das Deuten auf marode Bausubstanz diente den Interessen des Klassenfeindes.

Der muß jetzt sein: „Genosse, woran erkennen Sie während einer Rede des Genossen Honeckers den Klassenfeind unter den Zuhörenden?“ „Der Klassenfeind schläft nicht.“

Die DDR war grau. Weil die Arbeitsproduktivität war, wie sie war und bedeutende Mittel in die Landesverteidigung flossen, sah die DDR so aus, wie sie staunende Westbesucher wahrnahmen. Für den DDR Bürger war sein Umfeld Normalität. Wer sich heute einen Eindruck verschaffen möchte, sollte sich Filme der DEFA ansehen. Zum Beispiel „Die Weihnachtsklempner“.

„Unsere Heimat“ waren zwar auch die Fische im Fluß und die Vögel in der Luft, wie auch die Bäume im Wald, aber auf die konnte in der Systemauseinandersetzung keine Rücksicht genommen werden. Da die SED aus ideologischen Gründen darauf verzichtete, Faulpelze und Arbeitsbummelanten vom Arbeitsplatz und einem geregelten Einkommen zu entfernen, gab es keinen wirklichen Anreiz, hart und in hoher Qualität zu arbeiten. Weshalb es 1990 auch zum Systemschock unter der Arbeiterklasse in der DDR kam.

Jahrelang hatten die Arbeiter in der „Zone“ zwar eifrig Westfernsehen konsumiert, offenbar aber die Fernsehwerbung für die bundesdeutsche Realität gehalten. O-Ton einer Verkäuferin: „jetzt bin ich zwar arbeitslos, kann mir aber Bananen kaufen.“ Daß das Arbeitslosengeld, das die neuen Arbeitslosen im Beitrittsgebiet empfingen,  von ihren ausgebeuteten Klassengenossen im Westen stammte, haben bis heute die Wenigsten begriffen.

Heute wird immer von friedlicher Revolution gefaselt. Richtig ist eher, die Partei und Staatsführung hat kapituliert. vor Demonstranten. Das würde heute keinem bundesdeutschen Demokraten einfallen. Deswegen waren das Eine Diktatoren und wir hatten Kohl, Schröder und Merkel.

Die so genannten bewaffneten Organe der sozialistischen DDR haben komplett darauf verzichtet, die Deutsche Demokratischen Republik, ihrem Vaterland, allzeit treu zu dienen und sie auf Befehl der Arbeiter-und-Bauern-Regierung gegen jeden Feind zu schützen, weil dieser Befehl nie gegeben wurde. Das ganze System war von innen her marode und es wurde einem Kaiser applaudiert, der nackt war, aber niemand wagte, es auszusprechen.

Bis es dann ausgesprochen wurde und das war das Ende vom Lied.

In der DDR hat die Mehrheit der Einwohner normal gelebt. Hingegen hat eine verschwindend kleine Minderheit von westlichen Freiheiten, einer Reise um die Welt und der Erfüllung andere unverzichtbarer Grundbedürfnisse geträumt. Die Mehrheit war mit einer anständigen Wohnung, einem Urlaubsplatz an der Ostsee und einem besseren Warenangebot zufrieden. Anderes hätte sie sich finanziell auch nicht leisten können. Die friedliche Revolution wurde also von einer Minderheit von Dissidenten getragen. 1917 nannte sich diese Minderheit noch Bolschewiki. In der DDR Neues Forum und Demokratischer Aufbruch.

Wer in der DDR geboren wurde, so ab 1961, dessen Lebensweg verlief geradlinig, wenn er nicht zum Verbrechen neigte, sich außerhalb der gesellschaftlichen Normen bewegte oder zu öffentlicher Kritik an der Partei und Staatsführung. Auch in der DDR waren Kinder Kinder, die in ein gesellschaftliches Klima hineinwuchsen und von der vorzuherrschenden Ideologie indoktriniert wurde. Damals hießen die Rituale Fahnenappell und Pionierversammlung, heute „Gesichtzeigen“ und Willkommenskultur.

Daß der Sozialismus siegt, war für Heranwachsende in der DDR so selbstverständlich, wie heute der menschengemachte Klimawandel ein bestehender Fakt zu sein hat. Gegen Beides zu argumentieren, ließ im gegenüber sofort Alarmglocken anspringen. In beiden Fällen hat die Erziehung Hervorragendes geleistet. Allerdingswurde der ehemalige Jung – oder Thälmannpionier und späteres Mitglied der Freien Deutschen Jugend der DDR, 1989 vom Gegenteil überzeugt. Auf drastische Weise. Wenigen, wie der Kanzlerin oder Petra Pau, ist es aber gelungen, ihren Kinderglauben zu bewahren.

