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Katyn

Achtung. Geschichtsklitterei! Denn natürlich waren das die Nazis! Zumindestens hätten sie es gewesen sein können, wenn sie es auch nicht waren. Aber darauf kommt es doch gar nicht an. Immerhin haben sie ja Millionen anderer … nicht? Und da ist das doch Wurscht, ob sie es waren oder nicht, sagen wir mal, sie waren es.

Eine Schweizerin muß flüchten

BASLER NACHRICHTEN. FREITAG 31. MAI 1940,  ZEITUNGSZEUGE.

Eine Schweizerin muß flüchten

Wenn die folgenden Schilderungen einer Auslandsschweizerin auch ins letzte Jahr und in uns weit zurückliegend erscheinende Ereignisse führen, mag dieses Flüchtlingsschicksal uns an unsere mittellos aus den Kriegsgebieten eintreffenden Landsleute erinnern und zu erneuter Hilfeleistung ermuntern. Red.

Es war Anfang September. Die  Nachrichten waren schon erschreckend und die deutschen Truppen rückten immer mehr vor. Unter den schweren Bombardierungen flüchteten die Einwohner von Pomeranien und Posen nach Osten. Da vorauszusehen war, daß auch in unserer Gegend die Bombardierung bald einsetzen würde, begab ich mich, einer Vorsichtsmaßregel folgend, mit meinen zwei Kindern und meiner treuen Dienerin zu einem Forstmeister, der etwa 12 Kilometer von uns entfernt in der Nähe der Wälder wohnte. Einige Tage später überflogen deutsche Bomber Wolhynien und zerstörten die Bahnhöfe und die Transportzüge der Verwundeten. Sobald wir das Summen der feindlichen Flieger vernahmen, verließen wir das bescheidene Häuschen, um in den Wäldern Zuflucht zu suchen; wir harrten stundenlang aus, Seite an Seite gedrängt, versteckt durch die Kronen der Bäume, in dem wir die im Kreise fliegenden Bomber beobachteten. Tausende von Flüchtlingen durchzogen trotzdem zu jeder Tagesstunde unseren Wohnort. In Bauernwagen eingepfercht, mit ihrer traurigen Habe, Zivilisten, Frauen, Kinder, Greise, alles durcheinander, war es die hoffnungslose Wanderung eines erschöpften Volkes, das gegen Osten gerade vor sich hinzog. Ihr Mitleid erregender Blick bat um Hilfe – ein Glas Milch, ein Bissen Brot. Ich bot ihnen an, was ich hatte und hörte erschüttert den Bericht der furchtbaren Szenen an, die sie erlebt hatten.

Eines Tages rief mich mein Mann telephonisch sofort nach Hause zurück. Die Sowjettruppen hatten soeben die Grenze überschritten und würden bald bei uns eintreffen. Sogleich brach die Panik im Dorfe aus. Die meisten Leute entschlossen sich auf der Stelle, den Ort zu verlassen. Wir aber blieben und – uns der Vorsehung anvertrauend – erwarteten wir die Ereignisse. Anderen Tages, am 18. September, marschierten die Sowjettruppen in unserem Dorfe ein; es gab blutige Scharmützel zwischen den Roten und polnischen Soldaten, die sich nicht ergeben wollten. Ein roter Ausschuß organisierte sich sogleich, mit dem Schumachermeister des Dorfes an der Spitze. Man konnte schon nichts mehr kaufen. An die zurückgebliebenen Dorfbewohner wurden Karten verteilt mit schmalen Rationen. Auch persönliche Rachsucht wütete bereits. Ein Förster wurde in den Kerker geworfen und nur der Bittgang seiner Frau zu einem Mitglied der G.P.U. rettete ihn. Die Kühe der Bauernhöfe wurden als nationales Eigentum erklärt, der Grundbesitz verteilt und eine Generalabstimmung sollte alle Unterschriften herbeibringen zur Ernennung des bolschewistischen Oberhaupts des Lokal- Sowjets.

In diesem Zeitpunkt entschieden wir uns zur Abreise. Mein Mann hatte sich geweigert zu stimmen und erwartete daher von einem Augenblick zum anderen seine Verhaftung. Wir nahmen ungehindert den Zug von T. nach Kowel; er war von roten Truppen überfüllt und wir verbrachten die Nacht stehend im Gang des Eisenbahnwagens, ich mit meinem kleineren Sohn auf dem Arm. In Kowel mußten wir auf dem Fußboden des Bahngebäudes schlafen, neben Tausenden von Flüchtlingen, die wie wir auf den nächsten Zug warteten, der wieder zu fahren begonnen hatte. Im überfüllten Wartesaal war der Geruch dermaßen erstickend, daß wir die Fliesen des eiskalten Ganges vorzogen, wo diejenigen sich auf Decken ausstreckten, die sich, wie wir, nicht vor der Kälte fürchteten. Am nächsten Tag, gegen 5 Uhr, gab es einen Kampf ohne Gnade, um den Güterwagenzug zu besteigen, der uns nach D. führen sollte. Dort waren wir überglücklich, ein winziges Zimmerchen zu finden bei einer jüdischen Frau, die ihr Haus voller Flüchtlinge hatte. Es war unmöglich, einen Laib Brot zu erstehen. In den Straßen marschierten Kosaken vorbei, ferner Tscherkessen mit ihren hohen Mützen, und daneben defilierten mit weiblichen Sowjet-Soldaten vollbesetzte Lastwagen an uns vorbei.

…Nach zwei Monaten Wartezeit und Not, in unmöglichen  Lebensverhältnissen, wo wir des nachts durch ununterbrochenes Schießen aufgeschreckt wurden, des Tages durch den Anblick der Elenden auf der Straße so erschüttert, daß man die Augen schloß, um nichts mehr zu sehen, wo die kalte Feuchtigkeit eines unheizbaren Zimmers schrecklicher war als die Kälte draußen – nun endlich ist es die Rückkehr in die Schweiz, wo wir, wie der Vogel auf dem Zweig, auf eine bessere Zukunft warten.  L.de M.


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