Memoiren eines Populisten

Ich las eifrig die sogenannte Qualitätspresse („FAZ“, „SÜDDEUTSCHE“ usw.) und erstaunte über den Umfang des in ihr dem Leser Gebotenen sowie über die Objektivität der Darstellung im einzelnen. Ich würdigte den vornehmen Ton und war eigentlich nur von der Überschwenglichkeit des Stils manches Mal innerlich nicht recht befriedigt oder selbst unangenehm berührt. Doch mochte dies im Schwunge der ganzen Weltstadt liegen.

Was mich aber wiederholt abstieß, war die unwürdige Form, in der diese Presse das Kanzleramt umbuhlte. Es gab kaum ein Ereignis im Kanzleramt, das da nicht dem Leser entweder in Tönen verzückter Begeisterung oder klagender Betroffenheit mitgeteilt wurde, ein Getue, das besonders, wenn es sich um die größte Kanzlerin aller Zeiten selber handelte, fast dem Balzen eines Auerhahnes glich. … Was mir weiter auf die Nerven ging, war der doch widerliche Kult, den die große Presse schon damals mit Amerika und Israel trieb. Man mußte sich geradezu schämen, Deutscher zu sein, wenn man diese süßlichen Lobeshymnen auf die „große Demokratieüber dem Teich und die einzige Demokratie im Nahen Osten zu Gesicht bekam. Dieses erbärmliche anbiedern ließ mich öfter als einmal eine dieser „Qualitätszeitungen“ aus der Hand legen. …

Ich mußte im Anfang staunen, in wie kurzer Zeit es dieser 4. Gewalt im Staate möglich wurde, eine bestimmte Meinung zu erzeugen, auch wenn es sich dabei um die vollständige Umfälschung sicher vorhandener innerer Wünsche und Anschauungen der Allgemeinheit handeln mochte. In wenigen Tagen war da aus einer lächerlichen Sache eine bedeutungsvolle Staatsaktion gemacht, während umgekehrt zu gleicher Zeit lebenswichtige Probleme dem allgemeinen Vergessen anheimfielen, besser aber einfach aus dem Gedächtnis und der Erinnerung der Masse gestohlen wurden.

So gelang es, im Verlaufe weniger Wochen Namen aus dem Nichts hervorzuzaubern, unglaubliche Hoffnungen der breiten Öffentlichkeit an sie zu knüpfen, ja ihnen Popularität zu verschaffen, die dem wirklich bedeutenden Manne oft in seinem ganzen Leben nicht zuteil zu werden vermag; Namen, die dabei noch vor einem Monat überhaupt kein Mensch aber auch nur dem Hören nach kannte, während in der gleichen Zeit alte, bewährte Erscheinungen des staatlichen oder sonstigen öffentlichen Lebens bei bester Gesundheit einfach für die Mitwelt abstarben oder mit solch elenden Schmähungen überhäuft wurde, daß ihr Name in kurzem drohte, zum Symbol einer ganz bestimmten Niedertracht oder Schurkerei zu werden. … Dieses Pack (Sigmar Gabriel) aber fabriziert zu mehr als zwei Dritteln die sogenannte „öffentliche Meinung“, deren Schaum dann die parlamentarische Aphrodite entsteigt.

 … Es ist nicht das Ziel unseres heutigen demokratischen Parlamentarismus, etwa eine Versammlung von Weisen zu bilden, als vielmehr eine Schar geistig abhängiger Nullen zusammenzustellen, deren Leitung nach bestimmten Richtlinien um so leichter wird, je größer die persönliche Beschränktheit des einzelnen ist. Nur so kann Parteipolitik im heutigen üblen Sinne gemacht werden. …

Niemals wird einer dieser Volksvertreter von sich aus der besseren Wahrheit die Ehre geben, um sich dann auch in ihren Dienst zu stellen. Nein, dies wird nicht ein einziger tun, außer er hat Grund zu hoffen, durch eine solche Wendung sein Mandat für eine weitere Session noch retten zu können. Erst also, wenn es in der Luft liegt, daß die bisherige Partei bei einer kommenden Wahl schlecht abschneiden wird, werden sich diese Zierden von Mannhaftigkeit auf den Weg machen und sehen, ob und wie sie zur anderen, vermutlich besser abschneidenden Partei oder Richtung zu kommen vermögen, wobei dieser Positionswechsel allerdings unter einem Wolkenbruch moralischer Begründungen vor sich zu gehen pflegt. …

Überarbeitung in Kursiv. Foto: symbolisch. Die, die schon länger hier leben, bei der Abstimmung über die Zustimmung zur bewährten Politik der Partei und Staatsführung.

 

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3 Responses to “Memoiren eines Populisten”


  1. 1 Adebar 13. April 2017 um 09:45

    In dem Buch findet man so manches Goldstück, auch ohne Kommentierung eine zeitlose Lektüre.

  2. 2 Karl Eduard 13. April 2017 um 13:44

    Ja. Erschreckend, wenn man die eigenen Erfahrungen so hernimmt und vergleicht. Man möchte vielfach „ja, so ist es“, rufen. Natürlich nur leise, daß es niemand hört.

  3. 3 Adebar 16. April 2017 um 17:20

    Auf youtube findet sich (noch) das neuste Video von dem „Gedankenverbrecher“ Horst M. der demnächst, trotz seiner 81 Jahre, wieder ins Gefängnis muss. An heiligen Kühen so lange zu rütteln, bis man feststellt, daß sie weder heilig noch Kuh sind, ist im freisten Land, welches es jemals auf deutschen Boden gab, das gesellschaftliche Aus.


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