Weil der Sozialismus in der DDR wegen der Uneinsichtigkeit der deutschen Arbeiter und Bauern scheiterte, haben die Linken beschlossen, den Kampf für eine sozial gerechtere Welt  denen zu übertragen, die sie für zuverlässiger halten, als die, die sich nach Feierabend nur für Fußball, die aktuelle Seifenoper, Sex und Alkohol interessieren. Weswegen sie das Verschwinden der Deutschen begrüßen und den Import von Millionen Ausländern befördern. Und wenn es sein muß, im eigenen Auto. Wie Dieter Dehm. Und wenn man sich so die Staaten betrachtet, aus denen die zukünftigen Erbauer einer sozial gerechteren Welt herkommen, blühende Gemeinwesen, in denen der Löwe beim Lamm liegt und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft wurde, dann kann man die Strategie der Linken nur staunend bewundern. Und verstehen.

Das Kinderkriegen in der Deutschen Demokratischen Republik war normal. Die Familie, hieß es, wäre die Keimzelle der Gesellschaft und daß die Enkel es besser ausfechten würden, wußte schon des Geyers schwarzer Haufen. Keine Kinder, keine Enkel, niemand ist mehr da, der die rote Fahne in eine bessere Zukunft trägt.

Unerträglich die Kindergärten, in denen Kinder dazu angehalten wurden, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Die Folgen konnte man nach 1990 beobachten, als die Früchte ostdeutscher Kindergartenerziehung ein kleines Kind im Sebnitzer Freiad ertränkten, was, wie sich später herausstellte, ein Unfall war. Wir wollen aber nicht  kleinlich sein. Auch nicht bei Rebekka aus Mittweida, die sich selbst ein Hakenkreuz ritzen mußte, weil sich kein Nazi zur Tat fand. Trotz intensiven Zuredens eines bekannten Polizeipsychologen.

Und wenn jetzt Dunkeldeutschland sein Haupt erhebt, im Irrglauben gefangen, mittels Demonstrationen oder gar Wahlen  eine Demokratin zu einer Politikwende oder  zum Rücktritt zu veranlassen, dann ist das auch das Ergebnis der Kindergartenerziehung in der DDR. Wobei der unheilige Einfluß dieses Pittiplatsch auf die Kinderpsyche bis heute nicht ausreichend beleuchtet wurde. Leider.

Zum Glück ist das aber alles vorbei und Geschichte. Wenn einen so vor dem 7. Oktober eines Jahres auch manchmal die Erinnerungen überkommen und der Blogwart seufzen möchte: „Es war nicht Alles schlecht.“ Darüber ein anderes Mal.

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5 Responses to “Eins Zwei Drei im Sauseschritt”


  1. 1 PACKistaner 5. Oktober 2016 um 14:08

    Das System der DDR ist an seinen selbstgestellten ideologischen Ansprüchen gescheitert, so wie das jetzige „BRD“ System an seinen moralischen scheitern wird.

  2. 2 Frolleinwunder 5. Oktober 2016 um 17:09

    zum Lachen und zum Weinen schön. Danke.

  3. 3 salonbolschewist 5. Oktober 2016 um 18:29

    Leider haben viele ehemalige DDR Bürger bis heute nicht verstanden, das sie für die 100 DM Begrüßungsgeld, welches außschließlich für Westprodukteausgegeben wurde, letztendlich mit ihrem Arbeitsplatz bezahlt haben.

  4. 4 Sturmbock 5. Oktober 2016 um 19:40

    Danke für diesen sehr schönen Beitrag über den Wendeschritt vom Regen in die Traufe. Aber sei es drum, machen wir weiter wie damals gelernt. Es lebe der Klimawandel. Die Lehre von Angela ist allmächtig weil sie wahr ist. Bis zur nächsten Wende.

  5. 5 Kaulquappe 5. Oktober 2016 um 20:05

    KE, dieser Text hat literarische Qualität. Tausend Dank dafür!

    Daß das Arbeitslosengeld, das die neuen Arbeitslosen im Beitrittsgebiet empfingen, von ihren ausgebeuteten Klassengenossen im Westen stammte, haben bis heute die Wenigsten begriffen.

    Leider wahr.
    Die westliche („kapitalistisch“ wäre unzutreffend) Arbeitswelt ist nu allerdings ebenfalls ätzend. And there is no place to hide – es wird geknüppelt dass die Schwarte kracht. Ohne realsozialistische Refugien, einfach nur sch… lecht.


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