Posts Tagged 'Hungerblockade'

Die Galgenschlinge des Völkerbundes

Hier geht es nun nicht um die Europäische Union, sondern um die frühen Wasser, die die Sieger des Ersten Weltkrieges dem Herrn Hitler auf die Mühlen gießen und dessen krude und eugenischen Thesen darum auf fruchtbaren Boden fallen werden. Wenn bei unserer aktuellen Regierung, die da jedem Lande schenkt, das irgendwie in Reichweite ist, jemand als Wahlslogan verkündet, „Deutsches Geld zuerst für Deutsche“, dann mag sich das ja auch im ersten Augenblick absurd anhören, weil man das gar nicht gewohnt ist, daß, was des Volkes Hände schaffen, auch des Volkes Eigen sein soll, wenn man aber länger darüber nachdenkt, fragt man sich doch: „Und warum nicht?“ Warum soll deutsches Geld den Griechen, Iren, Franzosen oder den Türken gegeben werden, Letztere werden sich sowieso immer als Türken betrachten, weil sie uns alle so lieb haben?

Der Entwurf der Liga  der fünf feindlichen Großmächte läßt nicht mehr den geringsten Zweifel daran aufkommen, was Herr Wilson mit diesem Völkerbunde plant:  nichts anderes als die Verewigung unserer Niederlage und die Übertragung der Hungerblockade auf das gesamte zukünftige Wirtschaftsleben. Auf die kürzeste Formel gebracht: Deutschland soll, nachdem seine Industrie zerstört ist, seine überschüssigen Industriearbeiter, soweit nicht etwa Amerika diesen drüben in seiner Munitionsindustrie unter schimpflichen Bedingungen Arbeit zuweist gegen Schwitzerlöhne (Schweitzerlöhne) in der Herstellung von Halbfabrikaten beschäftigen, die England und Amerika dann mit tausendfachem Gewinne auf den Weltmarkt bringen, die ihrerseits vom Völkerbund kontrolliert sein sollen.

Die von Herrn Wilson hinsichtlich unserer Kolonien an England und Frankreich gemachten Zugeständnisse sind nur eine neue Bestätigung dieser klarliegenden Tatsache. In §19 kommt dies ganz deutlich zum Ausdrucke. Dieser spricht von der Aufteilung der Türkei und daneben von „Grundsätzen, die Anwendung finden auf Kolonien und Gebiete, die infolge des Krieges nicht mehr unter der Oberherrschaft der Staaten stehen, die sie vorher regiert haben.“

Das kann sich lediglich und alleine auf die deutschen Kolonien beziehen, um den Raub zu rechtfertigen, der im Widerspruche mit dem Grundgedanken des Völkerbundes steht und unter lügnerischem Hinweise auf eine angebliche deutsche Mißhandlung der Eingeborenen gerechtfertigt erscheinen soll. Auch die Tatsache, daß Wilson zu der vertragsbrüchigen Verschärfung der Waffenstillstandsbedingungen und dem immer mehr bewußterweise verzögerten Abschlusse des Friedens schweigt, beweist, daß es sich hier um Zugeständnisse an Frankreichs Rachsucht handelt, für die Amerika sich Ellenbogenfreiheit in der Ausgestaltung der zukünftigen Weltwirtschaftsmärkte ausbedungen hat.

Unzweideutig läßt sich das an § 10 erkennen, in dem es heißt: „Die vertragschließenden Teile verpflichten sich, die Unversehrtheit des Gebietes und die politische Unabhängigkeit aller Mitglieder des Völkerbundes zu achten und gegen jeden Angriff von außen zu schützen.“  Sobald dieses zur Annahme gelangt, kann es sich in Zukunft nur noch darum  handeln, ob Amerika oder England die Herrschaft über das Wirtschaftsleben der ganzen Welt führen werden. Daß beide auf die Dauer gemeinsam sich den Raub teilen können, erscheint wenig wahrscheinlich. Eine große Strecke des Weges werden sie aber wohl zunächst miteinander gehen müssen. Mindestens solange, bis es zur Auseinandersetzung England, Japan und Amerika gekommen sein wird. Daß den Franzosen dabei keine andere Rolle mehr zufallen wird als die eines Aufsehers über Deutschlands Wohlverhalten, liegt auf der Hand und so wie der französische Volkscharakter geartet ist, wird Herr Wilson sich in dieser Berechnung auch nicht getäuscht haben.

