Archiv für 2. August 2019

Dornröschen

Als sich der unbeweibte Prinz durch die Dornenhecke gezwängt hatte, vorbei an den Resten erfolgloser Ritter, Edelleute und anderer Liebeshungriger, kam er in den Hof, in dem er staunend die Menschen erblickte, die in den unterschiedlichsten Posen eingeschlafen waren. Ebenso in der Küche und im Thronsaal. Schließlich stieg er die Treppe zu einem Turm hinauf und dort, in einer Kammer, fand er eine schlafende junge Frau vor, die so lieblich anzusehen war, daß er sie gleich auf den Mund und verschiedene andere Stellen küssen wollte. Schon beugte er sich zu ihr herunter, wischte ihr mit einem Erfrischungstuch den Staub vom Gesicht und den Lippen, den die vielen Jahre dort wie ein schlechtes Make-Up abgelagert hatten, da ließ ihn ein plötzlicher Gedanke zurückzucken.

„Ähm, wenn ich die Hübsche jetzt küsse, ohne ihre Einwilligung und sie erwacht,  und, anstatt mir dankbar  ewige Liebe anzubieten, inklusive des halben Königreiches, klagt sie mich der sexuellen Belästigung und der Vergewaltigung an, was dann? Dann bin ich ruiniert! Ich kann mich an keinem Hofe mehr blicken lassen und jedes Fräulein, um das ich freien würde, sähe in mir ein Monster, das über schlafende Frauen herfällt, wie so ein importierter Facharbeiter. Keine Einladungen mehr zu Jagden oder anderen Festivitäten. Keine Ehefrau aus gutem Hause. Mein Wappen und mein Geschlecht wäre verdammt mit dem Gesinde Kinder zu zeugen. Selbst wenn ich vor Gericht meine Unschuld bewiese, wäre ich dennoch für das Leben gebrandmarkt!“

Während er dies dachte, hatte er sich unmerklich von der Lagerstatt der Schönen zurückgezogen, bis er mit seinem Rücken an die Kammertür und die letzen Dornenranken stieß. Ein schmerzhafter Stich ins Gesäß brachte ihn vollends zur Vernunft. Leise, ganz leise, um ja niemanden zu wecken, hastete er die Treppe hinunter, rannte geschwind über den Hof und durch die Lücke im Dornenwall, der das Schloß so lange abgeschirmt hatte. Sein treues Ross, Buzephal genannt, graste immer noch dort, wo er es verlassen hatte. Beim Anblick des heranhastenden Prinzen hob es den Kopf und wieherte freudig. Mit einem Satz war der Prinz im Sattel, gab dem Pferde die Sporen, rief: „Dann soll Dich doch ein anderer Idiot wecken, du, du, Dornröschen!“ und wie der Wind waren das Ross und sein Reiter über die Grenzen des Königreiches, über sieben Berge und noch weiter in Gegenden, die noch nicht mal einen Namen haben, so fern sind sie.

Dornröschen

Dornröschen aber, sowie der ganze Hofstaat und das andere lebende Inventar des verwunschenen Königreiches, der Sage nach etliche Tausend, schliefen weiter und werden wohl in Ewigkeit noch so weiter schlafen und wissen nicht, daß sie diesen Schlaf verbitterten Feministinnen verdanken, die nicht mal ein Schweinetreiber mit verbundenen Augen küssen würde und sollten er dafür auch so viel Gold als Belohnung für seine Überwindung des Ekels mitnehmen dürfen, als er tragen könnte.

Und morgen, liebe Kinder, gibt es ein anderes Märchen.


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