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Kämpfer für Demokratie

Unweit der Frontlinie.  Einem Reporter von Aljazeera ist es gelungen, mitten im Heulen der Raketen,  eine derjenigen Rebellengruppen aufzuspüren, die, nach Ansicht europäischer  Journalisten, für westliche Werte* im Kampf mit dem irren Diktator Gadaffi stehen. Die Freiheitshelden sind bei einem typischen soldatischen Initiationsritus versammelt. Sie trinken übersüssten Tee aus verdreckten Rollmopsgläsern, wer da nicht mittun kann, der ist nur ein halber Kerl! Was uns bei der Gorch Fock noch bitter aufstiess, hier sehen wir es mit Gelassenheit, solche Rituale schweissen zusammen, sie, die zuvor noch ganz andere Biografien hatten, zum Beispiel als Polizisten,  und  nicht Soldaten der Freiheit genannt wurden, von den deutschen Meinungsgazetten und ihren Menschenrechtsphilosophen aus den Kaffeehäusern. Ja, da hätten sie auch verhaftet oder gefoltert, unterm Diktator. Das wäre vorgekommen. Das war der Job. Man mußte schliesslich leben. Doch jetzt sei alles anders.

Bevor es in die Schlacht geht,  um die Einführung der Demokratie nach deutschem Vorbild, schnell ein paar Fragen. „Warum seid Ihr hier?  Wenn nicht zum Tee trinken.“ So investigativ, kann nur ein Reporter schonungslos die Wahrheit ans Licht holen.  Während der Wüstensohn, Ahmed Addad, den der Untertitel „Kämpfer für Demokratie nennt, bedächtig den Finger hebt, erläutert er kurz und knapp den Fahrplan, auf dem Libyen zu Wohlstand, Freiheit, Frieden und sozialer Gerechtigkeit schreiten wird: „Gadaffi no good!“ Gadaffi ist nicht Gott! Beziehungsweise Allah. Und damit ist wohl alles gesagt. Abdul Salam, der sympatische Medizinstudent, bekräftigt es später an der Rückzugsstraße der Aufständischen, auf der die Blütenrevolutionäre flüchtenderweise ein Truckrennen veranstalten. Und befragt, wie sie das Kämpfen gelernt hätten – „Das ist Dschihad, Mann, das ist so einfach wie Köpfe abzuschneiden.“ Dschihad? Oft mißverstanden, von finsteren Gestalten, wie Osama bin Laden, hier klingt der Fortschritt durch. Dschihad! Ein Dschihad für die Emanzipation der Frau, für die Gleichberechtigung der Religionen, für Bildung und Lernen, für Moderne, und einen Journalismus, in dem einer vom anderen abschreibt.

Während die Fortschrittler später irrtümlich während eines Freudenfeuers, das sie über das Eintreffen amerikanischer Waffen und französischer Munition veranstalteten, von den Bordraketen mehrerer unterstützender  „Mirage“  – Flugzeuge zerrissen werden, die das für Luftabwehrfeuer hielten, bleibt im Betrachter das wohlig warme Gefühl einer Menschenrechtsrevolution, deren Flüchtlinge wir heute schon beköstigen dürfen.

*Zum Beispiel den westlichen Wert, vor der Anwesenheit einer mittelalterlichen Kultur einzuknicken und jedes, aber auch jedes Verbrechen zu entschuldigen, das die Kulturträger dieser Kultur begehen.  Kein Leichtes, für ansonsten kritische Journalisten, die nicht mal davor zurückschrecken, Angesichts der Inquisition, den Papst zu reizen. Bild: 1911 *Österreichs illustrierte Zeitung* Anhänger Gadaffis versuchen eine als Waffen getarnte Leiche zu schmuggeln. Aber die Koalition der Willigen ist wachsam! Nie wieder Auschwitz! Selbe Quelle: Fassungslos stehen die ausländischen Freiwilligen vor dem Beweis einer neuen Schreckenstat des Diktators. Um die Koalition getürkter Verbrechen zu überführen, liess er Erschossene herankarren, um sie als Kollateralschäden zu präsentieren. Pfui Teufel!

Das ist Dschihad!


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