Wir aber werden das Vergnügen dieser Aufsicht umso sicherer zu genießen haben, als wir, wenn man uns schließlich zu dem Völkerbunde zuläßt, uns dann auch noch verpflichten müssen, den jetzt erlittenen Verlust unsern Feinden schützen zu helfen. Denn nach dem erwähnten Wortlaute des $ 10 würden selbst die jetzt an Polen gemachten Zugeständnisse durch uns vertraglich verewigt sein und würden wir vertragsgemäß verpflichtet sein, unter Umständen unsere eigenen deutschen Volksgenossen im Elsaß mit Waffengewalt bei der französischen Knechtschaft halten zu helfen.

Eine Bestätigung dieser Auffassung liegt auch in einer Rede, die Wilson nach seiner Landung in Boston hielt und in der er u. a. sagte: Große Männer, die die anderen Staaten vertreten, können natürlich nicht alles in der Vergangenheit erstrebte vergessen und plötzlich alle ihre angestrebten Ziele preisgeben. Sie wenden sich nun an die Nation, die sich den beneidenswerten Ruf erworben hat, eine Freundin der Menschheit zu sein.

Wilson erinnerte daran, daß die öffentliche Meinung in Europa, die zuerst mit den Vereinigten Staaten unzufrieden war, sich plötzlich änderte, als sie sah, wie die Vereinigten Staaten alle ihre Hilfsquellen zur Verfügung derjenigen stellten, die für ihren Herd und für nichts anderes, als für das Heil der Sache des Rechts u. der Gerechtigkeit kämpften. Wilson sagte, er habe über jene, die mit Herablassung von seinen Idealen sprachen, einen tiefen Triumph gehabt, denn dieses Ideal wurde zum Ziel des Krieges. Nichts als Ideal verliehen diesem großen Kriege den Zweck und Dank. Ihnen wurde er gewonnen. *Freiburger Zeitung 28.02.1919*

Bild: 500 deutsch – österreichische Kinder fahren in die Schweiz, um ihre Unterernährung zu beseitigen.  Wiener Bilder.

Blockade

Die Opfer des Massakers von Distomo verklagen Deutschland auf Schadenersatz. Rückendeckung erhalten die Kläger durch die griechische Regierung.

Art. 22 der Haager Landkriegsordnung. Die Kriegführenden haben kein unbeschränktes Recht in der Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes.

Die Aushungerung  Deutschlands. Ein erschütterndes Bild der verheerenden Wirkungen der über Deutschland vom Feinde verhängten Blockade geben die vom Reichsgesundheitsamt und vom statistischen Reichsamt mitgeteilten Zahlen, die in einer außerordentlichen Sitzung der Vereinten ärztlichen Gesellschaften in Berlin vom 18. Dezember 1918 durch Vorträge berufener medizinischer Autoritäten bekanntgegeben worden sind. Einzelheiten der Verheerungen, die von der früheren Regierung geheimgehalten worden sind, werden jetzt, nach einem Referat von Geh. Rat Hamel, Medizinalreferent im Reichsamt des Innern, Freund und Feind überliefert:

„Vergleicht man,  um die Zahl der Opfer der Blockade zu ermitteln, die Sterbefälle der Zivilbevölkerung während des Krieges mit den Sterbefällen im letzten Friedensjahr 1913, selbstverständlich, um zu richtigen vergleichenden Schlußfolgerungen zu gelangen, unter Anwendung aller statistischen Kautelen, so ergibt sich für das Jahr 1914 noch keine merkliche Erhöhung der Sterbefälle mit  9 1/2 bezw. 14 Proz. noch nicht allzu groß.

