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Angst vor dem Fremden

Wenn uns der Bau des Antifaschistischen Schutzwalles eines lehrt, der gewiß mehr Tote gekostet hat als der Jugoslawienkrieg, den eine rot-grüne Bundesregierung anzettelte, und dessen Verursacher, Genscher, Kinkel, Scharping, Fischer, Schröder, hoch in Ehren gehalten werden, sollte der Autor jemanden vergessen haben, dann entschuldigt er sich hiermit dafür und natürlich kann man das nicht vergleichen, dann ist es, wie Bundespräsident Wulff richtig bemerkte, daß die Angst vor dem Fremden, den wir lieb haben müssen, bei Strafe der Volksverhetzung,  etwas ist, was Tag für Tag bekämpft gehört, so wie der innere Sarrazin. 

Zum Abschluß der Dokumentation zum 13. August 1961 hier noch eine dramatische Heldengeschichte aus dem Neuen Deutschland. Es war ja keineswegs so, daß die Bevölkerung der Deutschen Demokratischen Republik nach dem 13. August überwiegend in Heulen und Wehklagen ausbrach, wenn uns das verdienstvolle Menschen wie Herr Biermann oder Vera Wollenberger auch weismachen möchten.

Und auch, so, wie heute überwiegend Bunt statt Braun zelebriert wird, das Denunzieren Andersdenkender oder der Schutz des Klimas, fühlen sich die demokratischen Mehrheiten in dieser Torheit recht wohl, insbesondere kann man das an ihren zufriedenen Gesichtern sehen, wenn es gelungen ist, die Minderheiten, die ihre verfassungsmäßigen Rechte ausüben wollen, daran zu hindern, sie zu drangsalieren oder ihnen selbstgerecht die Fresse zu polieren, denn sie sind der heutige Klassenfeind. Und natürlich darf man, so die Lehre aus dem 13. August 1961, keine Menschen an der Ausübung ihrer grundgesetzlich verbrieften Freiheiten hindern, es sei denn, es gibt, wie damals, gute Gründe dafür. Über die richten dann die Sieger der Geschichte. Wie immer.

Bäuerin fasst Agenten. Am Montagmorgen, 3.30 Uhr, in Cheine – Seebenau, einem Ort an der Staatsgrenze West im Kreis Salzwedel . Genossenschaftsbäuerin Anneliese Reichardt von der LPG „Deutsch – Sowjetische Freundschaft“ hatte ihre Kuh noch nicht ganz ausgemolken, als wie aus dem Boden gestampft ein fremder junger Mann vor ihr stand. Nachdem sie sich von ihrem Schreck erholt hatte – ihr Mann war bereits auf der Weide bei den Kühen der LPG – , fragte sie den Fremden: „Erhalte ich schon am frühen morgen Hilfe?“ „Helfen will ich nicht“, antwortete der Mann und seine Blicke schweiften prüfend im Stall umher. „Können sie mir nicht sagen, wie ich am besten nach Salzwedel komme?“ „Halt, dachte Frau Reichardt, hier stimmt etwas nicht.  „Am besten die Straße entlang“ antwortete sie. „Haben Sie denn keinen Passierschein oder Personalausweis bei sich?“ „Das ist es ja gerade“, kam es zögernd zurück. „Ich komme ja von drüben.“

„Ach so“, meinte die Bäuerin. Angestrengt überlegte sie, wie man diesen Eindringling – denn um einen solchen konnte es sich nur handeln – dingfest machen könnte. „Ich möchte Ihnen ja helfen“, sagte sie dem Fremden, „ich muß aber meine Kuh melken und auf die Weide treiben. Sonst würde ich sie wegbringen.“ „Die Westzöllner haben mir erklärt, von Brietz ab gäbe es keine Kontrollen mehr. Aber wie komme ich dorthin?“ „Sie müssen sich links halten, da werden sie niemandem begegnen“, riet ihm Frau Reichardt. In Wirklichkeit schickte sie den Grenzgänger in eine falsche Richtung.

Nachdem der fremde Mann vom Hof war, band Anneliese Reichardt die Kuh los, nahm ihr Fahrrad und tat so, als ob sie die Kuh zur Weide triebe. Nach wenigen Schritten schon ließ sie jedoch die Kuh laufen und radelte, was ihre Beine hergaben zur nächsten Grenzpolizeistelle. Um 3.45 Uhr schon war die Grenzpolizei benachrichtigt. Sofort riegelte eine Einheit das Gelände ab. Um 8.30 Uhr war der Grenzverletzer gestellt.

Daß vom Westen her nichts Gutes kommen konnte, das wurde auch bereits in der Kinder- und Jugendliteratur verarbeitet. Der Autor erinnert hier an den Roman „Käuzchenkuhle“, in dem schurkische SS-Verbrecher, nein, nicht G. Grass, der war es nicht, die Staatsgrenze der DDR überquerten, um blutiges Verbrechergold zu heben. Den Blogwart gruselt heute noch.

Wie sich herausstellte, hatte er am Sonntag gegen 23 Uhr die Grenze überschritten. Um die Polizei irrezuführen, überquerte er den Grenzstreifen rückwärts gehend. Seit 23 Uhr hielt er sich im Ort auf, da er die Orientierung verloren hatte. Als er sah, daß Bauer Reichardt den Hof verließ, wandte er sich an die Bäuerin, um noch vor Tagesanbruch aus dem Grenzgebiet zu verschwinden. Er hatte sich jedoch verrechnet. Bevor er sein schändliches Treiben überhaupt beginnen konnte, saß er hinter Schloß und Riegel.

Als die Genossenschaftsbäuerin Reichardt für ihre beherzte Tat (Einen Verirrten zu denunzieren. Oder heute, ein selbstgeritztes Hakenkreuz vorzuzeigen, und zu rufen, die Luftnazis waren es! Die haben eine kleine Ausländerin beschimpft und ich habe mich dazwischengeworfen, oh ja.) vom Kommandanten der Grenzbereitschaft Langenapel auf der Wählervertreterkonferenz ausgezeichnet wurde, sagte sie: „Ich tat lediglich meine Pflicht. Heute ist es mehr denn je notwendig, wachsam zu sein, damit uns kein einziger Gegner mehr Schaden zufügen kann.“ J. M. *NEUES DEUTSCHLAND 16.08.1961*

Bild: Neues Deutschland Seite Eins.



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