Dann aber treten in den beiden folgenden Jahren die schweren Schädigungen der Blockade grell in Erscheinung. Im Jahre 1917 betrug die Zunahme der Sterbefälle der Zivilbevölkerung bereits etwa 32 Prozent und im Jahr 1918 sogar 37 Prozent gegenüber dem Friedensjahr 1913. Nach sorgfältiger Berechnung ergibt sich für die Jahre 1915 bis Ende 1918 insgesamt eine Zahl von rund 763 000 Todesopfern der Blockade. Hiervon entfallen allein auf das Jahr 1917 260 000 und auf 1918 294 000 Todesfälle (unter Ausschluß  der durch die Grippe verursachten Todesfälle!).

Weniger bekannt war bisher, daß auch unter den Kindern und den jugendlichen weiblichen Personen die Opfer der Unterernährung sehr schwer gewesen sind. Eine für das Jahr 1917 vorgenommene Auszählung der Sterbefälle nach Altersklassen hatte in dieser Hinsicht das erschreckende Ergebnis, daß im Alter von 1 – 5  Jahren ein Mehr von rund der Hälfte, im Alter von 5 bis 15 Jahren sogar ein Mehr von 55 Prozent an Todesfällen gegenüber dem Friedensjahr zu verzeichnen war; bei den weiblichen Personen von 15 bis 30 Jahren ergab sich eine Zunahme der Todesfälle um rund 45 Prozent. Allein im Jahre 1917 sind über 50 000 Kinder im Alter von 1 – 15 Jahren und 15 000 Mädchen und Frauen durch die Blockade dahingerafft worden. Bei den mehr als 60jährigen Männern und Frauen aber führte 1917 die Blockade in rd. 127 000 Fällen zum vorzeitigen Tode!

Es hieße die vernichtende Wucht der Anklage, die diese Zahlen gegen die Ungesetzlichkeit der Hungerblockade erheben, verringern, wenn man ihnen Worte der Leidenschaft hinzufügen wollte. Wer will aber gegenüber diesen grausigen Todesopfern unter Kindern, Frauen und Greisen dem deutschen Volke es abzusprechen wagen, daß es in Notwehr gehandelt habe, als es seinerseits zur Abwehr der Hungerblockade und zur rascheren Beendigung des Krieges zu härteren Kriegsmaßnahmen seine Zustimmung gab? …

Weitere Blockadefolgen: Verdopplung der Todesfälle der an Tuberkulose Erkrankten im Vergleich 1913 und 1918.  Eine vermehrte Tuberkulosesterblichkeit für die Zukunft wird prognostiziert. Verdopplung der Erkrankungen an den Atemwegen mit einer Zunahme der daraus resultierenden Todesfälle um 43 Prozent auf 21 000 Tote. Zunahme der Grippetoten verursacht durch Mangelernährung. Todeszahl 1918: 150 000.

… Die Wahrheit ist also, daß die Blockade eine Katastrophe war, deren Folgen wir mit 763 000 Toten und einer   nicht wiedergutzumachenden Schädigung unserer Volksgesundheit bezahlen und daß wir einer weiteren Katastrophe entgegengehen. Denn: unsere Vorräte sind kleiner geworden – ungünstiger gestellt sind wir in Bezug auf Kartoffeln, Fleisch, Fett (unser Schweinebestand ging von 26 auf 8 Millionen zurück), bei Beibehaltung der jetzigen Brotration werden auch unsere Mehlvorräte vorzeitig dahinschmelzen, eine Erhöhung der Zuckerration ist nicht zu erwarten. Wir haben eine HUNGERSNOT , eine Übersterblichkeit in Aussicht, die Deutschland an den Abgrund führt. Die meisten Bewohner unseres Vaterlandes sind durch die Blockade der Kriegszeit körperlich heruntergekommen – auch auf dem Lande, wo längst eine zum Teil freilich durch Überstrapazierung hervorgerufene erhöhte Sterblichkeit eingesetzt hat -, die unmenschliche Blockade nach beendetem Kriege wird noch viele Tausende erwürgen. *Freiburger Zeitung 13.01.1919*


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